Hoffnung trifft auf Realität

Nach Assad-Sturz: Mehr als 1,6 Millionen Syrer zurückgekehrt – doch nur wenige aus Deutschland

Während Hunderttausende Geflüchtete aus Nachbarländern nach Syrien zurückkehren, sind es aus Deutschland nur wenige. Das steckt dahinter.

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad wurde im Dezember 2024 gestürzt. Seitdem kehrten laut UN-Angaben etwa 1,6 Millionen Geflüchtete in das Land zurück. Bis zum 30. April 2026 kamen laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) 634.000 Syrer aus der Türkei, etwa 621.000 aus dem Libanon und rund 284.000 aus Jordanien wieder in ihrem Heimatland an. Aus Deutschland gab es seitdem nur 4000 Rückkehrer, wie Welt am Sonntag unter Bezugnahme auf UNHCR-Angaben berichtet. Zudem seien 300.000 der ursprünglich rund eine Million syrischen Schutzsuchenden eingebürgert worden, hieß es weiter.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r) und Ahmed al-Scharaa, Präsident der syrischen Übergangsregierung, haben über die angestrebte Rückkehr sehr vieler Flüchtlinge in ihre Heimat gesprochen. (Archivbild)

Die bisherigen Ausweisungen hätten laut Angaben des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge (BAMF) „anlassbezogen“ stattgefunden, also bei unerlaubten Heimreisen oder schweren Straftaten, so der Welt am Sonntag-Bericht weiter. Laut BAMF ist für die Widerrufsverfahren erforderlich, „dass die Veränderung der Lage im Herkunftsland erheblich ist und nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft stattfindet“. Dieses Kriterium könne „erst nach Ablauf einer gewissen Zeit und nach Verstetigung der Verhältnisse“ festgestellt werden.

Vom Dschihadisten zum Staatsmann? al-Scharaa weckt Hoffnung

Der neue Präsident Ahmed al-Scharaa – früher Dschihadist – trägt heute Anzug und gibt sich staatsmännisch. Im Westen weckt das Hoffnung, doch politisch ist das Land noch weit davon entfernt, eine echte Demokratie zu sein. Ob der Umbau unter al-Scharaa gelingt, wird die Zeit zeigen. Laut BAMF ist die „wirtschaftliche und humanitäre Lage in Syrien weiterhin desolat“. Auf Anfrage der Welt am Sonntag teilte das BAMF außerdem mit: „Wann die Lage vor Ort eine Ausweitung der Widerrufsprüfungen zulässt, lässt sich nicht prognostizieren.“

Experten wie Asylrechts-Professor Daniel Thym halten im Gespräch mit WaS eine Ausweitung dieser Verfahren teilweise bereits für möglich, verweisen jedoch auf praktische Hürden wie überlastete Behörden und Gerichte. Das überlastete BAMF solle sich wohl zunächst darauf konzentrieren, die Asylanträge von Syrern abzulehnen, die kurz vor oder nach dem Sturz des Assad-Regimes einreisten, vermutet der Experte im Gespräch mit WaS weiter. CDU-Innenpolitiker Alexander Throm sieht das strenger: Aus seiner Sicht ist der „Schutzanspruch für viele Flüchtlinge aus Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes entfallen“.

Dass Hunderttausende etwa aus Ländern wie dem Libanon nach Syrien zurückkehren, lässt sich laut Menschenrechtsexperten nicht unbedingt mit einer veränderten oder gar sicheren Lage in Syrien erklären, sondern eher mit wirtschaftlichem Druck. „Natürlich ist das Leben als Flüchtling in Jordanien und im Libanon schwierig, besonders im Libanon. Die Wirtschaftskrise, vor allem im Libanon, ist katastrophal“, kommentiert etwa Nadia Hardman, Forscherin bei Human Rights Watch (HRW), laut einem Bericht der Organisation. Ein Vergleich Deutschlands mit diesen Ländern hält damit nur bedingt stand.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Erste Syrien-Abschiebung seit Kriegsbeginn in Syrien: Bundesregierung sendet Signal

In Deutschland steht die Regierung auch unter dem Druck von Rechtsaußen: Die Alternative für Deutschland (AfD) dominiert hierzulande die Migrations-Debatte und gewann zuletzt in Umfragen hinzu. Teilweise war sie laut Erhebungen die stärkste Partei. Im Dezember vergangenen Jahres teilte die Bundesregierung in einer Pressemitteilung mit, erstmals seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs einen verurteilten Straftäter nach Syrien abgeschoben zu haben. „Abschiebungen nach Syrien und Afghanistan müssen möglich sein. Unsere Gesellschaft hat ein berechtigtes Interesse daran, dass Straftäter unser Land verlassen. Wir stehen für Kontrolle, Konsequenz und klare Kante“, kommentierte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt damals.

Als Syriens Präsident al-Scharaa im März Deutschland besuchte, sagte Kanzler Friedrich Merz (CDU) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz: „In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre, das ist auch der Wunsch von Präsident Scharaa gewesen, sollen rund 80 Prozent der in Deutschland jetzt sich aufhaltenden Syrerinnen und Syrer zurück in ihr Heimatland kehren.“ Die Situation im Land habe sich „grundlegend verbessert“ und Schutzbedarfe müssen „neu bewertet“ werden, so Merz. Man habe in den vergangenen Wochen mit Syrien ein ehrgeiziges gemeinsames Arbeitsprogramm für den Wiederaufbau und die Rückkehr ausgearbeitet, das jetzt umgesetzt werde.

Die Rückkehrer „werden in Syrien nach Jahren der Zerstörung von Geschäften, Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern eine wichtige Rolle spielen“, erklärte der Kanzler. Al-Sharaa betonte, Syrien werde niemals vergessen, wie Deutschland während des Bürgerkriegs seine Türen für Flüchtlinge geöffnet habe, und sagte, die beiden Länder würden ihre Partnerschaft wiederherstellen, zitiert ihn die Nachrichtenagentur Reuters. Indes benötigt Deutschland 1,5 Millionen Zuwanderer pro Jahr, um dem Fachkräftemangel Einhalt zu gebieten, wie es von den Wirtschaftsweisen heißt. Zwischen 2012 und 2020 wurden laut dem Portal für berufliche Qualifikation rund 14.016 syrische berufliche Abschlüsse anerkannt. (Quellen: UN, Welt am Sonntag, dpa, AFP, Reuters, Portal für berufliche Qualifikation) (bme)

Rubriklistenbild: © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

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