Atomkraftwerk ohne Strom? So hoch ist die Gefahr einer nuklearen Katastrophe
Wenn im AKW Saporischschja der Strom ausfällt, droht eine Kernschmelze. Die Gefahr sei real, sagt ein Experte. Dann könnte es auch Deutschland treffen.
Saporischschja – Viele Europäer machen sich derzeit Sorgen wegen des Ukraine-Konflikts. Sie fragen sich: Wie weit würde der russische Präsident Wladimir Putin im Zweifel gehen? Schreckt er nicht mal vor einem Atomkrieg zurück? Tatsächlich ist eine andere atomare Gefahr derzeit aber viel realer – und könnte im schlimmsten Fall auch uns betreffen.
Ukraine-News: Experten zur Lage in den Atomkraftwerken
Experten sind gerade aus verschiedenen Gründen besorgt. Erstens: Die ukrainische Atomruine Tschernobyl und Saporischschja, das größte Atomkraftwerk in Europa, sind von Russen angegriffen und besetzt worden. Russische Streitkräfte haben jetzt also die Kontrolle und das Kommando über die Anlagen. Zweitens: Zu beiden Atomanlagen besteht derzeit kein Kontakt, die Überwachungssysteme der Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sind ausgefallen. Die IAEA kann die Kernkraftwerke auch nicht über Telefon, E-Mail oder Fax erreichen – und zeigt sich darüber sehr besorgt. Drittens: Das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl war von der Stromversorgung abgeschnitten. Das Gleiche könnte in Saporischschja passieren – und genau das versetzt Experten in Alarmbereitschaft.
Atomkraftwerk Tschernobyl: Droht im Ukraine-Krieg Kernschmelze wegen Stromausfall?
Doch zunächst zu der Lage in Tschernobyl: Bei dem Beschuss im Bereich des ehemaligen Atomkraftwerks am 24.02.2022 sind Stromleitungen zerstört worden. Das teilte der ukrainische Netzbetreiber Ukrenerho mit. Die Kämpfe ukrainischer und russischer Soldaten nördlich von Kiew verhindern aktuell alle Reparaturarbeiten. Die mangelnde Stromversorgung ist ein Problem. Denn seit der Katastrophe im Atomkraftwerk 1986 lagern dort radioaktive Abfälle.
Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba schrieb am Mittwoch auf Twitter, dass Dieselgeneratoren den Stromausfall 48 Stunden lang ausgleichen könnten. „Danach werden die Kühlsysteme des Lagers für abgebrannten Kernbrennstoff abgeschaltet, wodurch Strahlungslecks unmittelbar bevorstehen“. Das klingt mehr als besorgniserregend. Doch mittlerweile hat die IAEA auf Twitter Entwarnung gegeben. Trotz des Stromausfalls könne das radioaktive Material sicher gelagert werden. Die Brennelemente befänden sich in ausreichend großen Kühlbecken, die auch ohne Strom genug Wärme ableiten könnten.
Stromversorgung in Tschernobyl unterbrochen – droht nun Gefahr für die Brennelemente?
Doch was würde passieren, wenn das Kühlbecken wegen eines längeren Mangels an Stromversorgung die Brennelemente nicht mehr kühlen könnte? Auch Wolfgang Raskob, Experte für Atomkraft-Unfälle am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), gibt Entwarnung. „Die Gefahr, die derzeit von Tschernobyl ausgeht, ist sehr gering“, sagt er exklusiv im Gespräch mit kreiszeitung.de.
Der Grund: Die Brennelemente seien sehr alt. Selbst, wenn ihre Kühlung durch einen Stromausfall nicht mehr funktionieren könnte, würden sie nicht schmelzen. Eine neue Kernschmelze, wie damals, sei ausgeschlossen. Gefahr bestehe lediglich für die Arbeiter vor Ort. Doch auch diese könnten sich trotz des Ukraine-Kriegs schützen. „Falls die Brennelemente wirklich komplett trocken liegen würden, dürfte vor Ort niemand mehr in die Anlage“, so Raskob. Dann seien auch diese Menschen relativ sicher vor der Strahlung. Das ist beruhigend. Anders sieht es derzeit aber in Saporischschja aus.
Experten in Sorge wegen Saporischschja: Diese Gefahr droht im größten Atomkraftwerk Europas
Die schlechte Nachricht: Die Situation bei Tschernobyl ist nicht das einzige atomare Problem in der Ukraine. Denn genau die Gefahr, die man bei Tschernobyl derzeit sieht – kein Kontakt und keine Kontrollmöglichkeiten, von Russen besetzt, Stromausfall droht – besteht gerade auch in Saporischschja. Zwar gibt es auch hier kein akutes Risiko einer Nuklearkatastrophe – das könnte sich aber im Ukraine-Krieg schnell ändern, befürchtet Wolfgang Raskob. Der Experte, welcher sich mit dem Unfallschutz nach kerntechnischen Unfällen befasst und derzeit in ständigem Kontakt mit ukrainischen Spezialisten ist, sieht zwei Risiken.
Stromausfall oder Fehlbedienung im Atomkraftwerk Saporischschja: Was passiert im Worst Case?
Risiko Nummer eins: Zwei der sechs Kernreaktoren des größten Atomkraftwerks Europas, Saporischschja, sind derzeit in Betrieb – und unter der militärischen Kontrolle russischer Truppen. Diese lassen derzeit die Ersatzmannschaft der ukrainischen Arbeiter des Atomkraftwerks nicht hinein. Das versteht Raskob überhaupt nicht, sagt er. „Durch Dauerstress und Schlafmangel erhöht sich bei der Bedienmannschaft das Risiko einer Fehlbedienung, weil sie nie ausgewechselt werden. Wenn dann eine kritische Situation entsteht und falsch reagiert wird, kann schnell mal was passieren.“ Auch die Atomenergiebehörde IAEA mache sich darum Sorgen.
Risiko Nummer zwei: Einen großflächigen Ausfall der Energieversorgung in der Ukraine kann man derzeit nicht ausschließen. Bei einem aktiven Atomkraftwerk ist es natürlich viel wichtiger, dass die Brennelemente durch Strom kontinuierlich gekühlt werden, damit eine Kernschmelze verhindert wird. Doch was passiert, wenn es in Saporischschja langfristig, also über viele Tage, zu einem Stromausfall kommt?
Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine: Brennstäbe könnten 48 Stunden mit Notstrom gekühlt werden
„Die Brennstäbe produzieren auch Wärme, wenn die Reaktoren abgestellt sind“, sagt Raskob. „Wenn man die nicht weiter kühlt, schmelzen sie. Und dann kommt es zu einer Kernschmelze, die in den Boden eindringt.“ Wie 2011 in Fukushima.
Die gute Nachricht: Auch in Saporischschja würde Notstromdiesel die Kühlung für 48 Stunden gewährleisten. Danach müsste man sehr schnell die Stromleitungen reparieren, oder weitere Notfallmaßnahmen, wie in Fukushima, treffen, um den Kern von außen zu kühlen. Im absoluten Worst Case wäre der Kern innerhalb von wenigen Tagen dann so heiß, dass er durchschmelzen würde, sagt Raskob. Dann würde auf jeden Fall radioaktives Material freigesetzt werden. Raskob selbst schätzt die Russen aber so ein, dass sie dies verhindern wollen – und dabei helfen würden, wieder die Stromversorgung herzustellen, bevor es dazu käme.
Kernschmelze im Atomkraftwerk im Ukraine-Krieg: Wie stark wäre auch Deutschland betroffen?
Mal angenommen, es käme wirklich zu einer Kernschmelze in der Ukraine – wie stark wäre Deutschland davon betroffen? „Das kommt ganz drauf an, wie dann der Wind weht“, sagt Raskob. „Zurzeit weht der Wind von Norden nach Süden, in den nächsten Tagen würde es Deutschland also nicht treffen.“ Notfallmaßnahmen seien derzeit nicht erforderlich.
Der Wetterexperte Jörg Kachelmann hat den Fall einer Nuklearkatastrophe offenbar schon durchgespielt. Auf seiner Wetter-Webseite „kachelmannwetter.com“ kann man sich derzeit auf interaktiven Karten anzeigen lassen, wie sich die Winde um die Atomkraftwerke Süd-Ukraine, Riwne, Chmelnyzkyj und eben Tschernobyl und Saporischschja entwickeln.
Nukleare Gefahr für Deutschland: Sollte es zu einer Kernschmelze im AKW Saporischschja kommen, muss Wind ungünstig stehen
Falls der Wind wirklich ungünstig steht, also von Ost nach West weht, und es zur Kernschmelze kommt, hätte in Deutschland vor allem die Landwirtschaft ein Problem, sagt Raskob. Denn Obst und Gemüse wären dann durch radioaktive Stoffe kontaminiert. Und wir würden diese aufnehmen, falls wir sie essen.
„Ich mache mir derzeit aber viel mehr Sorgen um die Kollegen vor Ort“, sagt Raskob. Diese würde es bei einer nuklearen Katastrophe direkt treffen. Jeden Tag telefoniert er mit einem seiner Kollegen in der Ukraine. „Auf der einen Seite ist da sehr viel Angst. Aber auf der anderen Seite auch ein ganz starker Durchhaltewillen. Die wollen nicht aufgeben. Und sie werden es auch nicht.“ *merkur.de, fr.de und kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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