Die Historikerin Kirsten Tiedemann hat die Geschichte der Kaisenhäuser erforscht

Erst Not, dann Freiheit

Findorff 1949: Pause bei Bauarbeiten an der Passauer Straße. Wer sein Haus praktisch aus dem Nichts aufbaut, entwickelt eine besonders enge Bindung dazu. · Band des Bremer Zentrums für Baukultur
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Findorff 1949: Pause bei Bauarbeiten an der Passauer Straße. Wer sein Haus praktisch aus dem Nichts aufbaut, entwickelt eine besonders enge Bindung dazu. · Band des Bremer Zentrums für Baukultur

Bremen - Von Thomas KuzajWohnen im Kleingarten? Was nach Idylle klingt, war aus der Not geboren. Die Kaisenhäuser wurden zu einer so speziellen wie bremischen Form städtischer Wohnkultur. Die Historikerin Kirsten Tiedemann, Jahrgang 1964, hat das Phänomen nun erstmals wissenschaftlich dargestellt. Ihre Studie erscheint als 16. Band der Schriftenreihe des Bremer Zentrums für Baukultur (BZB).

„Auch bei Familie Oldehoff in der Bayernstraße hatte man früh fließend Wasser in der Küche“, schreibt Tiedemann im Kapitel „Parzellen als Ausweg aus der Wohnungskrise“. Die Autorin war an den Vorbereitungsarbeiten für das Kaisenhausmuseum am Behrensweg 5 a beteiligt und führte dafür etliche Interviews. Sie flossen in die Studie ein, die Sozial- und Baugeschichte verbindet. Doch zurück zum fließenden Wasser der Familie Oldehoff: „Walter Oldehoff hatte außen am Haus eine Regenwassertonne auf halber Höhe angebracht und von dort eine Wasserleitung in die Küche gelegt.“ Im Sommer hatte die Konstruktion allerdings einen Nachteil. Es schwammen viele Mückenlarven in der Tonne.

Bremen in den letzten Kriegsmonaten, Bremen nach dem Krieg: Wohnraum ist knapp. Menschen beginnen, Parzellenhäuschen um- und auszubauen. So hatten sie ein Dach über dem Kopf – und konnten im Garten auch noch Obst und Gemüse anpflanzen.

Bremens Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD, 1887 bis 1979), dessen 125. Geburtstag am 22. Mai mit einem Denkmal am Herdentor, Ecke Wall gewürdigt wird, erlaubte das wilde Wohnen. „Mit dem sogenannten Kaisenerlass vom 1. August 1945 wurde das Repertoire der Notunterkünfte um das Behelfsheim auf der Parzelle auch offiziell erweitert“, schreibt Tiedemann. Die Behörden, etwa das Bauressort, beobachteten das von Beginn an kritisch – sie befürchteten unter anderem Bau- und Hygienemängel. Etwa 1955 aber sicherte Bürgermeister Kaisen, ganz Pragmatiker, den Bewohnern der ersten Generation ein lebenslanges Wohnrecht zu. Zu dieser Zeit, so Tiedemann, kam der Begriff „Kaisenhaus“ auf. 1974, Bürgermeister war inzwischen Hans  Koschnick (SPD), wurde das „Auswohnrecht“ per Dienstanweisung festgeschrieben.

In den 70ern (und den folgenden Jahrzehnten) zogen die Kaisenhäuser längst auch ein neues Publikum an  – Menschen auf der Suche nach alternativen und naturnahen Lebensformen.

Zurück in die 50er Jahre. Der Gedanke war eigentlich gewesen, dass die Parzellenbewohner in ihren „Behelfsunterkünften“ blieben, bis sie eine Wohnung gefunden hatten. Es war die Zeit des Neuaufbaus. Quartiere wie die Neue Vahr entstanden.

Doch es wollten längst nicht alle „Kaisenbewohner“ ihr Häuschen verlassen. „Das Wohnen auf der Parzelle verselbständigte sich“, sagt Tiedemann. Leihbüchereien, Tanzlokale, Geschäfte öffneten. „Enge soziale Netzwerke“ waren in den Kaisenhausgebieten entstanden. Hinzu kam eine emotionale Bindung der Bewohner an das Haus, das sie selbst um- und aufgebaut hatten. Etliche Kaisenhäuser wuchsen über die Jahre, wieder und wieder wurde angebaut – die Fachleute sprechen von „informeller Architektur“, sagt Professor Eberhard Syring, wissenschaftlicher Leiter des BZB. Sie entspringt (auch) einer Freiheit, die die Menschen sich genommen haben.

· Tiedemanns Buch „Bremens Kaisenhäuser – Mehr als ein Dach über dem Kopf“ kostet 16,90 Euro.

Am Dienstag, 8. Mai, spricht die Autorin beim BZB (Speicher XI, Überseestadt) über ihr Thema. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr.

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