Steigende Coronazahlen
Corona-Sommerwelle 2022: Lauterbach sieht wenig Entspannung – Inzidenz steigt
Die Corona-Sommerwelle 2022 ist Realität. Die Fallzahlen in Deutschland steigen rasant. Schon gibt es laute Forderungen an Lauterbach nach schnellen Maßnahmen.
Berlin/Oldenburg – Es ist nur ein kleines Wort, das aber so viel nach sich ziehen könnte: „Sommerwelle“. Am Mittwochmorgen, dem 15. Juni, erklärte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sie gegenüber der Rheinischen Post zur traurigen Realität. Angesichts der rasant steigenden Fallzahlen blieb ihm wohl oder übel auch gar nichts anderes übrig, denn die aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) sprechen eine deutliche Sprache: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 472,4 – und damit fast doppelt so hoch wie vor einer Woche. Damit sind die Hoffnungen auf einen relativ Corona-freien Sommer, wie in den zwei Jahren davor, dahin.
Corona-Sommerwelle in Deutschland: Karl Lauterbach sieht wenig Entspannung
„Wenig Entspannung“ sieht Gesundheitsminister Karl Lauterbach in den kommenden Wochen auf Deutschland zukommen – trotz des relativ schönen Wetters, das endlich wieder Begegnungen im Freien möglich macht. So sorglos wie zuletzt werde es allerdings wohl nicht bleiben: Der gefühlt so verdiente Sommereffekt sei dieses Mal einfach „verpufft“.
Laut Lauterbach liege das daran, dass die meisten der Infektionsschutzmaßnahmen weggefallen seien. Wenn wieder mehr Menschen in Supermärkten oder Restaurants ohne Schutz durch Masken und Abstandsregeln aufeinandertreffen, kommt es naturgemäß auch wieder zu mehr Ansteckungen. Vor allem, wenn man es, wie gerade, mit den hochinfektiösen Omikron-Varianten BA.2 und BA.5 zu tun hat.
Corona-Sommerwelle: Landkreis Oldenburg derzeit Spitzenreiter mit einer Inzidenz von 1495,4
Durch diese ungünstige Kombination wird nun eine Corona-Sommerwelle begünstigt, die die Coronazahlen schlagartig in die Höhe treibt. Der Landkreis Oldenburg bekommt das momentan besonders deutlich zu spüren. Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1495,4 ist er derzeitig trauriger Spitzenreiter in Deutschland. Doch auch im restlichen Niedersachsen sieht es nicht gerade besser aus: Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner hat sich seit vergangenem Mittwoch mehr als verdoppelt: von 313,8 auf 721,7. Nur Schleswig-Holstein lag im Bundesländervergleich mit 732,9 noch darüber, wie das RKI berichtete.
Trotz der Möglichkeit, sich als geimpfter Mensch mit dem Coronavirus anzustecken: Ältere und Vorerkrankte sollten ihren Schutz unbedingt durch eine vierte Impfung auffrischen lassen, empfiehlt neben Lauterbach auch Dirk Heinrich, Vorsitzender des Virchowbundes, einem Interessenverband für niedergelassene Ärzte. Von der Politik will er außerdem eine schnelle und effektive Vorbereitung auf die mögliche Corona-Welle im Herbst sehen.
Corona in Deutschland: Freiwillige Maßnahmen können überlasteten Krankenhäusern in der Corona-Sommerwelle helfen
Ähnliches ist auch von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund zu hören: „Das Experiment Eigenverantwortung ist gescheitert. Wir sind noch lange nicht in der Normalität angekommen, nach der wir uns alle sehnen und die uns durch den Wegfall der verpflichtenden Schutzmaßnahmen suggeriert wird“, sagte der Erste Vorsitzende, Hans Martin Wollenberg. Konkret ruft der Marburger Bund die Menschen dazu auf, sich impfen zu lassen und auch weiterhin bei Veranstaltungen Masken zu tragen – freiwillig.
Auch wenn es derzeit nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, könne man so einander schützen. In Niedersachsen sei das Gesundheitssystem auch jetzt schon überstrapaziert, so Wollenberg – teils müssten Patienten in der Notaufnahme über zwölf Stunden auf ein freies Krankenhausbett warten oder in weit entfernte Kliniken gebracht werden.
Corona-Sommerwelle: Alles nur „Panikmache“ laut CDU-Politiker
Ein etwas anderes Lagebild hat offenbar Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der CDU: Gegenüber der Welt sagte er, er habe „kein Verständnis“ für die „Panikmache“ des Gesundheitsministers. „Von der beschriebenen ‚Sommerwelle‘ merkt man doch höchstens etwas in den Statistikbüros des RKI.“ Es gehe nicht darum, wie viele Menschen mit Corona infiziert seien, sondern darum, ob das Gesundheitssystem überlastet werde. Bei den aktuellen Varianten sei das „offensichtlich“ nicht der Fall.
Von Lauterbach forderte er stattdessen in erster Linie Strategien, wie man Schulen offenhalten und gleichzeitig verhindern könne, dass sie zu Hotspots werden. „Wenn dann auch genügend Impfstoff vorhanden ist, kommen wir ohne größere Probleme durch den Herbst und Winter“.
Corona-Sommerwelle nicht zum „Tsunami für Pflegebedürftige und Schwerstkranke“ werden lassen
Der Stiftung Patientenschutz reicht das Wort „Sommerwelle“ hingegen nicht aus. „Damit die steigenden Infektionszahlen sich nicht zu einem Tsunami für Pflegebedürftige und Schwerstkranke entwickeln, muss Karl Lauterbach jetzt gegensteuern“, sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa. Die Corona-Bürgertests müssten über den Juni hinaus verlängert werden und tägliches Testen in der Altenpflege sollte ohnehin Pflicht sein.
Corona-Sommerwelle könnte Debatte um einrichtungsbezogene Impfpflicht neu aufrollen
Die einrichtungsbezogene Impfpflicht für Pflege- und Gesundheitspersonal wird durch die Diakonie Deutschland in der Debatte um die Corona-Sommerwelle wieder ins Gespräch gebracht. „Corona macht keine Sommerferien“, sagte der Präsident des evangelischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Lilie, laut dpa. Der derzeitige Anstieg der Infektionszahlen sei „ein dringender Weckruf“. Nötig sei eine Gesamtstrategie für den kommenden Herbst. Nur dann würde die derzeit „völlig in der Luft hängende einrichtungsbezogene Impfpflicht Sinn“ machen.
„Wer jetzt den Sommer vertrödelt, riskiert in einem furchtbaren Herbst aufzuwachen“, warnte Lilie. Dazu müsse „die Ampel-Koalition das Infektionsschutzgesetz verlängern und wieder schärfen, damit es nicht erneut zu vielen Arbeitsausfällen und vermeidbaren schweren Erkrankungen und Todesfällen kommt“.
Digitalisierung der Gesundheitsämter ausbauen, um Klinik-Kollaps wegen Corona-Welle zu verhindern
Länder und Kommunen müssten bei der Digitalisierung der Gesundheitsämter endlich „Nägel mit Köpfen machen“, forderte Lilie weiterhin und sprach damit ein Thema an, das auch dem Expertenrat der Bundesregierung bei der Pandemiebekämpfung wichtig ist. In ihrer jüngsten Stellungnahme machten sie deutlich, dass man dringend „ein digitales Echtzeitbild“ der Lage in den Krankenhäusern benötige, um den drohenden Kollaps des Gesundheitssystems abzuwenden, wenn es tatsächlich zu einer gleichzeitigen Grippe- und Corona-Welle kommt, wie derzeit befürchtet.
Nun bleibt abzuwarten, ob und vor allem wie schnell das Gesundheitsministerium unter Lauterbach den derzeitigen Corona-Basisschutz mit neuen Maßnahmen aufstockt – angesichts dieser Warnrufe ein Wettlauf mit der Zeit, wie auch die derzeitige Pandemie-Entwicklung in Portugal auf besorgniserregende Weise zeigt.
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