Coronavirus: Neue Alarmsignale im Landkreis Verden
Auch Donnerstag wieder drei Neuinfizierte. Die Zahl der Corona-Patienten nimmt kreisweit nach einer Niedrigphase Ende April spürbar zu. Als Ursache gelten die Lockerungen, die in vielen Bereichen Einzug gehalten haben. Gleichzeitig wächst der Kreis der unter Quarantäne gestellten Menschen.
Verden/Achim – Sie stammen erneut sämtlich aus dem Nordkreis, die Neuinfizierten. Drei Frauen, die das Gesundheitsamt des Landkreises Verden gestern als positiv bestätigte. Damit steigt die Zahl der Infizierten auf 163. Zwei Personen konnten aus der Quarantäne als genesen entlassen werden. Deutlich gestiegen ist innerhalb wenige Tage auch die Zahl der stationär aufgenommenen Patienten. Fünf Menschen befinden sich in den Kliniken. Insgesamt stieg die Zahl der Patienten auf den Mai-Rekordwert von 23.
Sie sei sehr in Sorge, sagt Amtsärztin Jutta Dreyer. Wachsende Patientenzahlen im Krankenhaus, zuweilen richtige Schübe von Neuerkrankungen, aufwändigeres Durchleuchten der Infektionsketten und dann auch noch lebhafte Diskussionen mit Quarantäne-Kandidaten: Die Lockerungen haben zu neuen Risiken geführt. Und zu erheblichem Mehraufwand. „Bisher saßen acht Mitarbeiter an den Telefonen. Das reicht nicht mehr“, sagt die Leiterin des Verdener Gesundheitsamtes. Sie müsse das Personal aufstocken.
Einen ungezwungeneren Umgang mit dem Virus stelle sie fest, sagt sie. Kürzlich erst wieder. „Einerseits wird es immer schwieriger, die Kontaktpersonen von Infizierten zu erreichen. Die Menschen sind wieder mehr unterwegs. Aber selbst wenn man die entsprechende Person dann am Telefon hat, kann es zu anhaltenden Diskussionen kommen“, sagt Jutta Dreyer, „da wird einem schon mal leichtfertig gesagt, nein, man könne jetzt nicht in Quarantäne gehen, morgen feiere die Mutter ihren 80. Geburtstag. Da müsse man gratulieren.“
Sie mache eine solche Antwort sprachlos. „Zum Glück sind das nur Einzelfälle.“ Zugenommen haben die Telefonate allerdings sehr wohl. Deutlich zugenommen. „Während des totalen Lockdowns reichte die Infektionskette vielleicht bis zu den Kindern oder manchmal den Großeltern,“ sagt die Amtsärztin, „inzwischen hat sich die Infektionskette verdreifacht. Das Kind geht vielleicht wieder zur Schule, die Eltern sind hier oder dort in einem Laden gewesen. Gelegentlich auch ein Stadtbummel. Das hat unendliche Folgen. Manchmal müssen pro Infiziertem bis zu 40 Kontaktpersonen benachrichtigt werden.“
Gleichzeitig steigt die Zahl der vorsorglich unter Quarantäne gestellten Menschen sprunghaft. „Inzwischen liegen wir bei über 60. In schnellen Schritten näheren wir uns der 70-er Marke.“ Und damit sei immer noch nicht klar, ob denn wirklich alle erkannt und benannt seien. „Man muss sich das vorstellen. Da ruft das Gesundheitsamt an. Und man soll alle seine Kontaktpersonen mal eben schnell aufzählen. Da wird leicht jemand vergessen.“
Immerhin: Eine der Hauptinfektionsketten kann nachgewiesen werden. „Das betrifft Mitarbeiter von Bremer Betrieben, in denen das Covid-19-Virus ausgebrochen ist. Bei diesen Fällen stehen wir in engem Kontakt mit den Behörden der Hansestadt.“ Hier könne man relativ schnell reagieren. Anders sieht es bei Patienten aus, deren Infizierung wie aus heiterem Himmel komme. „Das bereitet uns zunehmend Sorgen.“
Besonders bitter dann auch noch, wenn sich bereits abgeklopfte Infektionsketten neu abzeichnen. „Wir verfügen über Daten von inzwischen 163 Betroffenen. Jeder Neuinfizierte wird mit den vorhanden Daten abgeglichen. Und gar nicht so selten, dass beispielsweise gleiche Namen auftauchen“, so Dreyer, „heißt also: Da ist in der Vergangenheit eine Kontaktperson übersehen worden.“ Noch spiele sich dieses Phänomen auf relativ niedrigem Niveau ab, aber es nehme zu, und das sei „schon sehr besorgniserregend“.
Deutlich strukturierter die Maßnahmen rund um die Risikogruppe Nummer eins, um die älteren Personen, um die Senioren- und Pflegeheime. „Wird beispielsweise ein älterer Mensch mit leichten Erkältungsanzeichen aufgenommen oder meldet sich ein Mitarbeiter mit verdächtigen Symptomen, dann werden alle Hebel in Bewegung gesetzt“, sagt die Amtsärztin, „dann folgen richtig große Testungsserien, manchmal für mehr als hundert Menschen.“