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Pistorius seit Monaten beliebtester Politiker - Könnte er auch Kanzler?
Verteidigungsminister Pistorius reitet auf einer Welle der Beliebtheit, lässt die übrigen Ampel-Minister hinter sich. Was macht er richtig?
Berlin - Boris Pistorius setzt derzeit ein ungeschriebenes Gesetz außer Kraft, das im politischen Berlin seit Jahren zu gelten schien. Nämlich das, dass das Verteidigungsministerium ein Schleudersitz ist. Die Liste derer, die daran scheiterten, ist lang: Karl-Theodor zu Guttenberg, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und zuletzt Christine Lambrecht brachte das schwierige Amt wenig Glück.
Anders sieht es derzeit bei Boris Pistorius (SPD) aus: Er erlebt einen wahren Höhenflug, seitdem Kanzler Olaf Scholz (SPD) ihn vor fünf Monaten zum Verteidigungsminister gemacht hat. Beinah schon seit Amtsantritt ist Pistorius der beliebteste Politiker Deutschlands: 59 Prozent der Deutschen finden laut einer aktuellen Forsa-Umfrage, dass das Land bei dem 63-Jährigen in guten Händen ist. Von Olaf Scholz sagen das nur 40 Prozent, von CDU-Chef Friedrich Merz gar nur 34 Prozent.
Zweifel an Pistorius bei Amtsantritt sind verfolgen
Und das, obwohl Pistorius nicht als Experte für das Amt galt, als er es antrat. Ein Miltärexperte attestierte ihm sogar gegenüber Merkur.de einen gefährlichen Fauxpas bei seiner allerersten Rede und war skeptisch bezüglich der Tauglichkeit des Niedersachsen. Doch obwohl das Amt des Verteidigungsministers inmitten des Ukraine-Kriegs umso komplizierter und voller Stolperfallen ist: Pistorius scheint seither fast alles richtigzumachen.
Pistorius überzeugt mit kerniger Art - Kontrast zu Vorgängerin Lambrecht
Pistorius war zuvor zehn Jahre lang Innenminister von Niedersachsen, davor sieben Jahre lang Oberbürgermeister von Osnabrück. Politik hat er also von der Pike auf gelernt, es mag also an seiner reichen Erfahrung liegen, dass er seinen Job im Griff hat.
Aber wohl auch an seiner Art: Pistorius strahlte von Anfang an aus, dass er die Herausforderungen des Ukraine-Kriegs und innerhalb der Bundeswehr anpackt - und darauf auch Lust hat. Überfordert und teils auch deplatziert wie seine Vorgängerin Christine Lambrecht wirkte Pistorius bisher nie. Im Gegenteil, als ehemaliger Wehrpflichtiger scheint er sich liebend gern wieder unter Soldaten und Generäle zu mischen. Der 63-Jährige zögerte auch nicht, Köpfe auszutauschen, bis hin zu Generalinspekteur Eberhard Zorn. Dafür, dass er Prozesse entbürokratisierte, bekam er parteiübergreifend Lob.
Auch sonst fackelt Pistorius nicht lange: Drei Wochen nach seiner Vereidigung war er bereits bei dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew. Und anders als der Kanzler betont Pistorius auch unumwunden, die Ukraine müsse den Krieg gegen Russland gewinnen. Ein Ausdruck, der Scholz nur schwer über die Lippen kommt.
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
Pistorius als Kanzlerkandidat? Das sagt er selbst dazu
Bei den Deutschen scheint das alles gut anzukommen: Nicht nur jetzt im Juni, sondern bereits seit mehreren Monaten ist Pistorius im Ranking der beliebtesten Politiker auf Platz eins. Wäre er vielleicht sogar ein geeigneter Kanzlerkandidat für die nächsten Bundestagswahlen im Jahr 2025? Angesichts mieser Umfragewerte könne die SPD ein Zugpferd, das sie aus dem Umfragetief zieht, womöglich gut gebrauchen.
Darauf wurde Pistorius vor wenigen Tagen in einem Interview mit t-online.de angesprochen. Pistorius knappe Antwort: „Come on“. Er vernehme keinerlei Stimmen, auch nicht aus der SPD, dass er der bessere Kanzlerkandidat wäre. Pistorius weiter: „Umfragewerte sind Momentaufnahmen. Es wäre töricht, solche Rückschlüsse zu ziehen. Ich beschäftige mich damit nicht“. (smu)