INTERVIEW
Zwei Jahre Pandemie im Landkreis Rotenburg: „Die Belastung ist erheblich“
Es ist genau zwei Jahre her, da bestätigte das Gesundheitsamt die ersten beiden Coronafälle im Kreis. Wie die Lage kurz vor dem „Freedom Day“ ist, darüber haben wir mit dem stellvertretenden Gesundheitsamtsleiter gesprochen.
Rotenburg – Im Februar 2020 tauchte im Landkreis Rotenburg der erste Coronavirus-Verdachtsfall auf. Der bestätigte sich zwar nicht, aber das Diakonieklinikum beispielsweise traf daraufhin weitere Vorbereitungen. Am 4. März 2020 dann die ersten bestätigten Infektionsfälle im Kreis: zwei Reiserückkehrer aus Südtirol. Es soll eine Achterbahnfahrt in den kommenden beiden Jahren werden, und noch ist ein Ende nicht in Sicht. Es gibt zwar mittlerweile mehrere Impfstoffe, mehr Wissen über das Virus und seine Ausbreitung sowie Bekämpfung. Doch genau da gerät es derzeit auch ins Stocken. Wir haben beim stellvertretenden Gesundheitsamtsleiter Jens Hedicke nachgefragt, wie es derzeit, kurz vor dem „Freedom Day“, vor Ort aussieht.
Herr Hedicke, die Fallzahlen sinken, sind aber noch immer hoch. Nach genau zwei Jahren Pandemie steht der „Freedom Day“ vor der Tür. Kommt dieser zu früh?
Innerhalb Deutschlands reichen die Inzidenzzahlen gegenwärtig von zuletzt 4 340 im Landkreis Regensburg bis zu 432 im Landkreis Wittmund. Auch bei uns im Landkreis gestaltet sich das Pandemiegeschehen durchaus nicht gleichmäßig, die Inzidenz pendelt in einem viel zu hohen Bereich, als dass wieder eine enge Fall- und Kontaktverfolgung erreicht werden könnte. Deutschland hat sich bislang eher vorsichtig durch die Pandemie bewegt, unter diesem Aspekt wäre ein Termin Ende April auch vertretbar gewesen. Allein vom Wunschgefühl her ist der „Freedom Day“ aber längst überfällig.
Wie beurteilen sie die momentane Masken- und Maßnahmenmüdigkeit?
Diese ist leider keine Momentaufnahme, sondern hat über die vergangenen Monate zugenommen. Viele Menschen sehen die Omikron-Variante als harmlos an, viele fühlen sich durch Impfungen geschützt, viele sind sich nicht im Klaren, welche Maßnahmen gerade gelten. Und einige wollen ein Statement setzen.
Das Gesundheitsamt ist mit der Kontaktnachverfolgung zuletzt überlastet gewesen. Dass die Zahlen rasant ansteigen würden, war lange bekannt. Hätte die Bundeswehr nicht frühzeitiger angefordert werden müssen?
Die Bundeswehr wurde zwar frühzeitig angefordert, die Einsatzorte wurden aber auf Grundlage der damaligen Inzidenzzahlen priorisiert. Da waren wir ein wenig Opfer der eigenen Tüchtigkeit, da ja unsere Inzidenz von November auf Mitte Dezember rückläufig war. Andere Landkreise hatten zu diesem Zeitpunkt bereits doppelt oder dreifach höhere Inzidenzen. Als die Fallzahlen dann auch bei uns stark anstiegen, erhielten wir dankenswerterweise rasch Unterstützungskräfte, die allerdings zunächst eingearbeitet werden mussten.
Spiegeln die offiziellen Zahlen das Fallgeschehen oder gibt es wieder weniger Tests ergo weniger erkannte Infizierte?
Die Zahl der PCR-Tests ist von 960 454 in der Kalenderwoche 52/2021 auf 2 144 260 in der Kalenderwoche 07/2022 angewachsen. Dabei ist der Anteil der positiven Tests von 21,5 auf 45,7 Prozent angestiegen. Dass ich ebenfalls von einer Untererfassung ausgehe, ist auf die vielfach mildere Symptomatik bei Erkrankungen mit der Omikron-Variante, die mittlerweile über 99 Prozent aller Fälle in Niedersachsen ausmacht, zurückzuführen. Dies gilt insbesondere für geimpfte und/oder genesene Personen. Viele Personen fühlen sich trotz Infektion einfach nicht krank und werden nur zufällig durch veranlasste Tests entdeckt. Eine Dunkelziffer gab es schon immer.
Der Impfandrang ist eingebrochen, erhoffen Sie sich einen Aufschwung durch den Start mit Novavax am Sonntag?
Die Anzahl der bisherigen Anmeldungen für Novavax bleibt deutlich hinter andernorts formulierten Erwartungen zurück.
Wie bekommt man mehr Menschen dazu, sich impfen zu lassen?
Diejenigen, die bereit waren, sich impfen zu lassen, konnten ihre Impfungen mittlerweile erhalten. Diejenigen, die nicht dazu bereit sind, werden höchstens noch durch Einzelschicksale in ihrem sozialen Umfeld zum Umdenken bewegt. Verbliebenes Impfpotenzial sehe ich allenfalls bei denjenigen, die grundsätzlich bereit wären, bislang aber nie den richtigen Zeitpunkt dafür gekommen sahen.
Halten Sie die Impfpflicht für sinnvoll?
Ich bin geimpft, weil ich es für meine persönliche Pflicht gegenüber den mir anvertrauten Menschen halte. Eine allgemeine Impfpflicht, die zwar ausgesprochen, aber nicht umgesetzt wird, schadet der Sache und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt wesentlich mehr als sie nützt.
Wie lange werden die Impfteams des Landkreises voraussichtlich noch im Einsatz sein?
Die Impfteams werden voraussichtlich noch bis Ende des Jahres bei Einzelaktionen und Impfkampagnen im Einsatz sein, so auch zur vierten Impfung in Einrichtungen.
Wie laufen die Vorbereitungen beim Thema einrichtungsbezogene Impfpflicht?
Die Vorbereitungen seitens des Landes Niedersachsen sind weit fortgeschritten. An diese Vorgaben sind wir gebunden und werden sie ab 16. März zügig umsetzen.
Dürfen ungeimpfte Ärzte ab März weiter Patienten behandeln?
Inwieweit der weitere Einsatz ungeimpfter Personen, die dem Paragrafen 20a des Infektionsschutzgesetzes unterliegen, möglich ist, wird nach Inkrafttreten der einrichtungsbezogenen Impfpflicht im Einzelfall zu prüfen sein.
Die Arbeit für die Mitarbeiter im Gesundheitsamt ist in der Pandemie natürlich belastend. Wie schaffen Sie da Ausgleiche?
Die zeitliche, körperliche und emotionale Belastung der Mitarbeiter im Gesundheitsamt ist in der Tat erheblich. Zwischenzeitliche Phasen niedriger Inzidenzen wurden zum Abbau von Überstunden und für Urlaub genutzt. Daneben haben die Einzelnen ganz unterschiedliche Wege, sich durch Hobbys oder Aktivitäten abzulenken oder aber im Gespräch mit vertrauten Personen Entlastung zu finden. Dennoch gehe ich davon aus, dass die Auswirkung der vergangenen zwei Jahre nicht mit einem „Freedom Day“ schlagartig verschwunden sein werden, sondern noch einige Monate nachwirken werden. Und dann warten da noch viele Aufgaben, die in der Pandemie zurückgestellt werden mussten.
Der Ton ist spätestens mit der anlaufenden Impfkampagne gesellschaftlich deutlich rauer geworden. Spüren das auch Ihre Mitarbeiter? Gibt es Anfeindungen?
Auch die Mitarbeiter bekommen bei ihren Telefonaten die Erschöpfung bis Erbitterung der Betroffenen zu spüren. Der Anteil derjenigen, die sich völlig im Ton vergreifen, ist aber niedrig. Einzelne Anfeindungen gibt es. Ausdrücklichen Dank aber auch. Trotzdem bringen die Mitarbeiter immer wieder zum Ausdruck, dass sie auf fallende Inzidenzen hoffen, damit sie endlich wieder mit den betroffenen Menschen ins Gespräch kommen und durch individuelle Beratung dazu beitragen können, Maßnahmen verständlich zu machen und letztlich Infektionsketten zu unterbrechen.
Experten raten zu Schritten, die Regierung zögert. Das war im Verlauf der Pandemie oft zu sehen. Welche Lehren können wir, insbesondere auch hier vor Ort, aus zwei Jahren Pandemie ziehen?
Ohne einen ausreichend hohen gesellschaftlichen Konsens sind Maßnahmen der Pandemiebekämpfung in einer Demokratie nicht durchführbar.
