Besorgniserregende Ursache
Spektakulärer Anblick: Experten erklären seltenes Nordsee-Phänomen
Es ist ein spektakulärer Anblick mit ernstem Hintergrund: Das Leuchten der Nordsee stufen Experten als deutliches Warnsignal für den Zustand des Gewässers ein.
Husum – Ein beeindruckendes Spektakel lässt sich immer wieder – vor allem im Sommer – an den Stränden der Nordseeküste beobachten: Das Meer verfärbt sich tags lachsrosa und beginnt nachts in einem faszinierenden Blau zu leuchten. Doch was steckt hinter diesem geheimnisvollen Phänomen? Ein Experte der Schutzstation Wattenmeer erklärt das aufsehenerregende Naturschauspiel. Es ist – wenn auch völlig ungefährlich für den Menschen – ein Zeichen für eine besorgniserregende Entwicklung.
Faszinierendes Leuchten: Seltenes Naturphänomen an der Nordsee erklärt
Vor allem an den strömungsgeschützten Stränden der Nordsee wie dem Hörnumer Oststrand auf Sylt, aber auch auf den ostfriesischen Inseln Spiekeroog und Borkum, wo ein Wassertornado am Nordsee-Strand für Staunen sorgte, ist immer häufiger ein besonderes Naturereignis zu bewundern: Schwärme der sogenannten Meeresleuchtalge Noctiluca färben das Wasser tagsüber rosa. Nachts jedoch erwartet die Strandbesucher ein magisches Schauspiel – das Wasser beginnt blau-grün zu leuchten.
Der Spuk ist manchmal nach wenigen Tagen vorbei, manchmal nach einer Woche.
Besonders in lauen Sommernächten und bei Windstille verwandelt sich die Nordsee dann in ein funkelndes Meer aus buntem Licht. Der Spaziergang am Strand wird so zu einem unvergleichlichen Erlebnis, denn die Wellen beginnen bei jeder Berührung zu leuchten.
Biolumineszenz – das natürliche Leuchten
Viele lebende Organismen können im Dunklen leuchten – Biolumineszenz ist die Emission von Licht infolge von chemischen Reaktionen in Lebewesen. Das Phänomen existiert weltweit bei über 3500 verschiedenen Spezies – ob Glühwürmchen auf heimischen Wiesen, biolumineszente Pilze im brasilianischen Regenwald oder leuchtende Tintenfische, Haie und Bakterien in der Tiefsee.
Biolumineszenz hat sich in der Evolution mehr als 50-mal unabhängig voneinander entwickelt und erfüllt eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen, zum Beispiel dient es zur Kommunikation, Nahrungssuche und Feindabwehr.
Quelle: Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
Lachsrosa bei Tag, leuchtend bei Nacht – Nordsee verwandelt sich in Lichtermeer
„Schuld“ an dem Spektakel ist die winzig kleine Alge Noctiluca, die nur etwa 0,6 Millimeter misst, aber mit dem bloßen Auge in Wasserproben erkannt werden kann. Im Gegensatz zu anderen Algenarten besitzt Noctiluca kein Chlorophyll, das für die grüne Farbe vieler Pflanzen verantwortlich ist. Stattdessen ernährt sich dieser Einzeller räuberisch von Planktonalgen und ist biolumineszent, erklärt Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer im Husum in Niedersachsen im Gespräch mit kreiszeitung.de.
Algen-Leuchten an der Nordsee: Experte erklärt Phänomen
Bei ruhigem Wetter könne es in einem einzigen Liter Nordseewasser zu einer massiven Konzentration von bis zu einer Milliarde dieser Algenzellen kommen. Diese Massenvermehrung, auch nach dem lachsroten Aussehen des Gewässers am Tage „Rote Tide“ genannt, hält an, bis die Algen ihre eigenen Nahrungsressourcen aufbrauchen und schließlich kollabieren. „Der Spuk ist manchmal nach wenigen Tagen vorbei, manchmal nach einer Woche“, berichtet der Biologe.
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Wunderschönes Naturwunder an den Stränden der Nordsee-Küste – ernster Hintergrund
Die Vermehrung der Leuchtalge sei – so schön sie sich dem Beobachter auch zeigt – ein Indikator für den schlechten Zustand der Meere: „Die Meeresleuchtalge wird durch die Überdüngung des Meeres begünstigt und ist damit ein Zeichen, dass die Landwirtschaft immer noch viel zu viel Stickstoff in die Gewässer und das Meer leitet“, so Borcherding. Ursprünglich kam Meeresleuchten in der Nordsee nur im Hochsommer vor, inzwischen ist es bis in den Oktober hinein möglich, das Schauspiel zu beobachten, „auch bedingt durch die Erwärmung der Meere durch den Klimawandel“.
Nordsee-Strände: Nachts sorgt „Biolumineszenz“ für Naturspektakel
Das Leuchten der Algen wird über Berührungsreize ausgelöst – etwa durch die Bewegung der Wellen oder den Kontakt der Füße bei einem Spaziergang am Wasser. Diese sogenannte Biolumineszenz dient als Abwehrmechanismus: Die Alge erzeugt einen Lichtblitz, um Fressfeinde wie etwa Planktonkrebse zu vertreiben. Der Blitz lockt zudem größere Raubfische an, was die kleineren Tiere verschreckt.
Meeresleuchten als Indikator für Wasserverschmutzung: „Umdenken dringend erforderlich“
Hohe Nitratkonzentrationen, die vor allem durch landwirtschaftliche Einträge ins Meer gelangten, fördern das Wachstum der Planktonalgen, von denen sich Noctiluca ernährt. Ursprünglich war dieses Phänomen auf die Sommermonate beschränkt, doch durch die zunehmende Verschmutzung der Meere tritt es mittlerweile auch in anderen Jahreszeiten und fast überall auf der Welt – unter anderem auch an der Adria – auf. Der leuchtende „Meeresschleim“ aus Mikroalgen gilt als Anzeichen von Wasserverschmutzung: „Ein Umdenken in der Agrarindustrie und die damit verbundene Verringerung der Überdüngung der Meere ist dringend erforderlich“, warnt Borcherding.
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