Rätselhefte sind beliebt
Kioske in Zeiten von Corona: Jetzt auch mit Toilettenpapier
Brinkum / Varrel - Wer raucht, gehört bei einer Corona-Infektion zur Risikogruppe, heißt es. Wenn also aufhören mit diesem Laster, dann jetzt. Außerdem bringt es die Pandemie und die damit verbundene Kontaktbeschränkung mit sich, dass die Menschen mehr Zeit zuhause verbringen. Sie lesen mehr, wie hier und da zu lesen ist. Doch spiegelt sich das tatsächlich in ihrem Konsum wider? Wir haben nachgefragt bei denen, die es wissen müssen: bei Kioskbetreibern, die mit einem breiten Angebot an Tabakwaren sowie Zeitungen und Zeitschriften aufwarten.
Schon in der Tabakbörse an der Syker Straße in Brinkum stellt sich heraus, dass die Raucher nicht so leicht vom Weg abzubringen sind. Das Geschäft macht seinem Namen alle Ehre. „Wir verkaufen mehr Zigaretten als sonst“, sagt die freundliche Verkäuferin, die ihren Namen nicht nennen möchte. „Die gehen hier zum Teil stangenweise über den Tisch. Die Leute hamstern wohl.“
Wie bestellt ordert der nächste Kunde – ein älterer Mann – ein Päckchen der Hausmarke Ruby. Wenig später legt eine Frau zwei Stangen John Player Special auf den Verkaufstresen und ordert noch eine Dose Chesterfield. „Beides wird mehr nachgefragt, Zigaretten und Zeitschriften“, sagt die Verkäuferin. Vor allem Rätselhefte stünden hoch im Kurs, gerade bei Älteren. „Was soll ich sonst zuhause machen? Man kann nicht raus, und die Enkel dürfen einen auch nicht besuchen“ – dies bekomme sie immer wieder von den Kunden zu hören. Dass die Senioren gerne mal etwas länger im Laden verweilen und sich mitteilen wollen, sei allerdings schon vor Corona der Fall gewesen. Eine weitere Kundin erzählt, dass ihr Betrieb sie in Kurzarbeit geschickt habe. Sie kauft sich eine Tageszeitung – und ein Rätselheft. „Da habe ich etwas Beschäftigung.“
Paketshop-Arbeiten haben wegen Coronavirus zugelegt
Die Verkäuferin hatte Freitagvormittag gut zu tun, zumal sie auch den im Laden befindlichen Paketshop betreut. Das Geschäft dort habe zugelegt. „Die Leute verschicken Pakete, etwa zum Geburtstag, weil sie sich nicht persönlich treffen können.“ In diesem Zusammenhang fällt ihr ein: „Wir verkaufen auch mehr Briefumschläge. Einige Kunden sagen, dass sie die für ihre Krankschreibung benötigten.“
Zeitschriften laufen auch bei Martina Mahlstedt, Inhaberin des Kiosks Varrel am Alten Postweg, gut. „Vielleicht sogar besser als vor der Corona-Krise“, sagt sie. Manche – vorwiegend ältere – Kunden würden gleich fünf oder sechs Hefte kaufen. „Ob sie jemandem welche mitbringen, kann ich aber nicht sagen.“ Wie auch: In den Gesprächen gehe es fast nur noch um Corona und den damit verbundenen Einschränkungen. „Was machen wir Ostern?“, würden sie viele Senioren fragen. Früher habe sie mehr erfahren. „Die Leute haben über den Umbau, den Garten, die Renovierung, den Wasserschaden und natürlich über die Gesundheit gesprochen.“
Junge Kundschaft fehlt während Corona-Krise spürbar
Der Chefin fehlt zurzeit die ganz junge Kundschaft. „Kinder, die hier mal zu sechst reinkommen und sich was Süßes aussuchen.“ Manchmal kämen Eltern mit ihrem Nachwuchs. Dies sei aber etwas anderes, als wenn sich die Kleinen für eine „Süßigkeiten-Party auf dem Schulhof“ eindecken würden.
Laut Mahlstedt sind es die Stammkunden „45/50 aufwärts“, die dem Kiosk die Treue halten. „Sie finden es toll, dass es uns noch gibt.“ Gleichwohl registriert die Inhaberin auch den einen oder anderen Fremdkunden, der sich Zigaretten raushole. Sie vermutet, dass dies mit der Schließung von Tabakläden in Einkaufszentren zu tun haben könnte. Trotzdem bezeichnet Mahlstedt die Nachfrage nach Tabakwaren als „verhalten. Ich schreie nicht hurra, wenn ich die Bestellung aufgebe. Das wird weniger“, stellt sie fest. Ihr Lieferant bestätige, dass dies fast überall der Fall sei.
Für Klopapier lässt ein Kiosk-Besitzer seine Beziehungen spielen
Martina Mahlstedt hat gut bestückte Regale mit Lebensmitteln, darunter Nudeln und zahlreiche Konservendosen. Sogar vier Pakete Mehl habe sie kürzlich noch auf dem Großmarkt für ihre Kunden ergattert. Die Auswahl habe aber nichts mit Corona zu tun. „Das hatten wir schon immer alles da.“ Und doch gibt es eine Ausnahme: Der Kiosk Varrel bietet jetzt Toilettenpapier an. „Beziehungen zu einer ehemaligen Klassenkameradin, die in diesem Bereich arbeitet“, habe das ermöglicht.
Eine Kundin, die das Toilettenpapier im Laden entdeckt, kann es kaum glauben. „Demnächst gibt es Toilettenpapier noch im Kiosk“, habe sie sich erst kürzlich noch spaßeshalber gedacht – angesichts der ständigen Diskussion über dieses rare Gut. Willkommen in der Realität.