Vor allem Familien fühlen sich im Landkreis Rotenburg als Feriengäste wohl
Bullensee statt Mittelmeer, nach dem Motto reisen Touristen in den Landkreis. Manch ein Gast zieht es sogar von der Ostsee in Richtung Rotenburg.
Hellwege/Rotenburg – In den Sommerferien von Rotenburg ans Meer, klar, aber vom Meer aus nach Rotenburg? Für den elfjährigen Yannick Maurus aus Kiel ganz normal. „Hier gibt es die leckersten Tomaten der Welt“, sagt Yannick, der mit seiner Familie die Stadt an der Ostsee verlassen hat, um seine Ferienwochen wie im schon vergangenen Jahr auf Hof Grafel zu verbringen. Dort im Gewächshaus hilft er gern bei der Ernte. Nicht nur Tomaten, auch Gurken und Rote Bete schmecken dem Jungen, der sich auf dem Hof bereits bestens auskennt. „Gut finde ich auch, dass die Erwachsenen hier nicht die ganze Zeit am Handy die Nachrichten verfolgen.“
In den sieben Ferienwohnungen und zwei kleineren Apartments auf dem Hof in Rotenburgs Süden gibt es tatsächlich abgesehen vom eigenen mobilen Datenvolumen kein Internet, außer in der großen Aufenthaltsdiele des altehrwürdigen Fachwerkhauses in der Mitte der u-förmigen Bauernhofanlage. Und die Diele wird auch nur selten zum Surfen genutzt. Sie ist ein Ort, an dem sich Gäste und Gastgeber treffen, „wie ein gemeinsames Wohnzimmer“, sagt Urlauberin Lisa de Witt aus Dörverden.
Anreise in den Landkreis Rotenburg per Zug und Rad
Dort sind schon Freundschaften entstanden. De Witt und ihre Familie sind mit Zug und Rad angereist, in früheren Jahren auch schon nur mit dem Rad. Sie sind zum vierten oder fünften Mal da, haben mittlerweile ein eigenes Lied gedichtet, das stets auf Höhe der Heidelbeerplantage angestimmt wird, wenn nur noch einige hundert Meter Schotterpiste die Feriengäste von ihrem Urlaubsort trennen. Kurze Wege sind auch während der Ferien angesagt. Der Bullensee sei das am weitesten entfernte Ausflugsziel.
Heide-Park, Städtetrips, Spaßbäder? Nicht nötig. „Das ist hier wie ein Ferienlager für Klein und Groß“, sagt Kathrin Bauer aus Köthen in Sachsen-Anhalt. Ihre neunjährige Tochter Paulin erzählt begeistert, wie sie beim Springen durch die Pfützen trotzdem trockengeblieben ist und am Ende doch nass und schmutzig war. Die Kinder zählen auf, was es zu tun gibt: Fußballspielen, Trampolinspringen, Esel und Schafe füttern, auf den Pferden reiten. De Witt sagt: „Unsere Gastgeber wissen, was die Kinder wollen.“ Und mit Kindern meint sie nicht Kinder als solche, sondern jedes Kind im Besonderen.
Spielenachmittage sind bei Besuchern beliebt
Kathrin Peters, eine von sieben Menschen, die fest auf dem Hof arbeiten, hat gerade einigen Kindern auf der Pferdekoppel das Führen gezeigt und wie die Tiere kommunizieren. „Wenn man das Weiße in ihren Augen sieht, haben sie Angst“, erklärt Peters, die auch tiergestützte Pädagogik anbietet. Ängstlich sind ihre Pferde aber gerade nicht, sie stehen neugierig am Zaun. Plötzlich setzt mal wieder Regen ein, das stört aber keinen. Spielenachmittage und Malen stehen bei ganz schlechtem Wetter an, es gibt eine Tischtennisplatte und Rollbretter für ausreichend Bewegung unterm Dach.
Beim Stockbrotbacken stören ein paar Regentropfen nicht. „Das Wetter ist eine Herausforderung, aber die Stimmung ist gut“, sagt Peters. Es gab keine wetterbedingten Absagen, sondern schon Buchungen für 2024. Die neun Unterkünfte sind auf Hof Grafel der größte Betriebszweig neben Landwirtschaft und Yogakursen, und in den deutschlandweiten Sommerferien von Juni bis September, aber auch in den Oster- und Herbstferien und an langen Feiertagswochenenden fast immer ausgebucht. Gäste kommen auch aus Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Bremen, selten aus dem Ausland. Zu finden ist der Hof über die eigene Website und Urlaubsportale.
Veganer Urlaub auf Hof Grafel möglich
Kathrin Bauer hat vor vier Jahren im Internet „veganen Urlaub“ gesucht, den Hof Grafel gefunden und dann ein Jahr warten müssen, denn für den anstehenden Sommer war alles voll. Auf Hof Grafel wird jeden Abend vegan gekocht, mit Produkten aus eigenem Anbau. Man könne sich am Vorabend fürs gemeinsame Abendessen anmelden, erzählt de Witt, „das ist jeden Abend wie Weihnachten“, man könne sich aber auch selbst versorgen. Es ist ja kein All-inclusive-Pauschalurlaub, das wäre auch nicht de Witts Sache. Chefin Petra Peters, seit 40 Jahren auf dem Hof im Einsatz, kocht und backt, ihre vegane Donauwelle wird allseits gelobt. „Wir sind in der Küche vor einigen Jahren von vegetarisch auf vegan umgestiegen, aus Klima- und Umweltgründen, und weil es wenige Orte für veganes Essen gibt und wir Nichtveganern die Gelegenheit zum Ausprobieren geben wollen“, erläutert Kathrin Peters.
Mit dem veganen Angebot mag Hof Grafel eine Besonderheit darstellen, insgesamt ist der Ferienhof durchaus typisch für die Art, wie im Landkreis Rotenburg Urlaub gemacht wird. Es gibt treue Gäste, die vier, fünf Sommer in Folge kommen und dann auch gleich für eine oder mehrere Wochen.
In Hellwege auf dem Eichenhof ist alles eine Spur gediegener als am Grafeler Damm, das Prinzip ist aber ähnlich. Der Trend gehe weg vom drei-, viertägigen Kurzurlaub, hin zu mindestens ein, zwei Wochen, berichtet Inhaberin Susanne Heitmann. Früher kamen viele Gäste aus Berlin und Nordrhein-Westfalen, heute entweder aus Süddeutschland oder auch aus Städten der Umgebung wie Oldenburg und Bremen, wenn Familien mit kleinen Kindern lange Anreisen scheuten. Der Trend heiße Bauernhof-Urlaub. Unter diesem Stichwort müsse man im Internet auf Portalen wie Land-Touristik und Tourow zu finden sind, und diesem Motto werden Heitmann und Juniorchef Niklas Niestädt mit ihren Pferden, Hühnern und Ziegen auch gerecht.
Gäste aus Hamburg kommen nach Rotenburg
Marlies und Wolfgang Arlt sind mit ihren Enkeln Emma und Tom aus Hamburg gekommen, mittlerweile zum achten Mal. Sie haben den Eichenhof online gefunden, dann während eines Tagesausflugs besucht und für gut befunden, um dort Urlaub zu machen. „Ein Gefühl von Freiheit“ habe er, wenn er auf die Terrasse seiner Ferienwohnung tritt, erklärt Wolfgang Arlt, und trotz der Nähe zur Heimat sei der Hof „etwas ganz anderes“ als die gewohnte Umgebung.
In erster Linie gehe es aber um die Kinder, und für die sei es in Hellwege optimal. Die 13-jährige Emma freut sich am meisten über das tägliche Pony-Füttern und -Reiten, der achtjährige Tom über das Go-Kart-Fahren und am allermeisten übers Treckerfahren mit Niestädt. Die Gastgeber fungieren wie auf Hof Grafel auch ein wenig wie Animateure. „Alle sind sehr gastfreundlich“, sagt Arlt. Manche Rotenburger mag das überraschen, aber den zwei Großeltern und ihren Enkeln fehle in der Umgebung tatsächlich nichts. Sie seien in Verden im Magic Park gewesen, spielen ansonsten Boule und Fußball und bei schlechtem Wetter – also zuletzt regelmäßig – Tischfußball in der Spielscheune. Die hat Niestädt während des Lockdown-Leerlaufs ausgebaut.
Der eigentliche Star auf dem Hof ist aber Schäferhund-Jack-Russell-Mischling Aika, der gern mit den Eichenhof-Urlaubern spazieren geht. Manche fragen extra nach Aika, bevor sie buchen, berichtet Heitmann. Für Stadtkinder sei wichtig, was für Dorfbewohner egal oder selbstverständlich ist. Es seien in den Ferienwochen immer mehrere Familien da, die sich auch untereinander anfreundeten. Man sei aber breit aufgestellt, auch durch Tagungsgäste, Monteure und Radtouristen.
Die Pension mit ihren acht Ferienwohnungen und sechs Zimmern gebe es seit 1971 und sei das Hauptgeschäft, das Hofcafé kam später hinzu. Dort gibt es für die Feriengäste und auch andere Frühstück. Ansonsten ist es aktuell aus Personalmangel geschlossen, der momentan das größere Problem darstelle als der Besuchermangel. Heitmann sorgt sich aber schon, ob der verregnete Sommer die Urlauber für 2024 doch eher ans Mittelmeer treibt. Gleichzeitig vertraut sie auf ihre Stammgäste, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda auch immer für neue Besucher sorgten. Und auf mehr Sonnenschein im kommenden Jahr.
