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Ärger bei Rente, Krankenkasse, Tanken: Das antwortete Kanzler Merz auf Leserfragen
Vor dem Tag des Lokaljournalismus stellt sich Bundeskanzler Friedrich Merz Leserinnen und Lesern. Die stellten sachliche, aber kritische Fragen. Eine Analyse.
Der Anlass war ein positiver, doch die politischen Vorzeichen für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nicht ganz einfach: Kurz vor dem von IPPEN.MEDIA mitinitiierten Tag des Lokaljournalismus stellte sich der Kanzler Fragen von Leserinnen und Lesern. Und die fielen – wenig überraschend – inhaltlich durchaus kritisch aus. Die Beliebtheitswerte des Kanzlers und seiner Regierung sind im Keller, in Sachsen-Anhalt ist die Ablehnung der Bundesregierung laut Umfragen besonders groß.
Zunächst aber betonte der Kanzler die Relevanz von Lokalzeitungen, „die die Menschen vor Ort informieren“. Auch IPPEN.MEDIA-Chefredakteur Markus Knall machte klar, wieso der Wert von Journalismus vor Ort gar nicht hoch genug eingestuft werden kann: „Lokaljournalismus ist das Betriebssystem unserer Nachbarschaft. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass es stabil bleibt.“ , Knall leitete die Runde gemeinsam mit Ulrike Meineke, Gründerin der Altmark Zeitung, und Gesine Biermann von der Volksstimme Magdeburg.
Kanzler Merz stellt sich in der Rentenfrage gegen Mehrheit der Leserinnen und Leser im Saal
Vor den rund 250 Leserinnen und Lesern und im Livestream wurde dann schnell deutlich, wo die Menschen momentan (unter anderem) der Schuh drückt. Nachgefragt wurde etwa, wieso nicht „alle Menschen, in eine gemeinsame Rentenkasse einzahlen“, wann der Kanzler Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) „von ihrem fossilen Trip abbringe“ und wieso die CDU „kaum Frauen“ in den Bundestag schickt.
Der Kanzler antwortete teils mit dem Verweis auf die Gesetzeslage: So seien mit Blick auf die Rente eben unterschiedliche Altersvorsorge-Systeme in der Verfassung verankert. Auf eine Saalumfrage, bei der sich nach Knalls Einschätzung über 90 Prozent der Anwesenden für eine einheitliche Rentenkasse für alle, inklusive Beamten, aussprachen, entgegnete Merz: „Es haben aber auch einige dagegen gestimmt.“ Grummeln im Saal war bei diesem Themenkomplex vernehmbar. Merz sagte, dass er sich mehr junge Frauen in der Politik wünsche – diese dafür aber erst einmal kandidieren müssten. Und er betonte: „Katherina Reiche ist nicht auf einem fossilen Trip.“
Town-Hall mit Friedrich Merz zum Tag des Lokaljournalismus – die Bilder des Tages
Von den Plänen der Bundesregierung abweichende Stimmung zeigte sich schon vor Ankunft Merz‘ bei einer Kurzumfrage im Saal. Den am 1. Mai in Kraft tretenden Tankrabatt, der die Mineralölsteuer für zwei Monate um 17 Cent senkt, lehnte eine deutliche Mehrheit der Anwesenden ab.
Der Kanzler sammelte aber auch Pluspunkte beim Publikum. Er sprach sich für mehr Wertschätzung für Handwerksberufe und die duale Ausbildung aus. Und er riet Landwirten, sich im Preiskampf zusammenzutun, um gegenüber den Supermarktriesen „ihre Marktmacht geltend zu machen“. Merz hielt außerdem ein Plädoyer, die Brandmauer zur AfD aufrechtzuerhalten. Geschätzte zwei Drittel der Leserinnen und Leser im Saal unterstützen diese Haltung.
Merz antwortet vor Tag des Lokaljournalismus – und erntet an mehreren Stellen Zustimmung
Nach knapp einem Jahr im Amt sieht sich der Kanzler historisch schlechten Beliebtheitswerten ausgesetzt. Auch eine Äußerung in einem Spiegel-Interview sorgte zuletzt für einen großen Aufschrei vieler Menschen. „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“, sagte der Kanzler mit Blick auf verbale Angriffe und Herabwürdigungen.
Vor der Veranstaltungshalle mit der Diskussionsveranstaltung zum Tag des Lokaljournalismus mit Bundeskanzler Friedrich Merz haben mehrere Protestierende auf sich aufmerksam gemacht.
Auf Nachfrage von Markus Knall in Salzwedel betonte Merz: Er selbst wolle sich nicht beklagen. Der Kanzler rückte ein generelles Problem im gesellschaftlichen Austausch in den Fokus. „Die Polarisierung zwischen ganz links und ganz rechts ist in dieser Form schon lange Jahre nicht mehr so stark gewesen.“ Dafür erntete Merz Applaus. Im Anschluss stellte sich auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) Fragen der Menschen seines Bundeslands. Im September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag – laut Umfragen steht die AfD mit weitem Abstand auf dem ersten Platz. Die Veranstaltung in Salzwedel können Sie hier im Video sehen und im Ticker nachlesen.
Den Tag des Lokaljournalismus (TdL) feiert ein großes Netzwerk von Organisationen und Medienhäusern. Er steht im Jahr 2026 unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission. Hauptinitiatoren sind IPPEN.MEDIA und die Initiative DRIVE. Mehr als 100 Medienmarken und Organisationen feiern am 5. Mai den Tag des Lokaljournalismus. Der Besuch des deutschen Regierungschefs zeigt: Auch die Politik weiß um die Bedeutung des Lokaljournalismus. Salzwedel ist die am weitesten von allen Autobahnanschlüssen entfernte Stadt Deutschlands. (Aus Salzwedel berichtet Moritz Maier)