Blaue Markierungen in Westerland

Umstrittene Aktion zur Nachhaltigkeitswoche: Zoff um „ekelhaftes Geschmiere“ auf Sylt

Mit blauen Markierungen am Rathaus und den „Reisenden Riesen“ sollte auf den drohenden Anstieg des Meeresspiegels hingewiesen werden. Doch die Aktion auf Sylt kam nicht bei allen gut an.

Westerland/Sylt – Sie sind schon ein Hingucker, die überlebensgroßen knallgrünen „Reisenden Riesen“ des Künstlers Martin Wolke. Vor dem Bahnhof in Westerland stehen sie mit ihren riesigen Koffern und trotzen dem kräftigen Wind, der auf Sylt häufig von der Nordsee übers Land fegt. Wer genauer hinschaut, der bemerkt blaue, wellenförmige Markierungen an den Beinen bzw. Hüften der Figuren, einige sind schon leicht zerlaufen. Die blauen Linien gehören eigentlich nicht zur Installation des Bildhauers Wolke.

Steigender Meeresspiegel: Blaue Linien an den „Reisenden Riesen“ und der Rathaustreppe

Schon lange wird darüber gesprochen, dass Sylt vom Untergang bedroht ist. Immer heftigere Stürme setzen der Nordseeinsel zu, mit teuren Sandvorspülungen werden jedes Jahr die Folgen zumindest teilweise ausgeglichen. Eins ist klar: Klimawandel und Meeresspiegelanstieg haben extreme Auswirkungen auf die Nordseeinseln, Probleme sind schon jetzt deutlich spürbar. Im Rahmen der Nachhaltigkeitswoche vom 20. bis 26. September 2023 wollte man auf Sylt mit einer Installation verdeutlichen, wie hoch das Wasser bei steigenden Pegeln und Extremwetter auf der Insel steigen könnte.

Ob die Riesen wohl schwimmen können? Wenn die Prognose stimmt, müssten sie es lernen. Denn diese sagt, bei einer schweren Sturmflut (mit etwa 4 Meter über NN) würde das Wasser an der blauen Linie stehen.

Informationstafel bei den „Reisenden Riesen“ zu den Nachhaltigkeitstagen Sylt

Nicht nur an den „Reisenden Riesen“, sondern auch an der Treppe vom Westerländer Rathaus wurden die blauen Markierungen in Wellenform angebracht. Sie zeigen, wie hoch das Wasser stehen kann, wenn die Pegel bis zum Ende des Jahrhunderts um weitere 80 Zentimeter steigen und es dann zu einer schweren Sturmflut kommt. Die hat es zuletzt im November 1981 gegeben. Damals wurden mit 4,05 Metern über dem normalen Hochwasser die höchsten Pegelstände des Jahrhunderts gemessen.

Blaue Markierungen an den „Reisenden Riesen“ auf Sylt sollen den Anstieg des Meeresspiegels zeigen. Die Aktion im Rahmen der Nachhaltigkeitstage kam nicht bei allen gut an.

„Ekelhaftes Geschmiere“: Meinungen über Aktion im Rahmen der Nachhaltigkeitstage gespalten

So nachvollziehbar der Hintergrund der Aktion ist, es gibt auch kritische Stimmen. Als Reaktion auf einen Beitrag der „Sylter Rundschau“ auf Facebook über die Installation kommentiert ein User: „Ein ekelhaftes Geschmiere. Wer trägt die Beseitigungskosten?“ Offenbar hatten manche Betrachter einen Verdacht, wer die Urheber der blauen Graffitis in Westerland sein könnten: linke Aktivisten und Punks, die in diesem Sommer ein Protestcamp in der Nähe von Aldi in Tinnum veranstaltet haben.

Ein ekelhaftes Geschmiere. Wer trägt die Beseitigungskosten?

Peter B. auf Facebook zu einem Bericht der „Sylter Rundschau“ über die blauen Wellen in Westerland

„Nach Kunst sieht mir das nicht aus, eher nach Anfängerglück oder Punkerkreativität bei 2 Promille“, äußert sich ein anderer Leser zu den etwas stümperhaft aufgesprühten Wellen. Doch die Markierungen sind im Auftrag der Sylt Marketing Gesellschaft (SMG) ganz legal angebracht worden. Ob man diese Art der Umweltverschmutzung bei den Intelligenzbestien der „Letzten Generation“ gelernt habe, will ein User wissen. Aktivisten hatten in diesem Jahr mehrfach Farbattacken auf der Nordseeinsel verübt und unter anderem ein Reetdachhaus in der berühmten Sylter Whiskeymeile orange gefärbt.

Blaue Wellen in Westerland: Diskussionen in der Gemeinde um Genehmigung

Auch in der Gemeinde Sylt schlagen jetzt die blauen Wellen hoch. Wie shz.de berichtet, wollte Kay Abeling (CDU) im Hauptausschuss wissen, wer denn diese „blauen Kritzeleien“ genehmigt habe. Offenbar war die Aktion der Sylt Marketing Gesellschaft (SMG) nicht oder nur unzureichend mit der Gemeinde abgestimmt.

Immerhin wird von den umstrittenen blauen Markierungen wohl bald nichts mehr zu sehen sein, denn es wurde nicht – wie ein User auf Facebook befürchtete – lösungsmittelhaltige Farbe verwendet, sondern wasserlösliche blaue Kreidefarbe. Die soll nach Angaben der SMG wieder entfernt werden. Erste Auflösungserscheinungen zeigt die Installation an den „Reisenden Riesen“ bereits jetzt, und die für das Wochenende angesagte „Regenklatsche“ an der Nordseeküste wird sicherlich ihr Übriges tun.

Rubriklistenbild: © privat

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