Echte Kooperation in Harpstedt möglich?
Müller will gar keine neuen Mühlenflügel
Harpstedt – Müller Helmut Nienaber hat kein Interesse daran, die beschädigten Flügel seiner Windmühle erneuern zu lassen. Der Flecken Harpstedt erhofft sich indes genau dafür Geld aus der Sturmschadenversicherung. In einem Telefonat bekräftigte der Müller, die Flügel kämen runter – und zwar auf Dauer, also endgültig. Sie seien im Übrigen aus Eiche und nicht aus Buche, widersprach Nienaber Gemeindedirektor Yves Nagel.
Gleichwohl wäre elastischere Lärche, also langfaseriges Nadelholz, die richtige Wahl gewesen. Die Flügelwelle sei während der Orkane unversehrt geblieben, so Nienaber; der Königswelle hätten die Stürme nichts anhaben können.
Sturmschäden an Windmühlen kommen auch anderenorts vor: 2013 riss der Orkan Christian die gesamte Kappe von einer der Zwillingsmühlen in Greetsiel herunter. Zuvor hätte fast die heißgelaufene hölzerne Bandbremse ein Feuer verursacht. Die Windrose wurde notgedrungen ausgekuppelt und die Kappe mitsamt Flügeln manuell aus dem Wind gedreht. Daraufhin verlangsamten sich die Drehbewegungen des Flügelkreuzes. Der nachfolgende Kappenabriss als Folge einer extremen Böe ist seinerzeit gefilmt worden – und der Clip immer noch auf Youtube zu sehen.
Im thüringischen Klettbach zerlegte der Orkan Zeynep die historische Blockwindmühle am vergangenen Wochenende komplett, allerdings stark begünstigt durch ihre Lage in 438 Metern über dem Meeresspiegel.
Aus Fehlern gelernt
In Erle im Westmünsterland ist aus Fehlern der Vergangenheit gelernt worden. Dort verursachte der Orkan Kyrill 2007 noch schwerere Flügelschäden, als aktuell in Harpstedt zu beklagen sind. Auch in Erle war Eiche statt Lärche verbaut worden. Der örtliche Heimatverein und die Gemeinde Raesfeld machten sich für die Flügelerneuerung stark. Mit Spenden, EU-Geld sowie Mitteln der Kommune und des Eigentümers gelang die Wiederherstellung des Bauwerks. 2013 erfolgte die Montage der neuen Flügel aus Stahlruten und einem Gatter aus sibirischer Lärche – ein Beispiel für fruchtbare Zusammenarbeit.
Und in Harpstedt? Denkmalpflege, Flecken und Öffentlichkeit liegt gleichermaßen daran, das historische Bild und die Funktionsfähigkeit der Windmühle zu wahren. Doch dafür wird Überzeugungsarbeit nötig sein. aus. Zu viel Unmut im Zusammenhang mit der letzten großen Renovierung und generell mit Arbeiten von Handwerksfirmen hat sich bei Helmut Nienaber aufgestaut. Maßlos ärgern ihn Zweifel an seinem mühlentechnischen Sachverstand und Vorwürfe, er tue nicht genug für die Unterhaltung der Mühle. Beides weist er entschieden zurück.
Mühlenverein ist faktisch tot
Gemeinde und/oder Mühlenverein könnten ihm bei der laufenden Wartung und Instandhaltung des Galerie-Holländers unter die Arme greifen, zumal es ein klares öffentliches Interesse daran gibt, dass die – auch seitens der Europäischen Union – in die Mühle gepumpten Steuergelder so nachhaltig wie möglich einen guten Erhaltungszustand bewirken.
Im Unterschied zu anderen Kommunen findet eine Kooperation bislang nicht statt. Aus mehreren Gründen. Der Mühlenverein ist faktisch tot; Flecken und Müller haben sich in der Vergangenheit nicht annähern können, um im Interesse eines Neuanfangs zu beiderseitigem Nutzen reinen Tisch zu machen. Zugang zu Helmut Nienaber zu bekommen, wird als schwierig empfunden.
Kommentar von Jürgen Bohlken: Komplizierte Gemengelage
Dass Fehler im Zuge der zurückliegenden Komplettsanierung der Windmühle gemacht worden sind, steht außer Frage. Dass die Mühle vor dieser Maßnahme baufällig war, lässt sich aber auch nicht wegreden. Ein Wartungsvertrag mit durchgetakteten Inspektionen läge sicher im Interesse der Gemeinde, aber dagegen steht wiederum das erschütterte Vertrauen des Müllers in die Fertigkeiten von Handwerksbetrieben.
Die Gemengelage bleibt kompliziert: Der Flecken ist guter Hoffnung, die Flügel mit dem Geld aus der versicherungsseitigen Regulierung der Sturmschäden erneuern zu können; der Müller will aber gar keine neuen Flügel. Auch die Politik ist nun gefordert. Sie verhält sich noch auffällig zurückhaltend. Aus reiner Ratlosigkeit?