Aller-Weser-Klinik: Am „Tag der Pflege“ zieht Direktorin Christine Schrader Bilanz
Neue mediale Aufmerksamkeit
Verden - Wenn eine Pflegekraft für zehn Patienten zur Verfügung steht, bleibt wenig Zeit für den Einzelnen. Dennoch ist dies der Schlüssel, mit dem in Deutschland im Durchschnitt in den Krankenhäusern gearbeitet wird. In der Aller-Weser-Klinik in Verden sieht es etwas besser aus. Eine examinierte Pflegekraft ist hier für acht Patienten zuständig. „Auch nicht ideal“, findet AWK-Pflegedirektorin Christine Schrader, die einen Schlüssel von fünf zu eins für anstrebenswert, aber zurzeit nicht für realisierbar hält.
Das zuvor diskutierte Thema Pflegepersonalgrenzen im Klinikbereich ist wegen der Corona-Pandemie zunächst in den Hintergrund getreten. Doch anlässlich des heutigen Tages der Pflege mit dem Titel „Nursing the World to Health“ auch Anlass für eine Beurteilung der aktuellen Situation in der Aller-Weser-Klinik.
Immerhin sei Deutschland Schlusslicht beim Schlüssel Patient/Pflegekraft. Vorbild seien zum Beispiel skandinavische Länder, wobei natürlich nicht alles komplett übertragbar sei.
„Ein stabiles Team kann für eine gute Stationspflege sorgen. Deshalb legen wir großen Wert auf eine gute Zusammenarbeit innerhalb des Pflegepersonals und haben hier eine familienähnliche Situation.“ Außerdem sei es ein fataler Fehler gewesen, in der Aller-Weser-Klinik nicht mehr auszubilden. Mitte der 90er-Jahre sei dies beschlossen, inzwischen aber wieder rückgängig gemacht worden. „Wer hier im Haus seine Ausbildung gemacht hat, der bleibt auch gerne.“ Das sei angesichts des angespannten Stellenmarktes ein großer Vorteil. Schließlich machten sich die Kliniken inzwischen gegenseitig viel Konkurrenz bei der Anwerbung von Fachpersonal im Pflegebereich. „Da wird mit Prämien geworben. Oft stimmen die Rahmenbedingungen dann aber nicht.“
Um so vorteilhafter sei es, das Personal selber auszubilden. „Wir haben zwar für dieses Jahr alle Ausbildungsstellen besetzt, sind aber dennoch interessiert an Bewerbern.“ Manchmal gebe es noch die Gelegenheit nachzurücken oder zunächst über ein Praktikum den Beruf kennenzulernen, der für Christine Schrader attraktiver ist, als er gemeinhin eingestuft wird. Die Bezahlung – das Anfangsgehalt liegt bei knapp 3.000 Euro pro Monat – sei gut, hinzu kämen Nachtdienstzuschläge und Ähnliches. Interessant seien aber auch die Möglichkeiten weiterer fachlicher Qualifizierungen. Nach der Ausbildung stünden viele Bereiche offen.
Durch die Corona-Pandemie habe der Pflegeberuf eine neue mediale Aufmerksamkeit erhalten. „Das haben wir immer gewollt, damit man sieht, dass es ohne die Pflege nicht geht. Wir sind nicht nur Beiwerk, sondern spielen im System eine große Rolle.“ Die Bedeutung der Pflege rücke wieder mehr in den Vordergrund, und sie werde angesichts der immer älter werdenden Menschen komplexer. Eine Pflege-Beziehungsarbeit gelinge aber nur, wenn dafür genügend Zeit ist. In der Vergangenheit sei es zu sehr um die Versorgungsleistungen gegangen. Die Beziehungsarbeit sei wenig geschätzt worden.
Auch den Trend zu großen zentralen Krankenhäusern sieht Christine Schrader kritisch: „Wir sind hier nicht so an die Wand gefahren, wie zum Beispiel Italien.“ Überall seien ausreichend Intensivbetten vorhanden – in Verden neun, in Achim sechs. Bei einer neuen Welle von Erkrankten könne man ohne Probleme aufstocken. Beeindruckt hätte sie aber auch die „tolle Zusammenarbeit“ im Landkreis. „Innerhalb kurzer Zeit sind wir gut aufgestellt gewesen.“
Um die 400 Pflegekräfte arbeiten in der Aller-Weser-Klinik in Voll- und Teilzeit. Ihnen wünscht Schrader eine stärkere Stimme bei politischen Entscheidungen, zum Beispiel durch die Installierung einer Pflegekammer. „Das ist politisch die einzige Chance, ein anerkannter Partner zu ein.“