Rotenburger Werke
Ein paar Prozent Ungeimpfte bleiben
Die Impfpflicht kommt. Wer in den Rotenburger Werken weiter arbeiten will, braucht die Corona-Impfung. Das wollen nicht alle. Und nun?
Rotenburg – „Mit Impfschutz hätten sie die Krankheit sehr wahrscheinlich überlebt.“ Wenn Jutta Wendland-Park und Thorsten Tillner auf den März 2021 zurückblicken, berichten sie von einem traurigen Kapitel der Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Die Pandemie hat die Werke lange weitgehend verschont gelassen, die großen Impfaktionen laufen an, aber: Innerhalb von drei Wochen sterben acht Bewohner. Sie sind zum Zeitpunkt ihrer Infektion älter, zum Teil schwer vorerkrankt. Dennoch: Hätte das verhindert werden können?
Seit Dezember ist klar: Die Impfpflicht kommt. Die Rotenburger Werke fallen unter die Regelungen, die ab dem 15. März für medizinische und pflegerische Bereiche gelten. Mehr als 2 000 Menschen arbeiten in den Werken, sie betreuen rund 1 130 Menschen. Die Impfpflicht betrifft alle Kollegen, nicht nur diejenigen, die unmittelbar in der Pflege und Betreuung arbeiten, sondern auch diejenigen zum Beispiel in Wirtschafts- und Versorgungsbetrieben oder in der Verwaltung. Die Geschäftsführer sind überzeugt: „Die tragischen Ereignisse im März haben uns vor Augen geführt, mit welcher Schnelligkeit und Wucht sich das Virus tödlich ausbreiten kann. Nur ein vollständiger Impfschutz möglichst aller Bewohner und Mitarbeiter kann schweren Krankheitsverläufen und eventuellen tödlichen Ausgängen entgegenwirken.“ 98 Prozent der Bewohner seien mittlerweile geimpft, bei den Mitarbeitern seien es 95.
Andreas Weßling ist nicht geimpft. Er arbeitet als Heilerziehungspfleger einer Tagesförderstätte auf dem Kalandshof und sitzt in der Mitarbeitervertretung der Werke. Der 53-Jährige sagt: „Ich werde mich nicht impfen lassen.“ Weßling weiß, welche Folgen das haben könnte mit dem neuen Gesetz, pocht aber auf seine grundgesetzlich verankerte körperliche Unversehrtheit. Er weiß um die kontroverse gesellschaftliche Debatte, Querdenker, Schwurbler, Aluhutträger – in diese Kategorien möchte er nicht eingeordnet werden. Auch er sorgt sich um seine Gesundheit in der Pandemie, aber aus anderen Gründen: „Welche Nebenwirkungen hat die Impfung wirklich? Es gibt keine Langzeitstudien, dass sie vor Long Covid schützt.“ Weder „der Politik“ noch „den Medien“ vertraue er derzeit, was sie beim Thema entscheiden und berichten. Die Zahlen würden aufgebauscht. „Das Coronavirus hat für mich die Gefährlichkeit einer Grippe“, sagt er. Gegen die Krankheitswelle müsse man alles tun, was hilft. Aber: „Impfen gehört nicht dazu“, ist er überzeugt. Wie er denken rund zehn Prozent der Beschäftigten der Werke, schätzt er, aber nicht alle hielten dem Druck, der gegen Ungeimpfte ausgeübt werde, stand. Organisiert sei man untereinander bislang nicht. Auch traue sich außer ihm eigentlich niemand, mit der Kritik öffentlich aufzutreten. In der 37 Mitglieder umfassenden Gruppe „RotenburgerWerke Ungeimpft“ im sozialen Netzwerke Telegram sei er aktuell der einzige, der sich mit Namen und Bild positionieren wolle. „Die Menschen haben Angst, darüber zu sprechen. Man wird als Idiot hingestellt.“ Auch im Arbeitsalltag erlebe er eine zunehmende Diskriminierung. „Ich arbeite nicht mehr gern in meinem Beruf – es fühlt sich nicht mehr richtig an. Ich werde ausgegrenzt.“ Das sei auch eine Folge davon, dass die Werke als Arbeitgeber in der Pandemie immer „das krasseste Maß der Maßnahmen gefahren“ hätten.
Ein Impfschutz aller Menschen in unserer Gesellschaft wäre das wirksamste Mittel, die Pandemie möglichst bald zu überwinden. Einsicht, Freiwilligkeit und Solidarität wären unseres Erachtens einer allgemeinen Pflicht vorzuziehen.
Ob 100 oder womöglich noch mehr Impfverweigerer unter den Kollegen, die Werke-Geschäftsführung hat das Ziel noch nicht aufgegeben, alle zu erreichen: „Wir versuchen, sie mit Rundschreiben, Videobotschaften der Geschäftsführung und Einzelkontakten in den jeweiligen Geschäftsfeldern und Bereichen zu motivieren, sich noch rechtzeitig impfen zu lassen“, so Wendland-Park und Tillner. Dass das nicht komplett gelingen werde, sei genauso offensichtlich wie bedauernswert. Kritik, dass von der Impfpflicht vermutlich zunächst nur Teilbereiche der Gesellschaft betroffen sein werden, ist aber nicht zu vernehmen: „Ein Impfschutz aller Menschen in unserer Gesellschaft wäre das wirksamste Mittel, die Pandemie möglichst bald zu überwinden. Einsicht, Freiwilligkeit und Solidarität wären unseres Erachtens einer allgemeinen Pflicht vorzuziehen. Es stellt sich die Frage, ob eine allgemeine Impfpflicht in Deutschland der politisch richtige Weg ist. Das müssen Bundestag und Bundesrat entscheiden. So oder so: Ziel muss ein möglichst flächendeckender Impfschutz aller Menschen sein.“
Engpässe beim Personal
Personelle Lösungen müssen aber gefunden werden, wenn die Gesundheitsämter ab dem 15. März Teilen der Belegschaft die Arbeit verbieten müssen. Und natürlich ist die Lage in den Werken wie in allen anderen pflegerischen Bereichen in zwei Jahren Pandemie noch einmal verschärft worden. Die Geschäftsführer: „Viele Menschen sind einfach müde. Es gibt mehr Krankmeldungen als im Durchschnitt. Jeder, der wegfällt, hinterlässt eine Lücke. Natürlich produziert die Situation nach dem 15. März Engpässe. Glücklicherweise wird es nicht so viel Ausfälle geben, wie wir noch vor einigen Wochen befürchtet hatten, und auch wenn die Anstrengung groß sein wird, können wir das Aufrechterhalten unserer Leistungen garantieren.“
Wie es für ihn und die, die ähnlich denken, weitergeht, weiß Weßling nicht. Er ist aber von seinem Weg überzeugt, geht dafür auch gerne montagsabends „spazieren“ und hofft, dass es noch andere Lösungen gibt als die Impfpflicht. „Wir haben doch eh zu wenig Pflegepersonal“, sagt er. Zumindest da herrscht bei allen Einigkeit.
Was passiert am 15. März?
Im Dezember hat es der Bundestag beschlossen: Beschäftigte in Einrichtungen mit schutzbedürftigen Menschen wie Kliniken und Pflegeheime müssen bis zum 15. März nachweisen, dass sie gegen Covid-19 geimpft oder genesen sind. Bei Neueinstellungen ist ab Mitte März die Impfung ebenfalls Voraussetzung. Die sogenannte einrichtungsbezogene Impfpflicht gilt bis zum Jahresende 2022. Doch was passiert ganz praktisch an diesem Stichtag. Die Rotenburger Werke betonen: „Dazu gibt es klare Vorgaben der Bundesregierung. Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Daten der Mitarbeiter, die bis zum Ablauf des 15. März 2022 keinen Nachweis vorlegen, an das Gesundheitsamt weiterzuleiten. Ein Tätiglkeitsverbot oder Betretungsverbot dieser Mitarbeitenden in den Rotenburger Werken wird ausschließlich vom Gesundheitsamt ausgesprochen. Nach jetzigem Kenntnisstand wird das Gesundheitsamt mit den betroffenen Mitarbeitern das Gespräch suchen und dann eine Entscheidung treffen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die Rotenburger Werke diese Mitarbeiter weiter beschäftigen.“ Andreas Weßling als Sprecher der betroffenen, ungeimpften Mitarbeiter der Werke sagt: „Ich lasse es auf mich zukommen und habe keinen Plan b.“
