Leidenschaftliche Autodidakten

Paula-Modersohn-Becker-Museum zeigt „Die Maler des Heiligen Herzens“

Séraphine Louis, Marguerites, 1929, Öl auf Leinwand, Sammlung Zander.
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Die Malerei war kurzzeitig ihre Rettung: Séraphine Louis, Marguerites, 1929, Öl auf Leinwand, Sammlung Zander.

Mag der Name auch reichlich kitschig klingen, die Werke in dieser Ausstellung sind es so gar nicht. Unter dem Titel „Die Maler des Heiligen Herzens“ versammelt das Paula-Modersohn-Becker-Museum fünf Autodidakten.

Bremen – „Die Maler des heiligen Herzens“: ein denkbar kitschiger Ausstellungstitel – und zugleich eine recht erfolgreiche Marketingstrategie. Ausgedacht hatte sie sich Wilhelm Uhde, ein aus Deutschland stammender und in Paris wirkender Kunsthistoriker und Kunsthändler, der zunächst vor allem dadurch bekannt geworden war, dass er als einer der Ersten Größen wie Pablo Picasso und George Braque förderte und ausstellte. Allerdings distanzierte er sich ziemlich bald von den beiden Malern – sie bewegten sich für seinen Geschmack zu sehr von Intuition und Sinnlichkeit weg. Denn Kunst und Menschlichkeit waren für Uhde untrennbar miteinander verbunden, und diese Ansicht sollte sich auch bei jenen Künstlern widerspiegeln, die er der Öffentlichkeit präsentierte. Bei Henri Rousseau (1844 bis 1910), Louis Vivin (1861 bis 1936), Séraphine Louis (1864 bis 1942), André Bauchant (1873 bis 1958) und Camille Bombois (1883 bis 1970) wurde er schließlich fündig: Fünf Autodidakten, die ihr Können zu Beginn des 20. Jahrhunderts abseits des klassischen Kanons gelernt hatten, und die er unter dem Titel „Die Maler des Heiligen Herzens“ 1928 zu einer Ausstellung zusammenbrachte.

Fast 100 Jahre danach gibt es ab diesem Samstag eine Wiederholung dieser Schau, und zwar im Paula-Modersohn-Becker-Museum. Dort sind 50 Gemälde zu sehen, die in jeweils eigenen Künstlerräumen die Geschichten der Maler erzählen. Ein eindrucksvoller Überblick, von Henrike Hans kuratiert, der zeigt, dass die Fünf trotz aller stilistischen und motivischen Unterschiede vor allem eines verbindet: eine große Leidenschaft für die Malerei. Die einzelnen Künstler im Überblick:

Henri Rousseau

Sein Werk wurde schon früh in den Kanon der modernen Kunst aufgenommen – weshalb sein Name den Ausstellungsbesuchern durchaus bekannt sein sollte. Wer nun aber eines seiner weltbekannten Dschungel-Gemälde erwartet, der wird umdenken müssen. Statt wilder Wälder gibt es Visionen einer friedlichen Natur, der etwas Magisches innewohnt – und die trotz der sich um 1900 stetig ausbreitenden Industrialisierung existierte. Egal, ob ein verlassenes Ruderboot auf einem kleinen See oder eine Mühle am Fluss: Kein Farbton ist hier dem Zufall überlassen, ein wohlüberlegtes Spiel von Grün- und Grautönen erzeugt eine äußerst melancholische Stimmung. Dass dem „Zöllner“, wie sich Rousseau mit Blick auf seinen gelernten Beruf auch selbst nannte, dabei manches Mal die Perspektive ins Rutschen gerät oder sich Bäume in Richtungen biegen, die die gemalte Landschaft so gar nicht hergibt? Geschenkt. Diese Ungereimtheiten tragen nur zum besonderen Charme der Werke bei.

Louis Vivin

Auf die Bilder von Louis Vivin stieß Wilhelm Uhde auf einem der Straßenmärkte am Montmartre, wo der Künstler seine Arbeiten ausstellte. Der ehemalige Postbeamte, der sich der Malerei erst nach seiner Pensionierung voll und ganz widmete, brachte immer wieder Pariser Straßenansichten auf die Leinwand – ohne sich auch nur ein einziges Mal für Perspektive oder Rauminterpretation zu interessieren. Sein Blick auf die Bauwerke zeigt zwar selbst den kleinsten Punkt einer Fassade detailgenau, lässt dafür aber den Fluchtpunkt völlig außer Acht. Eine Entscheidung, die vermutlich nicht einem künstlerischen Unvermögen, sondern einer bewusst getroffenen Konzentration auf die Architektur einer Stadt zugeschrieben werden kann. Denn auch bei Autodidakten wie Vivin hätte nach Hunderten Parisansichten irgendwann ein Lerneffekt einsetzen müssen. Übrigens malte er niemals vor Ort, sondern immer von Postkarten ab.

Séraphine Louis

Als Wilhelm Uhde 1912 das erste Mal eine Malerei der einzigen Frau in der Ausstellung bewunderte, musste er eine überraschende Entdeckung machen: Die Künstlerin war als Haushaltshilfe bei ihm beschäftigt. Als Uhde nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris zurückkehrte, stieß er 1927 erneut auf Bilder der Malerin – und unterstützte sie fortan. Allerdings nahm Louis nur die von ihm bezahlten Leinwände entgegen, die Farben für ihre großformatigen Fantasiepflanzen mischte sie weiterhin selbst. Dabei benutzte sie flüssige Lackfarbe, die sie schnell auf am Boden liegende Leinwände aufbrachte – ohne zu warten, bis die einzelnen Schichten getrocknet waren. So schuf sie Blüten und Blätter, die sich in den Raum auszubreiten scheinen und den Gemälden einen lebhaften, fast schon psychedelischen Sog verleihen.

Mit der Unterstützung durch Uhde begann für die Malerin, die zuvor vor allem Möbel mit ihren Motiven dekoriert hatte, eine äußerst produktive Zeit, die 1930 allerdings ein abruptes Ende nahm. In der Folge der Weltwirtschaftskrise musste der Kunsthändler Uhde nämlich die Förderung von Séraphine Louis beenden. Eine Entscheidung, die sie zwei Jahre später in eine psychiatrische Anstalt bringen sollte, wo sie 1942 auch starb. Louis hatte bereits seit Jahren an einer psychischen Erkrankung mit religiösen Wahnvorstellungen gelitten, die sie dank der Malerei bis zu einem gewissen Grad bewältigen konnte – als dieses Ventil verschwand, verfiel sie vollends ihren apokalyptischen Visionen.

André Buchant

Der gelernte Gärtner war im Ersten Weltkrieg als Soldat zunächst in Mudros, später in Thessaloniki stationiert, was André Bauchants Faszination für die Antike noch einmal befeuerte. Inspiriert von der griechischen Landschaft schuf er großformatige Bilder, in denen er zumeist Szenen der griechischen Antike aufgriff. Während die Menschen in seinen Arbeiten wie seelenlose Klone daherkommen, die in keiner Beziehung zueinanderstehen, sind seine Gesteinsformationen dafür umso beeindruckender. Mit einem sehr guten Auge fürs Detail malte Bauchant mit matter Farbe auch die kleinsten Risse in die Berge und schuf so eine malerische Harmonie.

Camille Bombois

Er wuchs als Sohn eines Binnenschiffers auf einem Schleppkahn auf, verdiente sein Geld als Ringkämpfer auf dem Jahrmarkt, übernahm Ausschachtungsarbeiten bei der Pariser Métro und wurde schließlich Maler: Als er seinen Zeitgenossen zum ersten Mal künstlerisch auffiel, konnte Camille Bombois bereits auf ein sehr abwechslungsreiches Leben zurückblicken. Ein Umstand, der natürlich auch Einfluss auf seine Gemälde hatte, in denen er zahlreiche Porträts von Clowns, Tänzerinnen und anderen Zirkustypen auf die Leinwand brachte. Aber nicht nur das, auch Spiegelungen und Reflexionen auf dem Wasser hatten es ihm angetan. Egal, welches Motiv, zwei Dinge fallen bei allen Arbeiten gleichermaßen auf: die leuchtenden Farben und festen Formen. Dabei scheint die Leinwand oftmals zu klein für den Maler, etliche der von ihm porträtierten Frauen – meist seine eigene – schaffen es nicht ganz aufs Bild, ihre Köpfe, Knie und Ellenbogen sind manchmal übergroß und oftmals nur angeschnitten zu sehen. Und mit Füßen schien Bombois ganz besonders große Probleme zu haben – weshalb die Beine der Gemalten immer kurz über dem Knöchel enden. Der Ausdrucksstärke der Werke tut dies aber keinen Abbruch, sondern verstärkt die Präsenz und Dynamik der Körper noch.

Der Besuch

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. März im Paula-Modersohn-Becker-Museum zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, das unter museen-boettcherstraße.de zu finden ist.

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