Senioren im Online-Zeitalter: Zwischen Schritt halten und Verweigerung

Wenn sie in den Urlaub fahren, dann mit dem Auto: Flugreisen empfinden Erika und Ehler Hormann als nervig. Das geht schon beim Einchecken am Schalter los, wo mittlerweile auch längst die schöne neue Onlinewelt Einzug gehalten hat.
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Wenn sie in den Urlaub fahren, dann mit dem Auto: Flugreisen empfinden Erika und Ehler Hormann als nervig. Das geht schon beim Einchecken am Schalter los, wo mittlerweile auch längst die schöne neue Onlinewelt Einzug gehalten hat.

Harpstedt – Fühlen sich ältere Menschen durch das immer mehr Einfluss nehmende Internet bevormundet oder gar abgehängt? Nutzen sie selbst Smartphone, Tablet und Co.? Muss ein Recht auf ein analoges Leben bestehen bleiben? Mit solchen Fragen hat unsere Zeitung Seniorinnen und Senioren aus der Samtgemeinde Harpstedt konfrontiert.

Erika Hormann verspürt keine Lust, sich mit 83 Jahren noch im Umgang mit PC und Internet vertraut zu machen. Sie hat das Glück, dass ihr Mann Ehler gern am Computer arbeitet und mit den neuen Technologien recht gut Schritt hält. Der 84-jährige Gatte ahnt indes: „Sollte mir ein weniger langes Leben beschert sein als meiner Frau, bekommt sie wohl ein Problem.“ Der Zwang, immer mehr Dinge des Alltags online erledigen müssen, sei schon „ein bisschen übertrieben“, findet Erika Hormann. Ja, auch sie habe ein eigenes Smartphone. „Aber ich benutze es nicht“, gesteht sie.

Dem Senior genügt das „Vorgängermodell“

Ein altes Handy, mit dem sie auch unterwegs erreichbar blieb, hat inzwischen ausgedient; das neue aber müsse ihr Mann ihr erst mal erklären. Wann immer sich die Möglichkeit ergibt, eine Angelegenheit schriftlich zu erledigen, macht sie davon Gebrauch, denn: „Das Schriftliche liegt mir.“

Wenn sich die eigenen Kinder oder Enkel ein neues Smartphone oder Tablet zulegen, überlassen sie Ehler Hormann schon mal das „Vorgängermodell“. Auf diese Weise kam der 84-Jährige zu einem iPad. Ob er den Eindruck habe, ein bisschen Nachhilfe im Umgang mit der neuen Technik zu brauchen? „Nein“, sagt der Autodidakt, der erst im Ruhestand eine Affinität zu PC und Internet entwickelte.

Als Selbstständiger habe er sich früher nicht damit befasst. „Ich hatte ja Leute, die das getan haben. Die Zeit, mich damit auseinanderzusetzen, war mir einfach immer zu schade. Das hat sich geändert“, erzählt der Ruheständler.

Nachbar hilft bei Grundsteuererklärung

Bei der Grundsteuererklärung via „Elster“ habe er allerdings von der Unterstützung eines beim Finanzamt beschäftigten Nachbarn profitiert. Onlinebanking käme ihm nicht in den Sinn. „Da bevorzuge ich die alte Methode“, sagt er. Mit Karte bezahle er in Geschäften öfter, aber er habe nicht vor, das Smartphone dafür zu nutzen.

Angst um Verlust des Bargelds

Eine gewisse Bevormundung durch den Zwang, immer mehr Angelegenheiten „digital“ erledigen zu müssen, sieht der 84-Jährige durchaus. „Vor etwas längerer Zeit waren wir in Dänemark. Wir haben dort auch Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten besucht. Den Eintritt konnte man nur noch mit dem Smartphone bezahlen. Mit Bargeld ging das gar nicht mehr. Das fand ich eigenartig“, gibt Ehler Hormann zu.

Er hofft, dass sich die Befürchtungen in Richtung Bargeldabschaffung nicht bewahrheiten, denn: „Das wäre für ältere Leute ein Problem. Für jüngere übrigens auch. Die verlieren ja völlig das Gefühl für das, was sie sich leisten können, wenn alle Rechnungs- und Einkaufsbeträge nur noch per Smartphone oder Karte abgebucht werden.“

Trend wohl „leider“ unumkehrbar

Alles in allem macht sich Ehler Hormann nichts vor: Der Trend zu einem Leben, das sich immer mehr online abspielt, lässt sich nach seiner Überzeugung nicht aufhalten. „Leider“, fügt er mit Bedauern hinzu.

Das Einchecken am Flughafenschalter per Smartphone ersparen sich seine Frau und er. „Wir fliegen nicht mehr. Das ist uns insgesamt zu nervig. Wenn wir in den Urlaub fahren, etwa nach Italien, dann mit dem Auto“, bekräftigt Ehler Hormann.

Nach seiner Ansicht müssten alle Angelegenheiten im Umgang mit Behörden weiterhin auch analog möglich sein. Trotzdem werde diese Option wohl eines vielleicht gar nicht so fernen Tages nicht mehr bestehen, glaubt der Harpstedter.

Onlinekauf auf Vorkasse? Niemals!

Von der Möglichkeit, Dinge im Internet zu bestellen, macht er nach eigenen Angaben durchaus Gebrauch, allerdings immer unter Wahrung größtmöglicher Vorsicht. Heißt: „Ich gucke mir an, welche Firma hinter dem Anbieter steckt und ob eine Steuernummer existiert. Vorkasse kommt für mich grundsätzlich nicht in Betracht. Habe ich irgendwelche Zweifel daran, dass ich für mein Geld wirklich die bestellte Ware geliefert bekomme, nutze ich PayPal.“

Günter Rohlfs: „Seit ich meine Ehrenämter abgegeben habe, kommen einfach deutlich weniger Nachrichten ins Postfach. Ich selbst schreibe kaum noch E-Mails. Das ist ganz wenig geworden. Und wenn ich mit meiner Familie auf digitalem Wege Kontakte pflege, läuft das vorwiegend über das Smartphone.“

Günter Rohlfs aus Harpstedt hatte sein „sehr einfach zu bedienendes“ Handy nach eigenem Bekunden lange Zeit deutlich mehr in Gebrauch als das Smartphone. Das habe sich zumindest ein bisschen geändert. Wenn er mit dem Auto unterwegs sei, habe er trotzdem stets auch das alte Gerät „für alle Fälle“ dabei. „Meine Haushaltshilfe hält hingegen ständig ihr Smartphone in der Hand“, fällt dem 79-Jährigen auf.

In soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter zieht ihn selbst nichts. „Ich habe auch einen Computer. Den nutze ich aber inzwischen weniger. Seit ich meine Ehrenämter abgegeben habe, kommen einfach deutlich weniger Nachrichten ins Postfach. Ich selbst schreibe kaum noch E-Mails. Das ist ganz wenig geworden. Und wenn ich mit meiner Familie auf digitalem Wege Kontakte pflege, läuft das vorwiegend über das Smartphone“, erläutert Rohlfs.

Er will weiterhin so analog wie möglich leben

Die Grundsteuererklärung via „Elster“ habe sein Sohn für ihn übernommen. Kumpels, mit denen er hin und wieder die Geselligkeit pflegt, hätten sich damit „außerordentlich schwergetan, geschimpft wie verrückt und sich irgendwo Hilfe gesucht“. Die wohl unvermeidliche digitale Patientenakte sieht Rohlfs kritisch. Die Forderung nach einem Recht auf ein analoges Leben kann er nachvollziehen.

Mensch-zu-Mensch-Kommunikation leidet

Staat und Wirtschaft gäben jedoch eine komplett konträre Marschrichtung vor: „Immer mehr soll online gemacht werden. Da wollen die uns hinhaben! Es gibt sehr viele Menschen in meinem Alter, die mit Internet, Smartphone und Laptop gar nichts mehr zu tun haben wollen. Aber wir können uns davon nicht befreien. Das geht schlicht nicht.“

Heinz Nienaber: „Wenn ich gesagt bekomme, dieses oder jenes sei nur mithilfe eines Smartphones machbar, wehre ich mich dagegen, und dann gibt es für gewöhnlich auch einen anderen Weg.“

Die Vorteile des Onlinezeitalters sieht Rohlfs durchaus. Aber es gebe eben auch eine andere Seite. Besonders die Kommunikation von Mensch zu Mensch leide. Auf Feiern müssten die Gäste heutzutage darum gebeten werden, ihre Smartphones nicht zu nutzen. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass Gemütlichkeit gar nicht erst aufkomme oder regelrecht kaputtgemacht werde. „Ich hab’ schon erlebt, wie sich die Leute auf einer Feier nur noch Bilder auf ihren Smartphones angeguckt haben“, sagt Rohlfs.

Sich von jungen Leuten in Kursen fit für das Internet, soziale Netzwerke und dergleichen machen zu lassen, widerstrebt ihm: „Dazu hätte ich keine Lust. Dafür bin ich einfach zu alt.“

„Altmodisch“ nennt sich Heinz Nienaber aus Groß Köhren. Er will versuchen, weiterhin so analog wie möglich durchs Leben zu gehen. „Ich habe nicht vor, mich intensiver mit PC und Internet zu beschäftigen“, bekräftigt der 83-Jährige.

Verlust persönlicher Betreuung

Für die Kommunikation reichen ihm das Festnetz und sein altes Handy, fürs Bezahlen Bargeld und Karte. Die schöne neue Onlinewelt passt ihm in manchen Lebensbereichen nicht. Den Verlust persönlicher Betreuung im Bankenwesen etwa findet er mehr als bedauerlich – „gerade den älteren Leuten gegenüber“.

Mitunter gerät Heinz Nienaber in Situationen, in denen ein eigenes Smartphone als die selbstverständlichste Sache der Welt vorausgesetzt wird. Ein ganz konkretes Beispiel fällt ihm zwar aus dem Stegreif nicht ein, aber mit seiner Standardreaktion muss er bislang gut gefahren sein, lässt sich aus seinen Worten heraushören: „Ich wehre mich dagegen, und dann gibt es für gewöhnlich auch einen anderen Weg.“

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