Neue Dimensionen in der Arbeitswelt
Homeoffice oder Officehome?
Der Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden ist so beliebt wie nie: Mehr als zwei Drittel der deutschen Beschäftigten, die während der Corona-Pandemie notgedrungen im Homeoffice arbeiten mussten, wollen diesen Heimarbeitsplatz beibehalten. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag des Energieversorgers Eon hervor. Katharina Klages, freiberufliche Professorin, Coachin und Trainerin, stellte während ihres virtuellen Vortrags im Verbund familienfreundlicher Unternehmen Zahlen daraus vor.
Landkreis Diepholz – Aber wo enden die Möglichkeiten der Telearbeit – wo beginnen die Schwierigkeiten? Und vor allem: Wie lassen sich die Interessen der so unterschiedlichen Arbeitnehmer und der Arbeitgeber zu einer effektiven Lösung bündeln? Fragen wie diesen geht Katharina Klages auf den Grund – diesmal mit knapp 20 Interessierten und Christian Willnat, dem Vorsitzenden des gastgebenden Verbunds, an der Spitze. Diese Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirksam zu unterstützen.
Unternehmen müssen jetzt die Frage beantworten, welchen Stellenwert Homeoffice einnimmt
Es war die Pandemie, die Familie und Beruf völlig überraschend in einer Form zusammenrücken ließ, die es bisher noch nicht gegeben hatte: Das Homeoffice, das Arbeiten vom eigenen Wohnzimmer oder der Küche aus, war plötzlich Pflicht. Mit Abebben der dritten Welle und Aufhebung dieser Pflicht steht die Rückkehr zu alten Arbeitsmodellen im Raum. „Es gab viel Unruhe“, stellt die Professorin fest und formuliert die entscheidende Frage so: „Was ist der richtige Weg: Rolle rückwärts, eine Mischung aus Neu und Alt, oder Rolle vorwärts?“
Genauso wichtig für ein Unternehmen mit effizienten Arbeitsstrukturen: „Wer möchte was? Wo liegt die gemeinsame Schnittmenge?“, formuliert die Professorin zwei entscheidende Fragen – und weiß: „Das muss erst mal ermittelt werden!“
71 Prozent der Arbeitnehmer wünschen sich das Homeoffice mindestens zeitweise
Die aktuelle Yougov-Umfrage unter Arbeitnehmern im Homeoffice hat ergeben: 71 Prozent möchten auch künftig im Homeoffice arbeiten. Aber nur 58 Prozent der Befragten hatten sich das bei einer Umfrage im Mai vergangenen Jahres gewünscht. Ständig zu Hause arbeiten – das möchte ein gutes Viertel (26 Prozent) der Befragten. Dagegen will fast die Hälfte (45 Prozent) zwischen Homeoffice und Büro mehrmals in der Woche wechseln.
Zum Vergleich: 2017 arbeiteten gerade mal elf Prozent der Arbeitnehmer im Homeoffice, hat Katharina Klages recherchiert. Im ersten Halbjahr 2020 waren es zwischen 30 und 36 Prozent. „Dieser Wert wurde auch während der Homeofficepflicht nicht überschritten.“ Das ist wenig überraschend: „Die Poststelle eines Unternehmens lässt sich nicht im Homeoffice organisieren“, nennt die Professorin ein Beispiel.
Homeoffice-Nachteil: Fehlendes Eingebundensein in Team und Organisation
Bei der Auswertung weiterer Umfragen hat sie zwei Spannungsfelder entlarvt. Das eine: fehlende informelle Kontakte zu Kollegen. „Man trifft sich nicht mehr auf dem Flur“, gibt die Referentin zu bedenken – und ebenso: „Informelle Kontakte sind wichtig für das Eingebundensein in die Organisation.“ Außerdem würden zufällige Treffen auf dem Flur wegfallen: „Sich austauschen können, das ist schon ein ganz gravierender Punkt.“ Das zweite große Spannungsfeld: die Abgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben, die oft schwierig sei – insbesondere für Menschen mit Problemen beim Zeit- und Selbstmanagement.
Will heißen: So unterschiedlich wie die Persönlichkeiten der Arbeitenehmer sind auch ihre Erfahrungen. Katharina Klages belegt das mit Zahlen aus einer weiteren Befragung von Homeoffice-Beschäftigten: 96 Prozent begrüßen demnach, dass sie weniger Fahrzeiten haben. 67 Prozent erklären, dass sie mehr arbeiten – sprich mehr leisten – können. Aber 72 Prozent vermissen den Kontakt zu ihren Kollegen.
Beschäftigte im Homeoffice spüren größeren Zwang, immer erreichbar zu sein
„Generell fühlen sich die Beschäftigten im Homeoffice mehr verpflichtet, erreichbar zu sein, und werden häufig kontrolliert“, hat Katharina Klages ermittelt. Eine weitere Stolperfalle: „Die Suche nach Schuldigen bei nicht funktionierenden Prozessen“, die möglicherweise – und ohne deren Wissen – Mitarbeitern im Homeoffice angelastet würden.
„Es lief doch gut – und sogar besser. Warum soll ich wieder ins Büro zurück?
Trotzdem: Viele würden nicht mehr ins Büro zurückkehren wollen. Ihre Argumente: „Es lief doch gut – und sogar besser. Warum soll ich wieder ins Büro zurück?“
Unmissverständlich stellt die Professorin klar, dass die lösungsorientierte Kommunikation der alles entscheidende Schlüssel ist – vor allem in der Frage, wie Arbeitsprozesse effektiv zu gestalten sind. Darüber müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam diskutieren. Katharina Klages weiß: „Dialog braucht Zeit, aber das ist gut investierte Zeit.“
Officehome als Alternative zum Homeoffice?
Sie gibt genauso zu bedenken: „Das Festhalten an starren, sachlich offensichtlich nicht notwendigen Regeln ist kontraproduktiv.“ Und mahnt: „Man darf New Work nicht über die Bedürfnisse der Mitarbeiter stellen!“
Genau deshalb, so erfahren die Teilnehmer, hat eine große deutsche Versicherung den Begriff Homeoffice umgekehrt und ein „Officehome“ geschaffen. Sprich das Büro so gestaltet, dass sich die Mitarbeiter dort persönlich wohlfühlen.
Unabhängig davon erinnerte sie an eine gesetzlich fest verankerte Tatsache: die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für seine Mitarbeiter.
