Rotenburger organisieren Hilfstransporte in die Ukraine
In der Ukraine herrscht Krieg, Rotenburger reagieren: Große Mengen an Hilfsgütern, von der Batterie bis zur Zahnpasta, bündeln Menschen wie die Familie Grewe oder Nikolai und Marianna Hoffmann. Sie sorgen dafür, dass die Güter in die Ukraine kommen.
Rotenburg – Der Parkplatz in Rotenburg füllt sich mit Autos, Menschen steigen aus, öffnen ihre Kofferräume. Diese sind prall gefüllt mit Kartons und Säcken – so zugequetscht, dass sich die auf Spannung gepackten Quader beim Aufziehen der Tür erst einmal nach vorne schieben. Nach und nach bilden Menschen und Kartons eine Schlange vor der Gärtnerei. Sie wollen anderen Menschen in der Ukraine helfen – genau wie die Frauen, die im Eingangsbereich die Kisten entgegennehmen: „Wir sind gerade bei der Warenannahme“, sagt Jette Grewe schmunzelnd.
Die Betreiberfamilie hinter der Gärtnerei an der Knickchaussee macht einen Teil der Welle an Hilfsbereitschaft aus, die derzeit durch die Region schwappt. Viele sehen, was der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine mit den Menschen vor Ort macht. In einem Kriegsgebiet kann jede Hilfe gebraucht werden – und diese Verantwortung, andere Menschen zu unterstützen, spüren auch im Landkreis Rotenburg viele. Sie packen das, was die Menschen im Krisengebiet brauchen, in Kisten und bringen diese zu Sammelstellen. Oder organisieren selbst die Logistik.
Letzteres hat die Familie Grewe als Gemeinschaftsaktion ins Leben gerufen. Relativ spontan, alle packen an. Aber alles ohne Spendenbescheinigungen, erklärt Jette Grewe. „Es muss halt schnell gehen“, sagt sie. Die Entgegennahme der Kartons und Säcke gestaltet sich spontan und relativ unkoordiniert. Grewes und auch die hilfsbereiten Mitarbeiter machen das zum ersten Mal und werfen alle paar Minuten ihr neues Sortiersystem über den Haufen. Aber irgendwer muss ja was tun, am besten gleich: „Vor dem Fernseher sitzen und weinen, das allein bringt nichts“, sagt Jette Grewe. „Und es geht vielen so“, fügt sie hinzu. Einige Kunden würden beim Blick auf die Aktion mit Tränen in den Augen wieder nach Hause fahren und anfangen, Kisten zu packen.
Schon gegen Mittag stapeln sich die Hilfsgüter vor dem Ladeneingang, ein Zelt wird organisiert. Im Eingang reichen die Boxen bald bis an die Deckenbeleuchtung. Schlafsäcke, Bekleidung, haltbare Verpflegung, Decken und Medikamente sollen bis Mittwochnachmittag 15 Uhr einen 7,5-Tonner füllen und Richtung polnisch-ukrainischer Grenze fahren. Den Laster stellt Oetjen Logistik, genau wie das Spritgeld. Fahrer und Beifahrer spenden ihre Freizeit. Auch das Rotenburger Tierheim wird Futterspenden für Hunde und Katzen vorbeibringen, kündigt Leiterin Silke Wingen an – denn das wird in solchen Momenten schnell vergessen. Im Augenblick sei genügend durch die Futterboxen da, um etwas abgeben zu können.
Zusätzliche Werbung brauche die Aktion aber nicht mehr, meint Ulrike Grewe. Die Hilfsbereitschaft sei so schon überwältigend. Die Helferin will vermeiden, dass die eigene Truppe irgendwann mit dem Aufkommen der Güter überfordert ist.
So weit sind Nikolai und Marianna Hoffmann noch nicht. Die Rotenburger sammeln ebenfalls Hilfsgüter – und bringen besondere Motivation dafür mit: Beide sind in der Ukraine zur Welt gekommen und haben Verwandte und Bekannte in Orten wie Kiew und Odessa. „Und da ist jetzt die Hölle los“, sagt der Berufskraftfahrer. „Man macht sich auch Sorgen wegen der Verwandten. Die sind zwar noch etwas weiter weg, nahe der Grenze zu Moldawien und Rumänien. Aber man weiß ja nie.“
Seine Frau und er machen bei Ebay-Kleinanzeigen und Whatsapp auf sich aufmerksam. Mit Erfolg: Aktuell steht das Wohnzimmer voller Kartons, die ihrerseits mit den üblichen Hilfsmitteln gefüllt sind. Die Logistik hat der Lkw-Fahrer mithilfe des ukrainischen Generalkonsulats in Hamburg auf die Beine gestellt. Die hatten Kontaktdaten zu gebürtigen Ukrainern herausgegeben, die den Transport bewältigen. In Hamburg und Hannover sitzen sie, fahren so oft wie möglich an die polnisch-ulkrainische Grenze. Von dort aus übernehmen Landsmänner den Transport ins Krisengebiet – „dorthin, wo die Spenden am meisten benötigt werden“, erklärt Nikolai Hoffmann. Auf dem Rückweg würden die Fahrer flüchtende Frauen und Kinder aus dem Land schaffen. „Die Jungs fahren täglich. Sobald ein Lkw voll mit Spenden ist, geht es los.“ Er selbst schaufelt sich gerade den Terminkalender frei, um ebenfalls mehr anpacken zu können, falls er für Fahrten gebraucht wird. Wenn alles klappt, geht es schon am Wochenende los. Er sei bereit, eher einzuspringen, falls es nötig wird.
Für Hoffmanns wird das keine einmalige Angelegenheit, sagen beide. Einen Abgabetermin gebe es keinen. „Wir machen das so lange, wie es eben dauert“, so Nikolai Hoffmann. Über Hilfsgüter hinaus freut er sich über Tipps, wo sich diese lagern lassen. Der Platz im Wohnzimmer ist begrenzt: „Vorschläge sind sehr willkommen.“ Alle, die in dieser Zeit mit anpacken, lässt er wissen: „Wir bedanken uns im Namen aller Ukrainer herzlich bei allen Helfern!“
Spendensammlung
Hilfsgüter nehmen Marianna und Nikolai Hoffmann im Vahlder Weg 3 in Rotenburg entgegen. Bei Fragen ist er erreichbar unter 0176 /87428639.

