Gastronomen vor Herausforderungen
„Wir werden beschimpft“: 3G-Regel startet in Bremen
Zutritt in die Innenräume nur noch für Geimpfte, Getestete und von Corona Genesene - das gilt seit Mittwoch in der Bremer Gastronomie. Die „3G-Regel“ stellt die Gastronomen vor neue Herausforderungen.
Bremen – „Seit Mittwoch geht der Umsatz zurück“, sagt Lothar „Barry“ Randecker, Geschäftsführer der Meierei im Bürgerpark und des „Theatro“ am Goethetheater. Seit Mittwoch gilt in der Stadt Bremen in der Innengastronomie die „3G-Regel“ – Zutritt nur für Geimpfte, Getestete und von Corona Genesene. Grund: Der Inzidenzwert liegt seit Tagen über der von der Politik als kritisch eingestuften Marke 35. Die coronageplagte Gastronomie klagt bereits über Besucherrückgang.
Anerkannt werden PCR-Tests, Antigenschnelltests und vor Ort unter Aufsicht durchgeführte Selbsttests, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Und die Gäste? Sie meiden die Innenräume, sagt Randecker. „Sogar die Geimpften haben Angst.“ Auch draußen sei seit Mittwoch weniger los, was allerdings auch am Wetter liegen könne. Vor dem „Theatro“ setzten sich zwar etliche Gäste, jedoch weit auseinander. Bei der Meierei ziehe es die Besucher in den Seegarten – dort sei viel Platz. Froh ist Randecker, dass mittlerweile ein Punkt geklärt sei: Für den Gang zu Toilette gilt die „3G-Regel“ nicht.
Gastronomen in Bremen beklagen Umsatzrückgang
Detlef Pauls versteht die neue Regelung zwar, ärgert sich jedoch, die Informationen erst Vortag und auf Nachfrage bekommen zu haben. Er ist unter anderem Vorsitzender des Bremer Gastro-Verbandes Dehoga und Geschäftsführer des Ringhotels Munte am Stadtwald, das neben Zimmern auch über Gastronomie verfügt. Die Hotels hätten alle Kunden anrufen müssen, die am nächsten Tag zum Frühstück kommen wollten. „Wir werden von Gästen beschimpft“, sagt Pauls. Einige Kunden seien abgereist. Hotelgäste müssen sich zweimal in der Woche testen. Reine Restaurantbesucher brauchen für einen Besuch einen höchstens 24 Stunden alten Test. Pauls hat bereits einen Rückgang im Restaurant bemerkt.
Auch die Bremer Gastro-Gemeinschaft (BGG) beklagt, von der Kurzfristigkeit der Maßnahme überrollt worden zu sein. Man habe frühestens zum 23. August mit der Umsetzung der Maßnahmen gerechnet.
Ressortsprecher Fuhrmann verweist auf die Entscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz am 10. August. Bremen habe noch am selben Tag gesagt, dass der Beschluss so umgesetzt werden solle, so Fuhrmann. „Es war immer von ,spätestens‘ dem 23. August die Rede“, sagt Fuhrmann. Die Entwicklung des (steigenden) Inzidenzwertes sei auch in Bremen seit Tagen ersichtlich gewesen. Vorlauf sei demnach durchaus gegeben gewesen. Thorsten Lieder, BGG-Geschäftsführer, beklagt ferner den Mehraufwand bei „3G“, während der Gastronomie etwa 30 Prozent des Personals fehlten. Auch hätte sich die BGG als Ausgleich für die strengeren Maßnahmen eine Lockerung der Abstandsregel gewünscht, da ja alle geimpft, genesen oder getestet seien. „,3-G" bietet zwar einen hohen Schutz, aber keinen vollständigen. Auf Hygienekonzepte kann daher unter diesen Voraussetzungen nicht verzichtet werden, gerade wenn die Fallzahlen weiter steigen“, betont Fuhrmann.
Thorsten Lieder macht klar, dass er die Impfung für das einzig Richtige hält, um der Pandemie etwas entgegenzusetzen.
Ferrari: „Das ist wie ein Türsteher“
Marco Ferrari (50) betreibt die über Bremens Grenzen hinaus alteingesessene Gelateria Ferrari im Viertel. Nächstes Jahr wird der Familienbetrieb 120 Jahre alt. Obwohl er drinnen wie draußen viel Platz zum Sitzen hat, bietet Ferrari nur Eis zum Mitnehmen an. „Ich habe keine Angestellten mehr. Zehn Leute fehlen“, beklagt er. Sein früheres Personal habe sich wegen der Corona-Schließzeit umorientiert. Zur Zeit habe er nur eine Aushilfe, früher unterstützten ihn und seine Frau nachmittags vier Kräfte. Er brauche Minijobber und Festangestellte, wolle er Sitzplätze anbieten, sagt Ferrari. Um den Innenbereich zu öffnen, sei allein eine Person notwendig, die die Kunden aufkläre. „Das ist wie ein Türsteher. Das ist unangenehm für den Gast und für diese Person.“
Reyhan Özer betreibt „Rey’s Billard-Bar“ in Kattenturm allein. Am ersten Abend der Neuregelung kam Hektik auf, der zweite Abend sei der wirtschaftlich bisher schlechteste gewesen: Absagen, weggeschickte Leute, Mangel an Spontanbesuchern. Die Arbeit in der 400 Quadratmeter großen Billard-Bar ist für sie eine Herausforderung: Der Weg in die Gastronomie führt durch ein Treppenhaus. Am Eingang hat sie eine Glocke aufgestellt. Wenn es klingelt, muss sie dorthin und den „3G“-Check machen. Wie sie überhaupt die Echtheit der Unterlagen überprüfen soll, das habe ihr niemand erklärt.