Der lange Todeskampf
Strafanzeige gegen Rinderschlachthof in Oldenburg - Videomaterial belegt Tierquälerei
Oldenburg - Von Martin Sommer - Die blutige Szene will nicht aus dem Sinn: Das sterbende Rind bewegt die Beine, der Schlachter sticht mit dem Messer zu, dreimal, viermal, doch das bemitleidenswerte Tier bewegt sich weiter, hebt, am Boden liegend, hilflos den Kopf. Die blutige Szene prägt sich auch deshalb ein, weil sie sich ständig wiederholt. Jedes Mal das gleiche Bild, jedes Mal ein anderes armseliges Tier.
Die brutale Tierquälerei hat sich in einem Oldenburger Rinderschlachthof zugetragen, Aktivisten haben sie auf mehreren hundert Stunden Videomaterial festgehalten und die Dokumentation an das Deutsche Tierschutzbüro übergeben.
Die Videos zeigen, wie eine Vielzahl von Rindern und ausgedienten Milchkühen unzureichend und nicht fachgerecht betäubt werden und, obwohl sie augenscheinlich bei Bewusstsein sind, noch lebend gestochen und getötet werden. Dies lässt sich auf den Aufnahmen in erschreckender Vielzahl bei den Tieren feststellen. Darüber hinaus werden Tiere verbotenerweise bis zu 28 Mal mit Elektroschockern malträtiert, mit Treibpaddeln oder anderweitig gewaltsam aus ihren Boxen getrieben und unnötigerweise Verletzungsgefahren ausgesetzt. Die Aufnahmen zeigen auch, dass anwesende Veterinäre nicht einschreiten, wenn Tiere ganz offensichtlich misshandelt werden.
„Aus unserer Sicht zeigt das Material klare und schwerwiegende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz und Straftaten“, sagt Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tierschutzbüros. Die Tierrechtsorganisation hat gestern bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Oldenburg eine Strafanzeige gestellt. „Die Zustände auf den Aufnahmen sind erschütternd und zeigen Tierquälerei in extremen Ausmaßen.
Der Schlachthof gehört unverzüglich geschlossen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen“, fordert Peifer. Laut Landwirtschaftsministerium in Hannover wird das Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) nun die Zuverlässigkeit des Lebensmittelunternehmers prüfen und gegebenenfalls ein Verfahren zum Entzug oder zum Ruhen der Zulassung einleiten. Ein Veterinär des Laves werde zudem für mindestens eine Woche während des Schlachtbetriebes die Bereiche des Zutriebs, der Betäubung und der Tötung überwachen.
Und der entlarvte Schlachthof? Er trat gestern die Flucht nach vorne an und bestätigte die Vorwürfe im Grundsatz. Die Videoaufnahmen seien schockierend und entsprächen in keiner Weise dem Standard der GK Oldenburg GmbH & Co. KG, hieß es gestern in einem Statement des Schlacht-Unternehmens. „Wir zweifeln weder die Authentizität der Bilder an, noch möchten wir die Vorfälle kleinreden. Im Gegenteil: Wir können nachvollziehen, dass das Deutsche Tierschutzbüro, aber auch die Öffentlichkeit empört über die Vorfälle sind“, teilte GK Oldenburg weiter mit. Das gesamte Kontrollsystem werde kritisch hinterfragt. In den Videos sei festgestellt worden, dass die Verstöße von per Werkvertrag eingesetzten Beschäftigten begangen worden seien. Diese würden nicht mehr eingesetzt.
Schlachthof gehört zu den größten Rinderschlachtbetrieben Deutschlands
Der Schlachthof gehört zu den größten Rinderschlachtbetrieben Deutschlands. In einem Ranking der „Allgemeinen Fleischer-Zeitung“ von 2016 lag der Betrieb bundesweit auf dem achten Platz. Laut eigenem Internetauftritt liegt die jährliche Schlachtzahl bei mehr als 90.000 Rindern. Der Schlachthof ist sogar Bio-Zertifiziert und zerlegte in der Vergangenheit – nach den Angaben eines Abnehmers – mindestens einmal die Woche Tiere aus biologischer Haltung.
Die verarbeiteten Fleisch- und Wurstwaren landen in den Bedientheken zahlreicher Supermärkte. Auch die Rindfleischzutaten eines namhaften Produzenten von Tiefkühlkost stammen nach Angaben des Tierschutzbüros aus dem Oldenburger Skandalbetrieb. Das mag niemand glauben, der die schönen Texte auf der Internetseite des Frosters liest: „Die Entfernung von den Höfen zum Schlachthof beträgt höchstens 80 km, um die Transportdauer so gering wie möglich zu halten. Begleitet wird die Schlachtung durch Amtsveterinäre und Fleischkontrolleure.“
Im Video-Protokoll des Deutschen Tierschutzbüros liest sich das gänzlich anders. In der Schnittliste vom 24. September 2018 vermerken die Aktivisten unter dem Timecode 6:42 Minuten: „Rind unzureichend betäubt, bewegt den ganzen Körper (auch Kopf). Wird dann gestochen, bewegt sich immer noch deutlich. Vermutlich Mitarbeiter Veterinäramt (?) oder Veterinär (?) schaut dabei zu.“
Grausames Bilddokument
Wie weit wollen wir gehen? Wie weit dürfen wir gehen? Vor allem aber: Was können wir unseren Lesern zumuten? Diese Frage hat unsere Redaktion gestern einen ganzen Tag lang beschäftigt. Es ging um die Frage, ob wir heute eines der zahlreichen Fotos abdrucken wollen, die uns das Deutsche Tierschutzbüro gestern zur Verfügung gestellt hat.
Die Standbilder aus dem Oldenburger Schlachthof halten solche brutalen Szenen fest, in denen unzureichend betäubte Rinder abgestochen werden. Die Bewegungsunschärfe ihrer Beine belegt, dass sich die Tiere im Todeskampf gegen die Qualen aufbäumen. Dass sie noch leben. Solche Bilder sind nicht jedermanns Sache. Schnell ist eine Zeitungsseite umgeblättert – und das Bild ist da. Diesen schockierenden Augenblick wollten wir vielen nicht zumuten und haben deshalb auf eine Veröffentlichung des grausamen Bilddokuments verzichtet.
ms
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