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Jördis Frommhold warnt eindringlich davor, die Corona-Langzeitfolgen zu unterschätzen: Viele ihrer Patienten sind durch Long Covid arbeitsunfähig.
Heiligendamm – Dass Jördis Frommhold eine Expertin für Long Covid wurde, hat sich so ergeben. Bis vor zwei Jahren hat die Chefärztin der Median Klinik Heiligendamm vor allem Lungenpatienten behandelt. Doch dann kamen Corona und die Langzeitfolgen: Long Covid. Frommhold hat die „neue Volkskrankheit“ zur eigenen Chefsache gemacht. Und gilt als absolute Spezialistin der Erkrankung, über die man nur wenig weiß; für die Forscher noch keine Ursache finden konnten – und damit auch kein Medikament.
Long Covid-Spezialistin warnt im Interview: Die „neue Volkskrankheit“ wird uns lange begleiten
Alles, was Frommhold für ihre Patienten tun kann, ist, die Symptome zu behandeln. Die Ärztin tut dies mit Herzblut und Einsatz. Auch, weil sie täglich sieht, wie sehr ihre Patienten unter den Langzeitfolgen leiden. Geschmacksverlust und Haarausfall in Büscheln gehören dabei zu den harmlosen Symptomen. Manche Betroffene, darunter viele junge Menschen, können ihren Alltag nicht mehr bewältigen. Sie haben Probleme, sich zu konzentrieren, kommen kaum aus dem Bett, können nicht mehr arbeiten. Über ihre Schicksale schreibt Frommhold in ihrem Buch „Long Covid - die neue Volkskrankheit“ (C.H.Beck Verlag). Sie sind nicht allein. In Deutschland sind schätzungsweise schon eine Million Menschen von Long Covid betroffen. Wegen der hohen Inzidenzen wird es in nächster Zeit vermutlich noch mehr Menschen treffen.
Frau Frommhold berät auch Politiker wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und warnt davor, die Auswirkungen von Long Covid zu unterschätzen: „Wenn viele Menschen in systemrelevanten Berufen über Monate und Jahre ausfallen, kann das auch weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben“, sagt sie. Doch das ist nur ein Grund, warum ihr Aufklärung so wichtig ist. Ein Gespräch über die unterschätzte Krankheit Long Covid und die Corona-Langzeitfolgen.
Long Covid-Spezialistin warnt im Interview: „Auch von Omikron kann man Long Covid bekommen.“
kreiszeitung.de: Frau Dr. Frommhold, Sie bezeichnen Long Covid als neue Volkskrankheit. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?
Dr. med Jördis Frommhold: „Überhaupt nicht.“
Wie viele Menschen sind in Deutschland von Long Covid betroffen?
„Knapp 14 Millionen Menschen gelten laut Statistik als von Covid-19 genesen. Nicht wenige davon leiden heute unter Long Covid. Wie viele genau, dazu gibt es ganz unterschiedliche Untersuchungsergebnisse. Manche Analysen haben ergeben, dass 40 Prozent der Ungeimpften nach einer Corona-Infektion Long Covid bekommen. Ich gehe eher von 10 Prozent aus.“
Und bei den Geimpften?
„Da sind es meiner Schätzung nach 5 Prozent. Das klingt relativ wenig. Doch alleine in Deutschland sind schon jetzt circa eine Million Menschen betroffen. Und gerade nimmt die Krankheit nochmal richtig Fahrt auf.“
Ist es nicht unwahrscheinlicher, von Omikron Long Covid zu bekommen, als von Delta? Schließlich gilt Omikron als weniger aggressiv...
„Omikron ist ja nicht nur mild, das ist ein Trugschluss. Bei Ungeimpften kann auch Omikron sehr schwer ausfallen. Gerade hatte ich eine Patientin, 41 Jahre, eigentlich topfit, aber nicht geimpft. Die lag vier Wochen auf der Intensivstation. Leider gibt es auch bei den Geimpften Durchbruchsinfektionen. Diese können auch zu Long Covid führen. Wie viele das bei Omikron sein werden, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.“
Die Long Covid-Expertin Jördis Frommhold (l.), der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler (m.), und der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (r., SPD) bei einer Pressekonferenz über Corona.
Haarausfall, extreme Müdigkeit, Gedächtnisprobleme: Es gibt 200 verschiedene Long Covid-Symptome
Woher weiß ich, ob ich Long Covid habe? Welche Symptome gibt es?
„Es gibt über 200 verschiedene Symptome. Aber man muss unterscheiden. Es gibt zum einen Patienten, die auf der Intensivstation an der Lungenmaschine hingen. Die haben noch Probleme beim Atmen oder eine Leistungsmilderung. Das kann man aber gut therapieren. Wenn diese Menschen die Lungenmaschine gepackt haben, haben sie eine gute Prognose, wieder ein normales Leben zu führen.“
Was ist mit den anderen?
„Das sind die Patienten, die eine mittelschwere oder sogar eine unbemerkte Infektion hatten. Diese Menschen bekommen ein bis drei Monate nach Corona erneute Symptome. Die meisten haben Haarausfall. Manche so stark, dass sie büschelweise ausfallen, weil Corona bei vielen die Haarwurzel angreift. Eine 32-jährige Patientin hat mir mal ein Bild von sich von früher gezeigt. Sie hatte so schöne lange blonde Haare, sah aus wie ein Model. Dann saß sie vor mir auf dem Stuhl, mit ihren dünnen, stumpfen Haaren, und hat geweint. Der Haarausfall ist für die meisten meiner Patienten schlimm. Obwohl es natürlich noch ganz andere Symptome gibt, die wirklich das Leben beeinträchtigen.“
Das klingt heftig. Welche Symptome sind das?
„Viele leiden unter extremer Fatigue, sind also sehr müde und erschöpft, kommen kaum aus dem Bett. Andere haben massive und schmerzhafte Gelenk- und Muskelbeschwerden oder Blutdruckentgleisungen. Oder aber, sie haben schwere kognitive Einschränkungen, können sich also nichts mehr merken. Ein Patient von mir lässt zum Beispiel jeden Tag den Schlüssel im Auto stecken. Vor kurzem kam eine Studie raus, die zeigt, dass Corona sogar das Hirn schrumpfen kann.“
Das klingt beängstigend.
„Das ist es.“
Was hat das für Folgen, wenn das Gehirn schrumpft?
„Auch, wenn das Gehirn laut Studie nur 0,2 bis 2 Prozent schrumpft, könnte das Folgen für die Intelligenz eines betroffenen Menschen haben. So eine Studie macht natürlich Betroffenen Angst, die merken, dass ihr Gehirn gerade nicht so gut funktioniert. Die fragen sich, wie lange das so bleibt.“
Wie lange hat man denn Long Covid?
„Das Problem ist, dass man immer noch so wenig über Long Covid weiß. Man kennt noch immer nicht die Ursache für die Erkrankung, es gibt also kein Medikament dagegen. Solange man nicht weiß, wo genau Long Covid entsteht, kann man nur die Symptome behandeln.“
Long Covid-Spezialistin über Corona-Langzeitfolgen: „Meine Patienten müssen verstehen, dass sie jetzt ein anderes Leben haben.“
Worunter leiden Ihre Long-Covid-Patienten denn besonders?
„Vor allem junge Betroffene sehen auf den ersten Blick gesund und fit aus. Die leiden sehr darunter, dass ihnen niemand glaubt, dass es ihnen schlecht geht. Weder die Familie, noch der Arbeitgeber. Sogar manche Ärzte erkennen die Krankheit noch nicht als solche. Wenn die Betroffenen dann bei mir in der Klinik sind, weinen manche vor Freude, weil ihnen endlich jemand glaubt.“
Warum glauben viele diesen Menschen nicht?
„Ich habe gerade einen Soldaten in Behandlung, der ist trainiert wie Arnold Schwarzenegger – und kommt die Treppe nicht mehr hoch. Wenn man sich mit der Krankheit nicht auskennt, kann man sich das natürlich nicht vorstellen. Deswegen ist Aufklärung auch so wichtig.“
Woran liegt das, dass er plötzlich so schwach ist?
„Oft liegt es an der falschen Atemtechnik, dass man keine Luft mehr bekommt. Das kann man trainieren. Anders sieht es aus, wenn wirklich eine Fatigue vorliegt, die Menschen sich also erschöpft fühlen. Die müssen akzeptieren, dass sie jetzt erstmal ein anderes Leben führen müssen.“
Ein anderes Leben?
„Ja. Eine Kollegin, die Long Covid hat, kommt an manchen Tag nicht aus dem Bett, ist dann schweißgebadet. Wenn es ihr einen Tag wieder gut geht, ist sie natürlich happy, und denkt, alles ist wieder beim alten, und überfordert sich. Das alles ok ist, ist aber ein Trugschluss. Diese Patienten müssen lernen, sich auch an guten Tagen zu schonen, um ihre Kräfte für die schlechten Tage zu sparen. Sie müssen ihre Grenzen kennen. Das ist auch für den Soldaten schwer. Der will einfach nur sein normales Leben zurück. Das geht aber gerade nicht.“
Das muss deprimierend für diese Menschen sein.
„Absolut. Sie müssen annehmen, dass sie eine chronische Erkrankung haben, die momentan nicht heilbar ist. Dass sie sich nicht überfordern dürfen, zum Beispiel mit Sport. Sie müssen für ein möglichst normales Leben ihre Kräfte aufteilen. Bei mir in der Klinik haben vor allem Männer damit ein Problem.“
Ach was.
„Ja. Ich hab hier Manager und Chefs, die sagen mir, dass ich sie in drei Wochen fit machen soll. Das klappt natürlich nicht. Ich habe leider keinen Zauberstab. Denen muss ich erstmal klarmachen, dass sie eine chronische Erkrankung haben.“
Definition von Long Covid:
Gesundheitliche Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase einer SARS-CoV-2-Infektion von 4 Wochen fortbestehen oder auch neu auftreten.
Long Covid: Symptome können nur behandelt werden – noch keine Medikamente gegen Corona-Langzeitfolgen
Was schätzen sie, wann wird es Medikamente gegen Long Covid geben?
„Das kann ich nicht sagen. Momentan gibt es noch keine Heilung für diese Krankheit. Aber durch Therapie und auch eigenständige Übung, Mitarbeit und Selbstfürsorge der Patienten, lassen sich die Symptome lindern.“
Sehr viele Menschen bekommen gerade Corona. Kann man sich irgendwie vor Long Covid schützen?
„Mittlerweile gibt es viele Studien, die zeigen, dass eine Impfung die Wahrscheinlichkeit, an Long Covid zu erkranken, um 70 Prozent reduziert. Doch auch, wenn man einen Impfdurchbruch hat, kann man etwas tun. Ich hatte vor zwei Monaten selbst Corona. In der Akutphase habe ich bewusst die Atemübungen gemacht, welche auch in meinem Buch stehen. Ich bilde mir ein, dass das präventiv geholfen hat. Ich behaupte: Wenn ich während der Erkrankung vorbeugend einige Dinge beachte, richtig atme und mich schone, dann kann ich selbst das Risiko verringern, Long Covid zu bekommen. Also: Schonen, bis man sich wirklich ganz normal fühlt. Long Covid ist auch ein Problem unserer Leistungsgesellschaft. Das rächt sich jetzt.“
Ihnen ist Aufklärungsarbeit extrem wichtig, Sie organisieren selbst Weiterbildungsseminare für Ärzte, damit es diesen leichter fällt, Long Covid zu diagnostizieren. Außerdem ist gerade Ihr Buch erschienen. Warum ist es Ihnen so wichtig, über dieses Thema zu sprechen?
„Corona hat die Welt verändert. Und die Pandemie ist noch lange nicht vorbei. Auch, wenn es jetzt Lockerungen gibt – die Inzidenzen sind hoch, und wir müssen weiterhin vorsichtig sein. Die Menschen müssen verstehen: Long Covid wird für unsere Gesellschaft weiterhin eine große Herausforderung bleiben. Ganz abgesehen von den Schicksalen der Menschen, die auch mich als Ärztin emotional berühren. Wenn unsere Gesellschaft diese Pandemie nicht nur überstehen, sondern sogar gestärkt daraus hervorgehen will, dann müssen wir die Betroffenen verstehen und unterstützen. Und außerdem in exzellente Forschung und Verbesserungen im Gesundheitssektor investieren.“
Frau Dr. Frommhold, herzlichen Dank für das Gespräch