Kampagne für Hilfe bei Belästigung
Kein Ärger mehr mit „Luisa“
Diskrete Hilfe in äußerst schwierigen Situationen – die Bremer Kampagne „Ist Luisa da?“ sollte genau dafür sorgen. Fühlte sich eine Frau in Bremer Clubs bedroht oder verfolgt, ging sie zum Barpersonal und konnte bis vor kurzem eben jenen „Code“-Satz sagen.
Bremen - Von Steffen Koller und Ralf Sussek. Doch das Projekt „Luisa“ hat sich nun erledigt. Alle knapp 30 am Projekt beteiligten Betriebe mussten entsprechende Flyer und Plakate abhängen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Das Personal hilft im Notfall immer noch.
Jedes Wochenende feiern in der Hansestadt mehrere tausend Menschen. Mal ausgelassen, manchmal eindeutig zu ausgelassen. Wiederholt kam es in den vergangenen Jahren zu sexuellen Belästigungen, nur selten trauten sich Frauen, den oder die Täter direkt mit ihrem Verhalten zu konfrontieren.
Der „Notruf Bremen – Psychologische Beratung bei sexueller Gewalt“ hatte 2017 deshalb das Projekt „Ist Luisa da?“ ins Leben gerufen. Mädchen und Frauen, die sich bedrängt fühlten, konnten mit dem Code das Barpersonal ansprechen und erhielten diskrete Hilfe. Die Angestellten riefen entweder ein Taxi oder brachten die Frauen in einen geschützten Nebenraum. Doch mit der Bremer „Luisa“-Kampagne ist vorerst Schluss.
Denn: Der Frauen-Notruf Münster, der das Projekt „Ist Luisa hier?“ 2016 ins Leben gerufen hatte, hat dem Notruf Bremen eine Unterlassungserklärung abgerungen. Hintergrund: Der Frauen-Notruf aus Münster hat sich die Marke „Luisa“ im Mai 2019 eintragen lassen, besitzt die Rechte an Konzept, Aussagen und dem Design für „Ist Luisa hier?“ – und verlangt für die Nutzung der sogenannten Corporate-Design-Lizenz eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 100 Euro. Dass die Bremer Kollegen den Kampagnennamen leicht – von „hier“ in „da“ – und das Design komplett abgeändert haben, spiele dabei keine Rolle, erklärte Lea Götz von der Koordinierungsstelle „Luisa“ aus Münster.
Mit der Abgabe der Unterlassungserklärung hat sich die „Luisa“-Kampagne für den Bremer Notruf nun erledigt. Es ging nämlich nicht, wie die Münsteraner bislang den Eindruck erweckten, um die Überweisung von 100 Euro. „Uns hat das Münsteraner Konzept nicht voll überzeugt“, sagte Katharina Charzynski, Psychologische Psychotherapeutin beim Bremer Notruf, gegenüber dieser Zeitung. Und dieses Konzept hätten die Bremer durch die Unterschrift unter den Vertrag umsetzen müssen. Nur: „Luisa“ dient ausschließlich dem Schutz von Frauen, das ist vertraglich festgelegt. so Charzynski. In Bremen soll das anders sein: „Wir wollen ein Hilfskonzept für alle.“
Da sowohl bei den Designvorgaben als auch bei den Inhalten gravierende Differenzen bestehen, dürfte eine gütliche Einigung schwierig werden. Zudem wurden den Angaben zufolge seitens der Münsteraner bereits in mehreren Schreiben mögliche Schadensersatzforderungen erwähnt.
„Wir werden ein neues Projekt erstellen“, kündigte Charzynski an. Mit einem anderen Namen, mit konzeptionellen Änderungen – ein eigener Ansatz eben.
Apropos eigener Ansatz: Die Idee für die „Luisa-Kampagne“ hatten womöglich gar nicht die Münsteraner, auch wenn sie diese für sich reklamieren. Ein solches Projekt gibt es seit 2016 in Großbritannien. In der Grafschaft Lincolnshire heißt der Code-Satz „Ask for Angela“ (deutsch: „Frag nach Angela“). Laut der Internetseite „luisa-ist-hier.de“ nutzen 51 Städte und Regionen in Deutschland die Aktion (Stand Ende 2018). „Wöchentlich kommen neue Anfragen hinzu“, sagte Götz.
Der Notruf Bremen steht mit seiner Haltung nicht allein: In Tübingen wollte der Verein gegen Antidiskriminierung die „Luisa“-Vereinbarung ebenfalls nicht unterschreiben. In 21 Tübinger Lokalen erhalten nun Frauen und Männer mit der Frage „Arbeitet Uli heute?“ bei sexuellen und rassistischen Belästigungen Hilfe.
Die Bremer Polizei, der für 2018 „Luisa“-Zahlen „im niedrigen zweistelligen Bereich“ vorliegen, begrüßt das Projekt, gerade weil das Personal sensibilisiert werde und so auch klar mache, sich von „solchen Verhaltensweisen zu distanzieren“, sagte Sprecher Nils Matthiesen.
Kommentar zum Thema: Markige Ideen
Von Ralf Sussek.
Der Streit um die Kampagne „Ist Luisa hier?“ wirft eine Frage auf: Geht es hier um die Sache oder ums Renommee? Dass der Frauen-Notruf Münster sich die Idee, die es auch in anderen Ländern gibt, als Marke schützen lässt – geschenkt.
Dass aber beim Design und bei Inhalten (der Beschränkung des Schutzes auf Frauen) allein das Münsteraner Empfinden das „richtige“ sein soll, kann nur verwundern. „Wir müssen aufpassen, dass unsere Marke nicht verwässert“, heißt es beim Frauen-Notruf.
Also geht es doch nicht um die Sache, nämlich die diskrete Hilfe für Frauen (und andere Menschen) bei Belästigung. Tübingen hat diese Engstirnigkeit richtig erkannt und eine eigene Kampagne gestartet. Ein Vorbild, dem der Notruf Bremen jetzt folgt. Am besten hätte man von Anfang an einen großen Bogen um „Luisa“ gemacht.