Wenn Angst plötzlich den Alltag bestimmt: Hilfe zur Selbsthilfe in Stuhr

Schon scheinbare Alltäglichkeiten können bei Betroffenen starke Ängste auslösen.
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Schon scheinbare Alltäglichkeiten können bei Betroffenen starke Ängste auslösen.

Menschen mit Angst- und Panikstörungen können sich in einer Selbsthilfegruppe im Mehrgenerationenhaus in Brinkum austauschen. „Wir können nicht heilen, aber die Lebensqualität erhöhen“, sagt Leiter Heinz Sürstedt. Dies sei aber harte Arbeit und funktioniere nicht von jetzt auf gleich.

Brinkum – Angst haben, ohne dass wirklich eine Bedrohung vorliegt, meist in Begleitung von körperlichen Symptomen wie Herzrasen und Atemnot. Für die Betroffenen ist das schwer auszuhalten und bedeutet enorme Einschränkungen im Alltag. Ihre Angststörung wirft sie von jetzt auf gleich aus der Bahn. „In Balance“ heißt eine Selbsthilfegruppe im Mehrgenerationenhaus (MGH). Sie richtet sich an Menschen mit Angst- und Panikstörungen sowie daraus resultierenden depressiven Phasen. Die Teilnehmer treffen sich an jedem ersten Samstag im Monat.

„Die Leute kommen auf den letzten Drücker“

Das Angebot funktioniert wie andere Selbsthilfegruppen auch: Betroffene tauschen sich aus, helfen einander und stärken sich gegenseitig. Und doch gibt es einen Unterschied: Nach Auskunft des Leiters Heinz Sürstedt dauert es „erfahrungsgemäß sehr lange“, bis sich Menschen einer solchen Gruppe anschließen. Bis sie sich eingestehen, dass es ohne Hilfe von außen nicht mehr geht. „Die Leute kommen auf den letzten Drücker“, weiß Sürstedt. Ihm fällt das Beispiel einer Frau ein, die „1000 Gründe“ gesucht habe, keinen Kontakt aufzunehmen, bevor sie sich dann doch meldete. „Sich um die Wäsche kümmern, um das Frühstück für den Mann. Für Betroffene ist das auch ein großer Schritt.“

Auf dem Papier hat die Gruppe 15 Teilnehmer, Sürstedt spricht von einem Stamm von zehn Leuten. Wer hinzustoßen möchte, muss Kontakt zum MGH aufnehmen. Dessen Mitarbeiter reichen die Daten an Sürstedt weiter. Er entscheidet darüber, ob es zu einer Einladung kommt. Wenn ja, muss sich die Person im Rahmen des monatlichen Frühstücks öffnen. Oder wie Sürstedt es formuliert: Der Neuzugang stehe im „Blitzlicht“.

„Es muss passen“, sagt der Leiter. Bei Menschen mit einer Depression passe es oft nicht. „Wir haben schon ungeprüft Leute aufgenommen, die mit uns wenig zu tun hatten. Das hat andere Teilnehmer demotiviert“, begründet Sürstedt das Prozedere.

Mit der kleinsten Kleinigkeit überfordert

Als Beispiel aus der Gruppe fällt ihm die Angst ein, mit dem Auto in einen Stau zu geraten. „Schon setzen die Gedanken ein, man könnte im Stau ohnmächtig werden. Man gerät in eine Situation, aus der man sich nicht selbst befreien kann.“

Anderes Beispiel: die Angst, sich in einer Masse von Menschen zu bewegen. Sei es auf einem Konzert, einer Kirmes oder beim Einkaufen. Nicht Burnout, sondern Überforderung sei das Stichwort bei Angststörungen. „Die Leute sind mit der kleinsten Kleinigkeit überfordert. Dann ist ein Auto, das an der Ampel vor einem steht, schon ein Stau. Und der Kunde an der Supermarktkasse bedeutet Menschenmenge.“

Sürstedt erinnert sich an einen Freimarktbesuch, zu dem die Gruppe den Teilnehmer mit Angst vor Menschenmassen begleitet habe. „Wenn man vor Ort über seine Probleme reden kann, dann geht der Puls schon runter“, weiß der Leiter. Im Stau müsse gewährleistet sein, dass sich der Betroffene telefonisch Hilfe holen könne.

Gruppe mit großem Erfahrungsschatz

Für Sürstedt sind das verhaltenstherapeutische Maßnahmen. „Wir können nicht heilen“, betont er. „Aber wir können zu mehr Lebensqualität verhelfen. Wer zu uns kommt, legt von 20, 30 Prozent auf 70 bis 90 Prozent an Lebensqualität zu. Das ist aber harte Arbeit. Es geht nicht von jetzt auf gleich.“

Der Teilnehmer profitiere von dem großen Erfahrungsschatz der gesamten Gruppe. „Er muss für sich das Beste herausholen. Dran feilen, das Puzzle zusammensetzen. Es kann auch wieder ein Stück aus dem Puzzle herausfallen. Wichtig ist, damit umzugehen, um wieder am Leben teilnehmen zu können.“

Sürstedt verweist auf das Buch „Heute ist mein bester Tag“ von Arthur Lassen. An einer Stelle schaue der Leser in einen Spiegel. Die Botschaft: „Hier siehst du den Menschen, der für dich verantwortlich ist.“ Die Gruppe könne Impulse geben, umsetzen müsse dies jeder für sich.

Beginn immer mit einem Frühstück

Der Weg aus der Angst führt durch die Angst, aber nicht mit der Brechstange. Bei Höhenangst drei Meter in Richtung Abgrund gehen, auch wenn dann immer noch 30 Meter vor einem liegen. „Sich über kleine Schritte freuen. In der Gruppe bekommt man dafür Bestätigung“, sagt Sürstedt.

Über seine eigenen Angsterfahrungen möchte er nicht sprechen. Nur so viel: Er habe lange gebraucht, um das Richtige zu finden. Geholfen habe ihm eine Ferntherapie bei der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Hilfe zur Selbsthilfe sei das gewesen, und für ihn der Brustlöser. „Danach habe ich das Feld der aktiven Selbsthilfe selbst aufgemacht. Um anderen weiterzugeben, was ich erlebt habe. Damit sie nicht dieselben Fehler machen.“ Die Gruppe gibt es schon lange, seit knapp zehn Jahren hat sie ihren Platz im MGH.

Dass die Teilnehmer dort immer erst frühstücken, ist einem Zufall geschuldet. „Das haben wir einmal spaßeshalber gemacht. Da habe ich Dinge erfahren, die ich von den Leuten noch nicht wusste“, sagt Sürstedt. Seitdem wird geschlemmt, bevor jeder Teilnehmer im „Blitzlicht“ die vergangenen vier Wochen Revue passieren lässt. „Was ist passiert? Wie bin ich aus der Lage rausgekommen?“ – Darum geht es laut Sürstedt. Auch das ist ein kleiner Schritt, den Teufelskreis aus Angst, Erwartung und Vermeidung dauerhaft zu durchbrechen.

Kontakt

Die Selbsthilfegruppe „In Balance“ trifft sich jeden ersten Samstag im Monat von 9.30 bis 12.20 Uhr im MGH an der Bremer Straße 9. Die Treffen sind kostenfrei. Anmeldung und Infos unter 0421 / 80609874.

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