Kolumne: Nils Petersen schreibt für die DeichStube
„Chapeau, Per, für deine Worte“
Von Nils Petersen. Per Mertesacker hätte nichts sagen müssen und ab Sommer das Ende seiner Karriere genießen können. Aber er nutzt seine Popularität, seine Beliebtheit und seine Reichweite, um ein ganz wichtiges Thema anzusprechen.
Viele Fußballer werden aufatmen, dass sich ein derart prominenter Spieler so etwas traut und von seinem ganz persönlichen psychischen Druck berichtet. Und die Fans bekommen dadurch einen Einblick, den sie so wahrscheinlich nicht erwartet hätten und der tief blicken lässt. Dass Per dafür von einigen Menschen kritisiert worden ist, halte ich für völlig unangebracht. Es dürfen und es müssen auch mal die negativen Aspekte im Leben eines Profis genannt werden.
Jede Woche als Spieler von Arsenal oder der Nationalmannschaft gewinnen zu müssen, in den Medien bei Misserfolg abgewatscht zu werden, mit Fehlschüssen und Fehltritten konfrontiert und vom Fan auch mal gescholten zu werden, das ist kein Zuckerschlecken. Bei einer Heim-WM froh zu sein, wenn endlich der Ballast abfällt, nach über 15 Jahren Profidasein über körperliche und psychische Folgen zu berichten, Verletzungen als Pause zu nehmen – das ist doch alles völlig nachvollziehbar.
In jedem Beruf gibt es Druck
Viele Menschen verspüren Druck – in wohl jedem Beruf. Jeder nimmt das anders wahr, hat andere Symptome. Für den Fußball kann ich sagen: Die Zuschauer sehen am Wochenende volle Stadien, kennen in etwa die Spielergehälter und wissen um die Privilegien, die jeder Profi genießen darf. Wenn ein Spieler schwächelt, dann wird gerne auf ihm rumgehackt, weil es offenbar dazugehört. Das ist nicht immer einfach für uns Spieler.
Ich weiß, ein Arzt steht auch gewaltig unter Druck, ein Kindergärtner hat wahnsinnige Verantwortung, Handwerker schinden ihren Körper tagtäglich. Sie leisten enorm wichtige Arbeit, retten Leben, prägen Kinder und erleichtern unseren Alltag. Würden sie offen und ehrlich nach außen tragen, wie es ihnen an manchen Tagen ergeht – es würde sich bei vielen wohl ähnlich anhören wie die Worte von Per.
Mertesacker an den Pranger zu stellen ist eine Frechheit
Ich habe Respekt vor jeder Arbeit. Aber uns nur wegen der hohen Gehälter keine ungeschminkt ehrlichen Sätze zu gönnen, da mag ich nicht mitgehen. Trotz aller Privilegien sind wir Menschen, die Gefühle haben und tägliche Arbeit unter der öffentlichen Wahrnehmung verrichten. Per Mertesacker hat uns mit vielen anderen Spielern zusammen großartige Turniere und tollen Fußball geschenkt.
Ihn jetzt an den Pranger zu stellen, weil er trotz aller Leiden seiner Berufung weiterhin nachgeht, seinen Job als Fußballprofi nicht nur als Sonnenseite des Lebens aufzeigt und sich zukünftig dafür einsetzen will, jungen Menschen dabei zu helfen, besser mit Druck umgehen zu können, empfinde ich als Frechheit. Das gehört sich nicht gegenüber einem besonderen Menschen und Vorbild, wie es Per Mertesacker ist.
Fußballer wissen um ihre Verantwortung
Ich bin da nur ein kleiner Fisch in diesem Bundesligabecken und spiele an einem tollen, medial nicht groß aufgestellten Standort. Dennoch kämpfe auch ich Woche für Woche damit, dem Druck standzuhalten und meiner Verpflichtung nachzukommen, den Fans, der Stadt, dem Verein und meinen Mitspielern ein guter Arbeiter zu sein. Per Mertesacker konnte seine Länderspielpausen nicht in der Heimat verbringen, er hat Englische Wochen en masse bestritten und stand viel öfter in den Zeitungen als ich. Da ist es sehr interessant, zu erfahren, wie so ein großartiger Berufskollege mit diesem ganzen Druck umgegangen ist und wie er das auch jetzt meistert.
In der Kabine ist so ein Interview wie von Per Mertesacker aktuell natürlich ein Thema. Und im Abstiegskampf, wie ihn Bremen oder auch wir gerade führen, ist es sehr speziell mit dem Druck. Wir enttäuschen Menschen, aber auch unsere Partner, Familien, Freunde und Kollegen mit schlechten Leistungen, wir sind im Abstiegsfall schuld daran, wenn Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren und werden für immer mit diesem Abstieg in Erinnerung bleiben. Der eine oder andere Kritiker mag vergessen, dass wir Fußballer um unsere Verantwortung wissen. Und dieser gerecht zu werden, kann schon mal unangenehmen Druck erzeugen, allen Gehältern und Privilegien zum Trotz. Hoch lebe Aufklärung und Ehrlichkeit: Danke, Per Mertesacker!
DeichStuben-Kolumnist Nils Petersen vor dem Spiel von Werder Bremen bei Bayern München: „Einfach mal die Kaugummi-Sorte wechseln...“
Zur Person: Der 29-jährige Stürmer kam 2012 vom FC Bayern München zum SV Werder Bremen. Für die Grün-Weißen erzielte er in 72 Pflichtspielen 18 Tore und bereitete neun weitere vor, ehe er im Januar 2015 zum Bundesliga-Konkurrenten SC Freiburg transferiert wurde. Im Breisgau ist Petersen – wie auch schon im Bremen – Publikumsliebling. Seine Bilanz: 109 Pflichtspiele, 61 Treffer, 12 Assists. Bemerkenswert: Mit 20 Toren als Einwechselspieler ist Petersen der erfolgreichste Joker der Bundesliga-Geschichte. In der aktuellen Torjägerliste der Bundesliga liegt er mit zwölf Treffern auf Rang drei.
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