Gang nach draußen möglich
Bewohner von Seniorenheimen leiden unter Besuchsverbot: Kontakt nur noch telefonisch
Achim - „Dass die Kontakte mit den Angehörigen wegfallen, das belastet alle. Das ist schon spürbar“, sagt Heiner Jäger, Leiter des Seniorenpflegezentrums am Badener Berg. Vielen Bewohnern falle die sprichwörtliche Decke auf den Kopf. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Folgen lässt auch in den Alteneinrichtungen wenig beim Alten.
Noch vorige Woche habe das Gesundheitsamt des Landkreises ein Besuchsverbot für Angehörige der Heimbewohner und andere Bezugspersonen, etwa vom Verein „Gemeinsam mit Senioren“, als nicht notwendig erachtet, berichtet Jäger. Doch mit dem rasanten Anstieg der Virusinfektionen und weil Corona für ältere Menschen schnell lebensgefährlich werden kann, zogen das Sozialministerium in Hannover und die nachgeordneten Behörden die Zügel deutlich an. Das Infektionsschutzgesetz und weitere Maßgaben schränken nun das Leben der Leute im Heim und das ihrer Liebsten, die regelmäßig vorbeikamen, ihnen emotionale Nähe und Abwechslung vom üblichen Tagesablauf bescherten, erheblich ein. Kontaktpflege ist jetzt nur noch über das Telefon und andere technische Geräte möglich.
Bis Mitte März war noch vieles anders. So nahmen Heimbewohner sogar an Familienfeiern außerhalb der Einrichtung teil. „Viel zu gefährlich! Das darf doch wohl nicht sein in Zeiten der Pandemie“, echauffierte sich der Sohn einer im Awo-Seniorenzentrum „Haus Achim“ an der Leipziger Straße lebenden betagten Dame am Redaktionstelefon.
Schon damals habe sie den Leuten ans Herz gelegt, keine Familienfeiern zu besuchen, antwortet Heimleiterin Bettina Lange auf Nachfrage. Inzwischen ist das untersagt. Direkte Kontakte von Angesicht zu Angesicht wurden komplett gekappt. Nur Ärzte und Rettungsdienste haben jetzt noch Zutritt zum Heim. Eingesperrt sei dort aber trotzdem niemand, stellt Lange klar. „Wir können den Bewohnern nicht verbieten, nach draußen zu gehen. Das wäre Freiheitsberaubung.“
Das gilt natürlich auch für die anderen Einrichtungen, etwa für das Haus am Badener Berg. „Wir raten den Bewohnern, drinnen zu bleiben. Zu 99 Prozent halten sie sich dran“, sagt Jäger. Aber er könne auch verstehen, wenn jemand mal kurz frische Luft schnappen und die Sonne genießen wolle.
Eine Ausnahme vom Besuchsverbot, das bei Missachtung mit Geldstrafen geahndet werden kann, gilt lediglich für Palliativpatienten. „Die engsten Angehörigen dürfen mit Mundschutz rein“, informiert Heiner Jäger. Allerdings reichten die im Heim vorhandenen Atemschutzmasken, die freiwillig auch von einigen, aber nicht allen Pflegekräften getragen würden, nur noch wenige Tage. „Ich hoffe, wir bekommen bald Nachschub.“
