Der Marokkaner Lahcen Hayani D. stirbt bei einem Unfall

Radfahrer in Barver: Angefahren. Liegen gelassen. Tot.

Die Hasebrücke in Bramsche, auf der Lahcen Hayani D. mit vielen Menschen ins Gespräch kam. Hier wird um den Verstorbenen getrauert.
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Die Hasebrücke in Bramsche, auf der Lahcen Hayani D. mit vielen Menschen ins Gespräch kam. Hier wird um den Verstorbenen getrauert.

Es ist ein Montag, gegen 17.10 Uhr. Eine Verkehrsteilnehmerin findet an der Wagenfelder Straße in Barver einen verletzten Mann mit einem Fahrrad im Seitenraum. Ein Notarzt stellt kurze Zeit später den Tod des Mannes fest. Der ist 56 Jahre alt. Und bleibt zunächst ein Unbekannter. Ein unbekannter Toter. Zunächst auch in den Presseberichten dieser Zeitung.

  • Ein Radfahrer wurde angefahren und im Graben liegen gelassen. Er stirbt an der Unfallstelle.
  • Der Mann soll kremiert werden. Die melikitische Gemeinde Düsseldorf erfährt das und überführt den Leichnam für eine traditionelle Beisetzung nach Marokko.
  • Sein Name ist Lahcen Hayani D. Er hatte kurz vor dem Unfall ein Zimmer in Freistatt bei der Wohnungslosenhilfe bezogen.

Landkreis – Bis die Ermittlungen zu seinem letzten Aufenthaltsort in Freistatt führen. Der unbekannte Tote erhält einen Namen: Lahcen Hayani D., 56 Jahre, gebürtig aus Marokko. Die Familie bittet darum, nicht den vollen Namen zu nennen. In Freistatt ist die dortige Pastorin Silke van Doorn erschüttert, ob der Nachricht. Denn sie sagt: „Ich habe ihn nach Freistatt gebracht.“

Die Pastorin lebt mit ihrer Familie in Bramsche. Dort kennt man Lahcen Hayani D. als den „Mann von der Brücke“, der da neben seinem Rad auf einem Campingstuhl sitzt, einen markanten breitkrempigen Hut trägt. Viele kommen mit ihm ins Gespräch, viele bringen ihm Essen, einen Kaffee, Tee.

Obdachlos in Bramsche - Lahcen Hayani hat nie etwas gefordert

Auch Silke van Doorn unterhält sich mit ihm. Gerne und immer wieder, denn der Spaziergang mit dem Hund führt die Pastorin über diese Brücke über die Hase: „Dunkle Augen, aufmerksam und freundlich. Hayani gab jedem, der vorbeiging, das Gefühl, dass er gut Freund mit ihm sein konnte. Nie verlangte er etwas. Doch viele waren angerührt von ihm. Immer gab es eine echte Begegnung. Ein wirklich in sich ruhender Mensch.

Den ganzen kalten Winter 2020 / 2021 verbrachte er dort. Als das Frühjahr kam, war er nur noch selten in Bramsche zu sehen. Ab und an traf ich auf ihn. Immer wieder ein Treffen, das glücklich machte. Das ganze Jahr hindurch fragte ich mich, wie es ihm wohl gehen könnte.“

Pastorin Silke van Doorn vermittelt eine Unterkunft in Freistatt bei der Wohnungslosenhilfe

Im November 2021 trifft sie ihn in der Bramscher Fußgängerzone wieder: „Sofort strahlte er, umarmte mich, was bei ihm gar nicht merkwürdig war.“ „Weißt du, wo ich wohnen kann?“ habe Hayani D. sie gefragt. Er wollte diesen Winter nicht wieder unter der Brücke sein. „In Bramsche fand ich nichts für ihn. Aber ein paar Tage später gab ich ihm die Adresse in Freistatt“, erinnert sich Silke van Doorn.

Pastorin Silke van Doorn

In Freistatt, in den Häusern der Wohnungslosenhilfe von „Bethel im Norden“ gab es ein Zimmer für Hayani D., der nicht mit der Pastorin im Auto herfahren wollte. Er wollte den Zug nehmen, damit er sein Fahrrad mitbringen konnte.

Die erste Nacht schlief Hayani D. vor der Freistätter Moorkirche. Dann sei er zum Empfang geleitet worden, bekam ein Zimmer – und sei glücklich gewesen, berichtet Silke van Doorn: „Dreimal haben wir uns noch getroffen. Er war dankbar, dass er ein warmes Zimmer für den Winter haben konnte.“ Habe sich gefreut, sie zu sehen, berichtet van Doorn. „Wir waren am Dienstag, 21. Dezember, verabredet. Hayani wollte mir das Zimmer zeigen und seine Geschichte erzählen. Als ich am Dienstagmorgen auf dem Weg nach Freistatt war, bekam ich einen Anruf: Hayani ist tot. Obwohl er nur knapp drei Wochen in Freistatt war, kannten ihn schon viele. Alle hatte er bezaubert.“

Die Polizei sucht noch immer nach dem Unfallwagen

Die Polizei sucht nach dem Fahrer eines Lkw der Marke Mercedes-Benz, Typ Atego – kann keine Angaben zur Farbe machen oder ob es ein Modell mit Kastenaufbau oder mit Kipper war.

Ein Mercedes-Benz, Typ Atego: Laut Gutachten soll dies der Typ Lkw gewesen sein, mit dem der Unfallfahrer Lahcen Hayani D. angefahren hat.

„Er hat ihn angefahren und floh. Er ließ ihn einfach liegen“, ist Silke van Doorn über das Verhalten des unbekannten Fahrers fassungslos. „Lahcen Hayani D. aus Marokko, Maschinenbauingenieur, freiheitsliebend, und voller Freundlichkeit, Menschenfreund und Philosoph, ist tot. Er wurde nur 56 Jahre alt. Ich bin traurig. Ich bin fassungslos, dass ein Mensch einen anderen einfach so totmacht und sich nicht kümmert.“

Melikitsche Gemeinde Düsseldorf überführt den Leichnam für traditionelle Beisetzung nach Marokko

Der Tod von Lahcen Hayani D. wird in Bramsche bekannt. Die Menschen gedenken seiner an der Stelle, an der sie ihn immer gesehen haben: auf der Hasebrücke. Hier stellen sie Kerzen auf, sprechen Gebete.

Doch dann kollidieren Verwaltung und der islamische Glauben ein bisschen. Die Melikitische Gemeinde in Düsseldorf wird auf den Tod aufmerksam. Presseveröffentlichungen der Bramscher Nachrichten sowie Veröffentlichungen im weltweiten Netz finden den Weg nach Nordrhein-Westfalen – und zur Familie von Lahcen Hayani D. Die melikitische Gemeinde möchte den Leichnam abholen, zur Beerdigung gemäß der Religion des Toten und wendet sich an Pastorin Silke van Doorn. Die wendet sich an die Polizei, denn sie weiß nicht, wo sich der Leichnam befindet. Die Pastorin ist aber keine Angehörige. Der Datenschutz. Es gibt keine Auskunft...

Es ist der 30. Dezember 2021, und Silke van Doorn telefoniert unermüdlich. Denn es gilt zu verhindern, dass der Leichnam kremiert wird. Feuerbestattungen sind dem islamischen Glauben nach nicht gestattet. Pastorin van Doorn bleibt hartnäckig, „bis ich dann doch herausgefunden habe, wo sich der Leichnam befindet“. Vertreter der melikitischen Gemeinde reisen an, um den Verstorbenen zu überführen, nach Marokko, zu seiner Familie.

Seine Familie erfährt aus dem Internet vom Tod

Dass es eine solche gibt, stellt sich heraus, weil die Nachricht von seinem Tod per Internet eine Schwester in Frankreich und eine in Marokko erreicht. Silke van Doorn trägt die Informationen zusammen: Demnach stammte Lahcen Hayani D. aus Fes, hatte einen Zwillingsbruder, der geistig erkrankte.

Die Schwestern hatten jahrelang nichts mehr von ihrem Bruder gehört. Wie dieser nach Deutschland kam, ist noch ungeklärt. Gemeldet hat sich auch die Ex-Frau von Lahcen Hayani D. Die Heirat des Paares erfolgte 1997, die Frau brachte einen Sohn mit in die Ehe, heute 19. Warum die Familie, die in Dortmund lebte, auseinander ging – das bleibt Privatsache.

Da aufgrund der Pandemie Flüge nicht mehr so zahlreich und regelmäßig stattfinden, wurde die Rückführung des Verstorbenen in sein Heimatland weiter verzögert, er wurde mittlerweile aber nach muslimischem Brauch in Marokko beigesetzt. Mit Gedenkgottesdiensten in Bramsche und in Freistatt soll an Lahcen Hayani D. gedacht werden.

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