Wolfsberater Cassier über den Umgang mit Isegrim
Mit dem Wolf leben lernen
Rotenburg/Kirchwalsede – Der Wolf kommt wohl nicht ins Jagdrecht. Die Forderung von Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) sowie von Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen und CDU-Landtagsabgeordneter, wird vom Bund abgelehnt. Der Wolf bleibt weiter Teil des Naturschutzrechts, die Jäger haben auch in absehbarer Zeit keine Chance, über das Jagdrecht regulierend in die schnell wachsende Wolfspopulation einzugreifen.
Jürgen Cassier (71) aus Kirchwalsede, einer der vom Land bestellten sechs ehrenamtlichen Wolfsberater des Landkreises Rotenburg: „Das Bundesumweltministerium ist der Ansicht, dass man das in einem nationalen Alleingang nicht bestimmen kann, sondern vielmehr europaweit nach einheitlichen Regeln. Daran wäre dann auch das Land Niedersachsen beteiligt.” Der Wolf, betont Cassier, müsse weiter im Naturschutzrecht bleiben. Der pensionierte Leiter des Amts für Naturschutz und Landschaftspflege des Landkreises Rotenburg: „Die jetzt von der Landesregierung verabschiedete Wolfsverordnung basiert auf dem Naturschutzrecht, bezieht ausdrücklich die Jäger ein und definiert, unter welchen Voraussetzungen Wölfe geschossen werden dürfen. Sie hat Rechtssicherheit geschaffen, lässt ein rascheres Handeln zu und sichert die Zuständigkeit der Naturschutzbehörde.”
Nach Informationen von Jürgen Cassier gibt es zurzeit in Niedersachsen 37 Wolfsterritorien. Sie sind besetzt von 35 Wolfsrudeln und zwei Wolfspaaren. Bei einer durchschnittlichen Größe von acht Tieren je Rudel beläuft sich die Gesamtzahl der Wölfe in Niedersachsen auf gut 300 Tiere. Der Zuwachs der Population beträgt jährlich rund 30 Prozent. Vor rund sieben Jahren gab es in Niedersachsen ein Rudel.
Im Kreis Rotenburg gibt es zurzeit fünf Rudel: seit 2018 in Behningen (Kreisgrenze Rotenburg/Heidekreis), ebenfalls seit 2018 ein Rudel bei Gnarrenburg, ein Jahr später ein Rudel im Raum Scheeßel und seit 2020 je ein Rudel im Bereich von Rotenburg und Heeslingen. Die Zahl der nachgewiesenen Welpen beläuft sich auf zehn. Cassier schätzt die Zahl der Wölfe im Kreis Rotenburg auf zurzeit 20 bis 25 Tiere bei steigender Tendenz. Der Wolfsberater: „Im Vergleich zu anderen Wolfsvorkommen im Heidekreis, im Kreis Harburg und im Kreis Celle eine überschaubare Menge.”
Das rasche Wachsen der Wolfspopulation erstaunt aber auch Cassier: „Ich hätte nicht gedacht, dass sich der Wolf so schnell fortpflanzen würde. Es ist offensichtlich, dass die Wölfe einen für sie geeigneten Lebensraum mit ausreichender natürlicher Beute gefunden haben.”
Einher geht mit der zunehmenden Verbreitung des Wolfs die steigende Zahl toter Tiere. Seit 2003 wurden in Niedersachsen 87 von insgesamt 100 toten Wölfen bei Verkehrsunfällen getötet. Im Kreis Rotenburg sind es vier Wölfe, die ums Leben kamen: in Breddorf, in Stemmen, bei Rotenburg und bei Kalbe.
Zu den Problemen im Zusammenhang mit den Nutztierrissen (Schafe, Ziegen, zunehmend Rinder und in Einzelfällen Pferde) sagt Cassier: „Einzelne Wolfsrudel haben sich auf Nutztierrisse spezialisiert. Im Kreis Lüneburg hat die Zahl der Nutztierrisse 2018/19 insgesamt 100 betragen, im Emsland sind es 54 und im Kreis Rotenburg elf gewesen.” Die Zahl der Nutztierrisse im hiesigen Landkreis in den Jahren 2019 und 2020 gibt Cassier mit drei und sechs an. „Im Kreis Rotenburg”, ergänzt Cassier, „haben wir im Vergleich zu anderen Landkreisen keine außerordentlichen Probleme bei Nutztierrissen. Seit 2015 haben wir zwischen Rotenburg und Kirchwalsede regelmäßig Wolfsvorkommen und inzwischen auch noch ein Rudel, aber nicht einen einzigen Übergriff auf Nutztiere. Und das, obwohl im Großen und Weißen Moor Schafe, Rinder und Pferde in großer Zahl gehalten werden.” Cassier habe dort schon öfter selbst Wölfe beobachtet, schließlich hat er dort sein Jagdrevier. Landesweit steigt die Zahl der Nutztierrisse aber trotz ausgebauter Schutzzäune. Bisher wurde laut Ministerium in 204 Fällen der Wolf als Verursacher festgestellt, 69 Fälle seien noch in Bearbeitung, da werde zum Beispiel auf das DNA-Ergebnis gewartet (Stand: 22. Dezember). 2019 waren in Niedersachsen nachgewiesenermaßen 192 Nutztiere von Wölfen getötet worden.
Und die Furcht der Menschen? „Die immer wieder beschriebene Angst vor Begegnungen mit Wölfen halte ich für unbegründet aufgrund meiner eigenen Erfahrung und der Berichte von Menschen, die Wolfsbegegnungen hatten.“ Nach wie vor sind Wolfssichtungen selten. Kommt es zu einer Begegnung mit einem Wolf, dann sollte man sich ruhig verhalten und nicht etwa in panischer Angst fortlaufen. An Menschen sei der Wolf nicht sonderlich interessiert, weil sie nicht zu seinem Beutespektrum zählten. Wenn der Wolf von sich aus keinen Abstand nehme, könne versucht werden, durch lautes Rufen das Tier zum Weiterziehen zu bewegen. Auch das Werfen eines Stocks in Richtung Wolf könne helfen. Grundsätzlich sollten Hunde angeleint werden. Begegnungen sollten dem zuständigen Wolfsberater gemeldet werden. In den rund zwei Jahrzehnten, in denen der Wolf zunehmend in Deutschland heimisch wird, so Cassier, sei es zu keinem Übergriff auf Menschen gekommen.
Gültigkeit habe jedoch dieser Grundsatz, betont Jürgen Cassier: „Man sollte auf jeden Fall Respekt haben vor dem Wolf. Er ist und bleibt auch für den Menschen ein gefährliches Raubtier.” Der Wolfsberater, seit sieben Jahren im Amt: „Wir wollen den Wolf bei uns nicht wieder ausrotten. Wichtig ist jedoch, dass die bekannten Probleme im Zusammenhang mit der Nutztierhaltung ernst genommen werden, entsprechende Schutzmaßnahmen gefördert werden und Nutztierhalter bei Übergriffen von Wölfen eine Entschädigung erhalten. Das Zusammenleben von Mensch und Wolf ist grundsätzlich unproblematisch. Wir müssen lernen, mit dem Wolf in unserer Kulturlandschaft umzugehen.”
Das bedeute auf der einen Seite, die Probleme, die der Wolf bereite, nicht zu ignorieren, aber auch die Ängste abzubauen und die wildbiologischen Ansprüche und ökologischen Auswirkungen auf wissenschaftlicher Grundlage zu begleiten. „Dies alles”, betont Cassier, „sollte in einen auch von der EU geforderten Managementplan einfließen, den es für andere Bundesländer bereits gibt, aber in Niedersachsen noch aussteht. Hier ist das Umweltministerium gefordert.”
Kontakt
Beobachtungen können an Cassier unter 0151/55047309 oder jurgen-cassier@web.de gemeldet werden.
