Geldautomaten-Sprengungen nehmen zu
Banken-Bomber terrorisieren Niedersachsen
Derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Bankautomat in Niedersachsen gesprengt wird. Die Polizei kann nur wenig ausrichten.
Hannover/Peine – Sonntag, 23. Januar dieses Jahres: Es ist 3:15 Uhr, die meisten Bewohner der 50.000-Einwohner-Stadt in der niedersächsischen Stadt Peine schlafen bereits. Plötzlich zerreißt ein gewaltiger Knall die Nachtruhe. Anwohner schrecken aus dem Schlaf – so auch Wladislav F.
| Deutsches Land: | Niedersachsen |
| Fläche: | 47.614 km² |
| Bevölkerung: | 7,982 Millionen (2019) |
| Hauptstadt: | Hannover |
| Regierungschef: | Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) |
Der 24-Jährige eilt zum Fenster. Dann plötzlich: ein helles Licht, noch eine Explosion. Die Scheiben klirren. Als er wieder hinschaut, ist die Straße vor der Bank gegenüber übersät mit Glassplittern. Drei Männer eilen hastig in die Filiale, dann wieder raus ins Auto. Das Ganze dauert nur wenige Minuten, dann sind die Männer weg.
„Massiver Anstieg“ von Geldautomaten-Sprengungen in Niedersachsen
Nur wenige Tage später explodiert eine weitere Bank in Edemissen, zehn Kilometer von Peine entfernt. Dieses Mal ist die Sprengkraft so groß, dass die Filiale vollständig zerstört wurde, nun als einsturzgefährdet gilt. Wieder konnten die Täter mit dem Bargeld flüchten.
Fälle wie diese sind in Niedersachsen keine Seltenheit mehr. Eine Verbrechenswelle zieht sich durchs Land, mittlerweile scheint kein Bankautomat mehr sicher. Die Anzahl an Geldautomaten-Sprengungen nimmt zu: 55 Taten zählte die Polizei 2021. Doch dieses Jahr scheint alles zu toppen: Gerade einmal ein Monat ist vergangen und es gab bereits 11 Sprengungen – ein „massiver Anstieg“, so das Landeskriminalamt (LKA) in Niedersachsen. Bundesweit kam es sogar zu 40 Taten.
Die Banken-Bomber kommen aus den Niederlanden: Skrupellos und hochprofessionell
Die Mehrzahl der Taten werden niederländisch-marokkanischen Banden aus dem Bereich Utrecht/Amsterdam zugerechnet. „Diese Gruppen arbeiten hochprofessionell, arbeitsteilig und benötigen nur wenige Minuten zur Tatausführung“, weiß Antje Heilmann vom LKA in Niedersachsen. Auch ein Trainingszentrum für Testsprengungen wurde bereits entdeckt.
Und die Verbrecher sind skrupellos, sprengen bei ihren Taten schon einmal Wohnungen Unschuldiger kaputt. Auch auf ihrer Flucht kennen die Täter keinen Respekt vor der Sicherheit anderer. Besonders dämlich stellten sich zwei Automatensprenger in Niedersachsen an, die auf der Flucht verunglückt sind.
Geldautomaten-Sprengungen: Darum kommen die Täter nach Niedersachsen
Weil die Banken in den Niederlanden beim Schutz aufgerüstet hätten, den Zugang erschwert sowie die Zahl der Automaten und die Geldbestände verringert, würden die Banden mittlerweile auf Deutschland ausweichen, sagt Michael Maßmann, Präsident der Polizeidirektion Osnabrück.
Sie reisen mit hochmotorisierten Autos nach Niedersachsen ein, sprengen Geldautomaten – und sind dann wieder genauso schnell weg, wie sie kamen. Selten dauert der Vorgang länger als fünf Minuten. Leiteten die Täter früher noch Gas in die Geldautomaten, um sie in die Luft zu jagen, setzen sie heute vornehmlich festen Sprengstoff ein.
Meist schlagen sie in der Nacht zu – „überwiegend zwischen 01:00 Uhr und 05:00 Uhr“, so Heilmann. Schnell sind die Täter auf der Autobahn – und dann weg. Ihr Entdeckungs- und Verhaftungsrisiko sei gering, selten kann die Polizei Personen festnehmen. Umso lohnenswerter sei die Ausbeute, so Heilmann. Allein im Jahr 2021 stahlen die Bank-Bomber 1,5 Millionen Euro in Niedersachsen.
Kampf gegen die Banken-Bomber: Polizei sieht Geldinstitute in der Pflicht
Was also tun gegen die Spreng-Welle? Polizeipräsident Michael Maßmann schlägt vor, es den niederländischen Banken gleichzutun: „Das darf so nicht weitergehen. Ich sehe die deutschen Banken in der Pflicht, jetzt den Schutz ihrer Automaten zu verbessern.“ Die Sicherheit dürfe nicht länger wegen wirtschaftlicher Interessen in den Hintergrund rücken, so Maßmann.
Müssen den Täterbanden die Anreize nehmen.
Es gebe fast keine klassischen Banküberfälle mehr, weil kaum noch hohe Bargeldsummen schnell erbeutet werden könnten. Das sei auch bei den Geldautomaten möglich. „Wir müssen den Täterbanden die Anreize zu solchen Taten nehmen, sonst wird sich nichts ändern. Aus präventiver Sicht stellt sich mir die Frage, warum zum Teil sechsstellige Geldbeträge in den Geldkassetten der Automaten deponiert werden“, sagte Maßmann.
Als Beispiele für mehr Sicherheit nannte er Geldautomaten, die das Geld bei einer Sprengung unbrauchbar machen, Alarmsysteme sowie einbruchsichere Automatenräume. „Wenn es nicht auf freiwilliger Basis geht, muss die Politik verpflichtende Sicherheitsstandards bestimmen.“ Dabei gehe es auch um den Schutz von Menschenleben.
Geldautomaten-Sprengungen in Niedersachsen: Ist mein Geld gefährdet?
Auch wenn die Zahl der Automatensprengungen in Niedersachsen zunimmt: Das Vermögen der Kunden ist dabei nicht gefährdet. Banken haben ihre Geldautomaten und das darin enthaltende Bargeld versichert. Bei einer Sprengung zahlt also die Versicherung den Schaden. Oft übersteigt der Schaden am Gebäude den Verlust des Bargelds. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
