Sommerwetter 2019
Ausnahmewerte im Landkreis Diepholz? Schon vor 13 Jahren 37,5 Grad Hitze
Sengende Sonne, extreme Werte, hitzekollaps-verdächtige Temperaturen: Mit solchen Begriffen beschreiben Wettermeldungen die aktuelle Lage. Herrschen wirklich Ausnahmewerte im Landkreis Diepholz – oder hat es solche Ausschläge auf dem Thermometer schon früher gegeben? Manfred Kettel, Wetterexperte der Landwirtschaftskammer Nienburg, hat konkrete Zahlen.
Diepholz/Nienburg – Für die Landwirte in der Region sind seine Zahlen ein wichtiger Kompass: Manfred Kettel, Wetterexperte der Landwirtschaftskammer in Nienburg, registriert und dokumentiert Temperatur- und Niederschlagswerte, kann Entwicklungen über Jahre vergleichen – und geht mit sogenannten „Rekordwerten“ ganz sachlich um.
Dass Werte um 38 Grad im Schatten eben keine absolute Ausnahme-Erscheinung sind, kann Kettel mit Zahlen aus seiner Statistik beweisen. 37,5 Grad, so berichtet er, sind am 20. Juni 2006 in Bassum gemessen worden. In Diepholz waren es am 4. Juli 2015 exakt 37 Grad – und in Nienburg am 4. Juli 2015 37,6 Grad. Zum Vergleich: Am Mittwoch, also vor zwei Tagen, waren in Bassum 35,7 Grad, in Diepholz 35,8 Grad und in Nienburg 36 Grad gemessen worden.
Temperaturen müssten um zwei Grad steigen
Um die angekündigten Hitzerekorde zu brechen, müssten die Temperaturen also um zwei Grad steigen – ein Sprung, der nach den Erfahrungen von Manfred Kettel ungewöhnlich hoch ist. Seine Statistik belegt in der Regel Temperatursteigerungen von 0,1 bis 0,2 Grad. Doch am Donnerstag war es in Syke 38 Grad heiß.
„Die Temperaturen steigen. Das kann man nicht von der Hand weisen“, beschreibt Kettel den Trend. Allerdings gebe es solche Phasen immer wieder. Deshalb sieht er die alleinige Erklärung mit dem Klimawandel kritisch – und wünscht sich, dass in der Diskussion auch einmal andere Werte und Meinungen genannt werden.
Trockenheit extrem gefährlich
„Der Mai zum Beispiel war viel zu kalt“, sagt Kettel. 2,9 Grad unter dem Durchschnittswert habe die Temperatur in Bassum gelegen – und in Diepholz 1,6 Grad darunter. Unter dem Strich war es im ersten Halbjahr 2019, also von Januar bis Juni, jedoch 1,6 Grad zu warm.
Außerdem war es in diesem Zeitraum viel zu trocken: Gemessen am Durchschnittswert von 314 Litern Regen pro Quadratmeter fehlten 35 Liter: „Wir haben nur 279 Liter pro Quadratmeter gemessen.“
Im Juni gab es nur etwas mehr als die Hälfte der durchschnittlichen Niederschläge. In Borwede und Bassum registrierte die Landwirtschaftskammer 36 Liter pro Quadratmeter – im langjährigen Mittel jedoch 61. Die Messstelle in Wietzen (Landkreis Nienburg) ergab einen ähnlichen Wert: 37 Liter pro Quadratmeter im Juni 2019 gegenüber 59 Litern im langjährigen Juni-Mittel.
„Nur etwas mehr als die Hälfte der Niederschläge – das ist schon extrem“, sagt Manfred Kettel. Aber er ist überzeugt: „Über einen längeren Zeitraum gleicht sich das wieder aus.“ Gleichwohl sei die Verteilung anders als früher.
Zurzeit jedenfalls ist die Trockenheit extrem gefährlich: Der Deutsche Wetterdienst hat für heute die höchste Gefahrenstufe für Waldbrände im Landkreis Diepholz angekündigt.
„Wir sind mitten in einem trockenen Jahr ohne Vorräte“, blickt Kettel auf die Tatsache, dass es im Winter nur wenig geregnet hatte und die fehlenden Niederschläge nicht wieder aufgefüllt werden konnten. Normalerweise regne es im Winter.
Extreme Regenperiode im Herbst/Winter 2017
Im Herbst/Winter 2017 hatte es sogar eine so extreme Regenperiode gegeben, dass die Böden aufgeweicht waren. Die Gülle stand den Landwirten damals bis zum Hals, weil die Bauern diesen Wirtschaftsdünger bis zum Beginn der Sperrfrist im November kaum auf die Flächen bringen konnten.
„Das ist noch nicht so lange her“, sagt Kettel – und fügt zum Thema Wetterwechsel hinzu: „Es ist vielleicht etwas extremer geworden.“
Sorgen macht er sich aber nicht. Denn für Manfred Kettel zählt die langfristige Entwicklung. Aber der Wetterexperte der Landwirtschaftskammer weiß aus Erfahrung: „Der Mensch neigt immer dazu, das überzubewerten, was gerade aktuell ist.“
Zum Thema „Klimawandel in der Region“ hat Katia Backhaus eine Multimedia-Reportage erstellt. Dieses Projekt ist ein Gewinner des Deutschen Lokaljournalistenpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung Jahrgang 2018.