Die Scheeßeler Tafel-Ausgabestelle in Zeiten des Ukraine-Krieges
Mehr Kunden, weniger Spenden: Die Scheeßeler Tafel-Ausgabestelle in Zeiten des Ukraine-Krieges
Auch die Tafeln merken in dieser schwierigen Zeit, dass sie an ihre Grenzen stoßen: mehr Bedürftige, weniger Lebensmittelspenden und steigende Kosten. In der Scheeßeler Ausgabestelle hat man nun Maßnahmen ergriffen, um die Kunden weiter zu versorgen.
Scheeßel – Es ist zwei Uhr mittags. Noch sind die Türen der Tafel-Ausgabestelle in Scheeßel abgeschlossen, noch haben Leiterin Marion von Koschitzky und ihr Team alle Hände voll zu tun, die Auslagen im Bahnhofsgebäude zu bestücken – mit Obst und Gemüse, mit Backwaren, mit Reis, Nudeln und vielen weiteren gespendeten Lebensmitteln, mit denen sich Bedürftige gegen kleines Geld eindecken können. „Heute ist ein guter Tag“, bemerkt die 75-Jährige. Das, was von den hauseigenen Fahrern geliefert worden sei, reiche so für alle Kunden voll und ganz aus. Die ersten werden in einer Stunde erwartet – dann öffnet das etwas andere Ladengeschäft.
Alles wie immer also? Nicht ganz. Denn während Bedürftige bis vor kurzem noch zweimal pro Woche zugreifen durften, ist das Angebot für sie jetzt wöchentlich auf eine Gelegenheit eingeschränkt worden – vorübergehend jedenfalls. Zu wenig Ware gibt es im Moment, als dass sämtliche berechtigte Kunden ausreichend versorgt werden könnten. Einen Kreis von 54 Menschen, berichtet von Koschitzky, bediene das Team der Ausgabestelle aktuell. Der sei inzwischen über ein Nummernsystem in zwei Hälften aufgeteilt – montags komme die eine Gruppe, donnerstags die andere. „Anders hätten wir uns nicht mehr zu helfen gewusst“, sagt die Scheeßelerin, die seit drei Jahren die Stelle unter dem Dach des Rotenburger Tafel-Vereins leitet – im Schulterschluss mit Bärbel Münnich und Doris Brantel. Notgedrungen habe man sich zwangsläufig auch für einen Aufnahmestopp entschieden. „Wir nehmen im Moment niemand Neues mehr an.“
Das Dilemma, in dem nicht nur die ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter aus Scheeßel stecken: Die Zahl der Bedürftigen hat wegen der Flüchtlinge des Ukraine-Krieges rapide zugenommen, die Lebensmittelspenden fließen bei Weitem aber nicht mehr so intensiv, wie es vor Jahren noch der Fall war. „Die Leute sind einfach spendenmüde geworden“, hat von Koschitzky festgestellt. Selbst bei der im örtlichen Edeka-Markt fest verankerten Tafel-Aktion „Kauf zwei, nimm eins“, die früher „immer wahnsinnig viel eingebracht“ habe, beobachte sie mittlerweile Zurückhaltung. „Da haben wir noch nicht mal anderthalb Kisten mit haltbaren Lebensmitteln innerhalb von zwei Wochen zusammenbekommen.“ Warum diese Entwicklung? „In Zeiten, in denen alles teurer geworden ist, denken die Leute an sich – und ich kann es ihnen auch ehrlich gesagt nicht verübeln.“
Auch von den Supermärkten selbst bekommt die Ausgabestelle immer weniger Güter zur Verfügung gestellt, würden die Versorger ihre Ware seit Beginn des Ukraine-Kriegs doch gezielter einkaufen und anders haushalten, erklärt sich die Leiterin die Entwicklung. „An einem Tag haben wir von einem unserer Kooperationspartner zum Beispiel gar nichts bekommen.“ Seien es sonst immer 20 bis 25 Kisten gewesen, die das Fahrerteam mitgebracht habe, seien in der vergangenen Woche nur vier zusammengekommen. „Daher mussten wir einige Leute an der Tür leider schon abweisen, weil wir nichts mehr hatten.“
Dennoch: Trübsal blasen wollen sie und ihre Mannschaft nicht, betont Marion von Koschitzky, die seit 13 Jahren dabei ist. „Dafür macht uns die Arbeit hier viel zu viel Spaß.“ Man gebe eben sein Bestes und versuche, die Waren weiterhin so gerecht wie möglich auszugeben. „Mehr können wir nicht tun.“ Auch die Kunden, erzählt sie, hätten für die derzeitige Situation Verständnis.
Kunden, die inzwischen hauptsächlich aus der Ukraine kämen und kaum bis gar kein Deutsch sprechen könnten. Daher freut sich das Team ganz besonders darüber, schon seit vielen Jahren Lina Tjurina in seinen Reihen zu haben. Die Seniorin hat russische Wurzeln, kommt immer wieder in die Situation, zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten zu übersetzen. „Ich mache das natürlich gerne“, sagt sie. Manche Begriffe würden die Geflüchteten schon kennen, zum Beispiel Zucker oder Käse, aber eben nicht alles.
Bei der Tafel-Ausgabestelle in Scheeßel gibt es also weiterhin jede Menge zu tun. Daher werden nun weitere Helfer gesucht. Wer Auto fahren oder anpacken kann, ist willkommen.
