„Reiche als Bauchrednerin von Merz“

CDU-Parteitag: Friedrich Merz unter Druck – „Als Innenkanzler keine große Hilfe“

Das Ringen in der CDU bringt Merz in eine schwierige Lage. Politikwissenschaftler Schroeder beleuchtet die Schwächen des Kanzlers – und die Reiches Rolle.

Friedrich Merz sei „eher in der Lage, Öl ins Feuer zu gießen, als es zu löschen“ – so beschreibt der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder den Umgang des Kanzlers mit innenpolitischen Debatten. Und gelöscht werden musste jüngst einiges: Wochen vor dem CDU-Parteitag in Stuttgart hatten Anträge zu Teilzeitarbeit, telefonischen Krankschreibungen und Zahnarztkosten die Partei aufgewühlt. Wirtschaftsliberale fordern tiefgreifende Einschnitte beim Sozialstaat, der Sozialflügel warnt vor einer Entfremdung der Arbeitnehmer. Mittendrin: ein Kanzler, dem die Koordination dieser Gegensätze bislang nicht recht zu gelingen scheint.

Kurs-Suche beim CDU-Parteitag: Merz in der Zwickmühle. (Symbolbild)

Am Wochenende ist es so weit: In Stuttgart treffen sich CDU-Mitglieder zum 38. Bundesparteitag. Auf der Agenda stehen neben der Wiederwahl von Friedrich Merz zum Parteichef eine Vielzahl von Sachthemen. Darunter auch jene Themen, die in den vergangenen Wochen für Aufruhr gesorgt hatten. Die Debatten im Vorfeld des Parteitags verdeutlichen Richtungsfragen, die den Kanzler CDU-intern in eine schwierige Lage bringen.

Sozial-Vorstöße vor CDU-Parteitag: Politikwissenschaftler spricht von Strategiewechsel in Merz‘ Partei

Für den Kasseler Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder sind die sozialpolitischen Vorstöße Ausdruck eines Strategiewechsels – getragen von jenen Kräften in der CDU, die der Kurs der eigenen Regierung ohnehin „irritiert“ habe. Die Partei habe zunächst darauf gesetzt, durch bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Die Erwartung der CDU sei gewesen: „Im Sommer wird das Wirtschaftswachstum anziehen und wir werden einen Aufschwung erleben“, führt der Professor für Politikwissenschaft der Universität Kassel im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media aus. 

Der erwünschte Aufschwung trat jedoch nicht ein. Daher schlägt ein Teil der Partei nun einen anderen Weg ein, analysiert Schroeder: „Indem man versucht, das veränderte Klima durch eine veränderte, reduzierte Steuer- und Sozialpolitik zu befeuern.“ An der Spitze dieser Bemühung sieht der Politikwissenschaftler Wirtschaftsministerin Katherina Reiche.

Merz-Kabinett: Neue Namen, alte Bekannte – die komplette Liste in Bildern

Friedrich Merz
Das Kabinett Merz ist die seit dem 6. Mai 2025 amtierende Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Friedrich Merz. Es handelt sich um die fünfte schwarz-rote Koalitionsregierung und die 17. Regierung unter Führung der Unionsparteien auf Bundesebene. © Michael Kappeler/dpa
Nina Warken
Nina Warken hat bereits Geschichte geschrieben: Als erste Frau wurde sie im Juli 2026 Chefin des Bundeskanzleramtes. Die bisherige Bundesgesundheitsministerin übernahm das Amt von Thorsten Frei – und damit die zentrale Koordinationsstelle der Regierungsarbeit.  © Christoph Soeder/dpa
Linnemann
Im Zuge des Personalumbaus hat der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Juli 2026 das Gesundheitsressort übernommen. Allerdings hat er vorab selbst Zweifel gesät, dass er wirklich der richtige Mann für den Job ist. Er wäre nach der Regierungsübernahme durch Merz gerne Arbeitsminister geworden, musste das Ressort aber der SPD überlassen. Dem Sender Phoenix hatte er im Mai 2025 zum Interesse an anderen Kabinettsposten gesagt, es sei nicht „sein Ding“, nur Minister zu sein, damit das irgendwo in Wikipedia stehe. „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.“  © Christoph Soeder/dpa
Steffen Bilger
Ebenfalls neu im Kabinett ist der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Er gilt als fachlich geeignet, ist sehr gut vernetzt, arbeitete in der schwarz-roten Koalition bislang aber vor allem im Hintergrund. Der gelernte Rechtsanwalt stammt aus Baden-Württemberg und ist ausgewiesener Verkehrsexperte: Er saß schon als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2013 im Verkehrsausschuss. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wiederwahl von Angela Merkel (CDU) 2017 war er als Vertreter der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur beteiligt. 2018 wurde er dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium. © Marijan Murat/dpa
Sommerfest der SPD im Landkreis Verden
Und sonst? Lars Klingbeil ist als Vizekanzler weiter der zweite starke Mann in der Regierung Merz. Eigentlich brennt er für die Außenpolitik und geprägt durch den familiären Hintergrund als Soldatensohn am Heeresstandort Munster für Verteidigung. Jetzt steht er dem Finanzressort vor. Für Klingbeil, der im konservativen SPD-Flügel zuhause ist, könnte es das Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur 2029 sein - auch wenn manchen in der Partei aufstößt, mit welcher Skrupellosigkeit er sich zuletzt seine Macht sicherte. © Focke Strangmann/dpa
Alexander Dobrindt
Innenminister ist Alexander Dobrindt. Der bisherige Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag galt schon seit Wochen als gesetzt für den Posten, auf dem er die von der Union verlangte „Migrationswende“ umsetzen soll. Dobrindt war von 2009 bis 2013 CSU-Generalsekretär, danach vier Jahre Bundesverkehrsminister. Als CSU-Landesgruppenchef galt er als wesentlicher Faktor für die relativ geräuschlose Zusammenarbeit von CSU-Chef Markus Söder und Merz. © Sebastian Gollnow/dpa
Außenminister Wadephul bei der UN
Auswärtiges Amt: Johann Wadephul. Erstmals seit fast 60 Jahren führt die CDU wieder das Außenamt. Den Posten hat Merz, der im Kanzleramt maßgeblich auch die Außenpolitik mitgestalten will, nun an einen Fachpolitiker aus dem Bundestag vergeben. Wadephul kommt aus Schleswig-Holstein und ist bisher als stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Er gilt als international gut vernetzt und war in den vergangenen Wochen bereits in Paris, London und Warschau, um sich mit den dortigen Außenministern zu treffen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsminister Pistorius besucht Objektschutzregiment
Verteidigungsminister Boris Pistorius war für die SPD gesetzt – schließlich ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Als er im November 2023 „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ für die Bundeswehr ausrief, legte der Niedersachse die Latte hoch. Seit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse kann er sich über mangelnde Finanzierung nicht mehr beschweren. Der Jurist wurde in Osnabrück geboren, er arbeitete in mehreren niedersächsischen Regierungsstellen und war von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt („das schönste Amt der Welt“). In den zehn folgenden Jahren war er Innenminister von Niedersachsen. 2023 übernahm er das Verteidigungsministerium von Christine Lambrecht und gewann in kurzer Zeit die Anerkennung der Truppe und der Verbündeten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu Energiekosten
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie ist Katherina Reiche. Lange galt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als wahrscheinlicher Minister – doch der sagte ab und blieb auf seinem Posten an der Spitze der Parteizentrale. Merz entschied sich dann für die frühere Umwelt- und Verkehrsstaatssekretärin Reiche aus Brandenburg. Sie ist seit vielen Jahren in der Wirtschaft und war von 2015 bis 2019 zunächst Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär. Die stellvertretende CSU-Vorsitzende war schon von 2018 bis 2021 als Staatsministerin für Digitales im Kabinett von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Bär kam 2002 zusammen mit vielen anderen jungen Christsozialen während der Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber erstmals in den Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen das deutschlandweit höchste Ergebnis. © Heiko Becker/Imago
Aktionsplan Steuer- und Finanzkriminalität
Justiz: Stefanie Hubig. Die SPD-Politikerin begann 2000 im Bundesjustizministerium und stieg zur Referatsleiterin auf. 2008 ging sie nach Mainz: Erst in die Staatskanzlei, 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung Strafrecht im Justizministerium. Hubig wurde 2014 Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Justizminister war damals ihr Parteikollege Heiko Maas. Beide gerieten mit dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range aneinander: Dabei ging es um später eingestellte Ermittlungen gegen zwei Blogger von Netzpolitik.org wegen Landesverrats. © Michael Kappeler/dpa
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Karin Prien – Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Die in Amsterdam geborene Prien arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsanwältin im Bereich Wirtschafts- und Insolvenzrecht, engagierte sich aber auch früh in der Hamburger Lokalpolitik. 2011 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt, bevor sie nach Schleswig-Holstein wechselte. Im „Zukunftsteam“ des gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet war sie 2021 gleichfalls für den Bereich Bildung zuständig. © Jens Schicke/Imago
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bodenständig, geradlinig, klar: Als Bundestagspräsidentin hat sich Bärbel Bas einen guten Ruf erworben. Zuvor war die Duisburgerin einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie sitzt seit 2009 im Bundestag und kümmerte sich unter anderem um Gesundheitspolitik. Ihre unkomplizierte Art mag mit der Herkunft zu tun haben: Die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales wuchs als zweitälteste von sechs Geschwistern in materiell einfachen Verhältnissen auf. Spielen, so erzählte Bas später, musste sie als Kind draußen, weil im Kinderzimmer zu wenig Platz war. © Imago
Pressekonferenz Wildberger und Warken
Digitalisierung und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger. Merz hat ganz früh angekündigt, dass er einen Experten aus der Wirtschaft mit dem neu geschaffenen Ressort betrauen will. Nun soll der Chef der Holding der Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn den Posten übernehmen. Der promovierte Physiker Wildberger war von 2016 bis 2021 Vorstand der Holding des Energiekonzerns Eon und davor unter anderem in Managementpositionen bei den Telekom-Konzernen Vodafone und Deutsche Telekom. © Soeren Stache/dpa
Fortsetzung der Sommerreise von Bundesumweltminister
Umwelt und Klimaschutz: Carsten Schneider war in der Ampel-Regierung von Olaf Scholz Staatsminister und Beauftragter für Ostdeutschland. Damit war er eine der profiliertesten Stimmen dieser Region und sollte vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern sorgen. Schneider stammt aus Erfurt und sitzt bereits seit 1998 im Bundestag. Dort war er unter anderem Haushaltspolitiker, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Der 49 Jahre alte Bankkaufmann gilt als pragmatisch, erfahren und vielseitig einsetzbar.  © Stefan Sauer/dpa
90. Grüne Woche Berlin - Eröffnungstag
Ernährung, Landwirtschaft und Heimat: Alois Rainer. Nach dem Rückzug des zunächst vorgesehenen bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner ist der Niederbayer zum Zug kommen. Der 60 Jahre alte Metzgermeister sitzt seit 2013 im Bundestag. Schon sein gleichnamiger Vater saß 18 Jahre im Bundestag, seine Schwester ist die ehemalige Bundesbau- und Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt. © Sebastian Gollnow/dpa
Reem Alabali-Radovan
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Reem Alabali-Radovan hat eine steile politische Laufbahn hingelegt. Zuletzt war sie Integrationsbeauftragte der Ampel-Regierung. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter der Schwerinerin. Geboren wurde Alabali-Radovan 1990 in Moskau. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie, die vor den politischen Verhältnissen im Irak floh, nach Mecklenburg-Vorpommern. Als Integrationsbeauftragte setzte sie sich unter anderem gegen Racial Profiling ein, also die verdachtsunabhängige polizeiliche Kontrolle von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe und anderen ethnischen oder religiösen Merkmalen. Alabali-Radovan ist verheiratet mit dem Profiboxer Denis Radovan und bekam 2023 eine Tochter.  © Katharina Kausche/dpa
Verena Hubertz
Die neue Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist eine politische Senkrechtstarterin: Verena Hubertz ist seit 2021 Bundestagsabgeordnete und wurde direkt stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, zuständig unter anderem für Wirtschaft, Klimaschutz und Energie, Bauen und Wohnen. Oft führte sie in der Ampel-Koalition Verhandlungen mit Politikern von Grünen und FDP, wenn es um strittige Fragen ging. Laute Töne sind nicht ihr Fall. Die Triererin und Betriebswirtin hat eine für Politiker eher ungewöhnliche Biografie. 2013 gründete sie mit einer Studienkollegin das Küchen-Start-up Kitchen Stories. Die Idee: in Videos und Schritt für Schritt zu zeigen, wie einfach Kochen sein kann.  © Kay Nietfeld/dpa
Patrick Schnieder
Bis Juli 2026 war Patrick Schnieder Bundesminister für Verkehr. Verkehr. Merz hat ihn entlassen, weil er mit seiner Amtsführung unzufrieden war – besonders bei den Dauerkrisenherden Schienennetz und Infrastruktur. Die Entlassung Schnieders nach nur gut einem Jahr im Amt stieß in der CDU teilweise auf heftige Kritik. © Sven Kaeuler/dpa
Jens Spahn
Auslöser für den Kabinettsumbau im Juli 2026 war der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef. Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz nahm den Wechsel an der Fraktionsspitze zum Anlass, die CDU in Regierung und Partei neu aufzustellen. © Michael Kappeler/dpa
Thorsten Frei
Umbau auch in der Union: Thorsten Frei übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag. Er war bisher Kanzleramtsminister. Frei steht für eine unverwüstlich wirkende Freundlichkeit, gepaart mit geduldiger Erklärlust. Trotz seiner nach außen getragenen Sanftmütigkeit steht wr inhaltlich für Härte. Die innere Sicherheit und die Begrenzung der Migration zählen zu den Kernthemen des Innenexperten, der als Sohn eines Polizisten in Südbaden aufgewachsen ist. © Michael Kappeler/dpa
Franziska Hoppermann
Für Linnemann wurde Franziska Hoppermann als CDU-Generalsekretärin ins Amt gewählt. Die bisherige Bundesschatzmeisterin gilt als arbeitnehmernah und hat ein starkes Profil in der Frauen Union.  © Christoph Soeder/dpa
Philipp Amthor
Philipp Amthor bekam eine Schlüsselrolle bei der föderalen Zusammenarbeit. Er wurde von Merz zum neuen Staatsminister im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen ernannt, der bisherige Amtsinhaber Michael Meister musste gehen. Amthor war bisher parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium. © Christoph Soeder/dpa
Christiane Schenderlein
Christiane Schenderlein wird Nachfolgerin von Tino Sorge als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Sie war bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt.  © Kay Nietfeld/dpa
Wolfram Weimer
Er bleibt Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer. Er will aber nur für eine Legislaturperiode im Amt bleiben. 2003 war er Gründer des Berliner Magazins „Cicero“, das er bis 2010 leitete. Zuvor arbeitete er als Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie bei den Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Nach „Cicero“ war er bis 2012 Chefredakteur des Magazins „Focus“. Anschließend gründete Weimer gemeinsam mit seiner Frau, der früheren „FAZ“-Journalistin Christiane Götz-Weimer, die Weimer Media Group. © Georg Wendt/dpa

Rente und Lohnfortzahlung bei Krankheit: Reiche will, dass Deutschland „mehr und länger“ arbeitet

Reiche hatte bereits im Sommer gefordert, dass man in Deutschland „mehr und länger“ arbeiten müsse – auch eine Rente ab 70 brachte sie wiederholt ins Spiel. Im Herbst legte sie mit der Forderung nach einer „Agenda 2030“ nach. „Wir sollten auch darüber reden, ob wir mit der Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag nicht die falschen Anreize setzen“, lautete ein Vorschlag der Wirtschaftsministerin. Hinter solchen Bestrebungen steht laut Schroeder eine „erdrückende Mehrheit der CDU-Mandatsträger, die von dieser doppelten Strategie ‚Steuern runter und Sozialabgaben runter‘ zutiefst überzeugt sind“. 

Paradoxerweise profitiere die CDU dabei von der SPD als Koalitionspartner, die sich gegen den Kurs ausspricht: „Wenn die CDU alleine regieren würde und das Programm alleine zu verantworten hätte, würde es für sie in der Gunst der Wählerinnen und Wähler schlechter aussehen.“ Für den Kanzler erwächst daraus jedoch eine Zwickmühle.

Merz‘ Durchsetzungskraft: „Als Innenkanzler ist er keine große Hilfe“

„Merz‘ Durchsetzungspotenzial geriet bereits bei den eigenen Leuten schon mehrfach an Grenzen“, sagte der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der TU Chemnitz gegenüber der Nachrichtenagentur AFP – etwa bei der Rebellion der Jungen Gruppe der Unionsfraktion bei der Rentenpolitik. Schroeders Urteil fällt noch deutlicher aus: „Als Innenkanzler ist er keine große Hilfe für ein notwendiges Erneuerungsprogramm.“ Merz sei „als Kanzler, der ein gemeinsames Programm für eine Koalition vertreten muss, nicht wirklich angekommen“. Stattdessen kämpfe er im Grunde „gegen den Koalitionsvertrag“, urteilt der Politikwissenschaftler.

In Reiche sieht Schroeder dabei eine Art innenpolitisches Sprachrohr des Kanzlers: „Man hat manchmal den Eindruck, Katherina Reiche ist die Bauchrednerin von Friedrich Merz. Sie sagt das, was er eigentlich gerne sagen würde, aber nicht sagen sollte, weil er als Kanzler Verantwortung für das Ganze hat.“

„Ad-hoc-Vorstöße“ des Kanzlers: Merz’ Beschwerde über den Krankenstand

Auch Politikprofessor Uwe Jun von der Universität Trier stellte Merz gegenüber der Nachrichtenagentur AFP ein durchwachsenes Zwischenzeugnis aus: „Friedrich Merz hat es bislang nicht geschafft, einen persönlichen Amtsbonus zu erreichen. Seine persönlichen Werte in den Umfragen sind dürftig.“ Laut Insa-Umfrage finden nur 22 Prozent der Deutschen, dass der aktuelle Kanzler eine bessere Arbeit macht als sein SPD-Vorgänger Olaf Scholz. 

Zudem erklärte Jun: In der Sozialstaatsdebatte fehlten Merz ein Gesamtkonzept; auch habe der Kanzler bislang kein besonders glückliches Händchen bewiesen: „Was er manchmal macht – und was nicht gut für einen Kanzler ist – sind diese einzelnen Ad-hoc-Vorstöße, wie etwa in der Frage der Krankheitstage.“ Auch Merz hatte in den vergangenen Wochen sozial- und arbeitsmarktpolitische Reformen gefordert und dabei die Höhe des Krankenstands in Deutschland ins Visier genommen.

Anträge zum CDU-Parteitag: Telefonische Krankschreibung und „Teilzeitansprüche ordnen“

Auch auf dem Parteitag wird der Krankenstand Thema sein: Nach einem Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) soll sich die CDU wegen vieler Fehlzeiten für ein Ende der Möglichkeit zu Krankschreibungen per Telefon aussprechen. Je einfacher eine Bescheinigung zu erhalten sei, desto eher falle die „Bettkantenentscheidung“ zugunsten der Krankmeldung aus, heißt es zur Begründung. Dem Parteitag wird die Annahme des Antrags empfohlen.

Doch der wohl umstrittenste Antrag zum CDU-Parteitag war der MIT-Vorstoß zum Ende des Rechtsanspruchs auf „Lifestyle-Teilzeit“. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann nannte die Wortwahl „verunglückt“, der Erste Parlamentarische Geschäftsführer Steffen Bilger prognostizierte, der Antrag werde so nicht beschlossen. Zur Annahme empfohlen wird nun ein abgemilderter Text: „Teilzeitansprüche ordnen – Erwerbstätigkeit stärken“, lautet der neue Titel.

Merz‘ Rolle bei innenpolitischen Debatten: „Eher in der Lage, Öl ins Feuer zu gießen, als es zu löschen“

Besonders deutlich wurde der CDA-Vorsitzende Dennis Radtke in seiner Kritik an den Vorstößen aus den eigenen Reihen: „Die jüngsten Forderungen aus der Parteispitze lassen die Frage aufkommen: Was haben wir eigentlich für ein Bild von den Beschäftigten in Deutschland? Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass alles auf einer Seite abgeladen wird, nämlich bei den Beschäftigten“, sagte Radtke Anfang Februar gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Von Kanzler Merz forderte er wenige Tage vor Beginn des CDU-Parteitags mehr Führung: Dessen Aufgabe sei es, „die Vorschläge ein Stück weit zu koordinieren und zusammenzuschnüren“. 

Koordination und Ruhe in aufgeladene Debatten zu bringen, sei bislang jedoch nicht die Stärke des Kanzlers gewesen, urteilt Wolfgang Schroeder. In innenpolitischen Debatten habe sich Merz vielmehr als ein Kanzler gezeigt, der „eher in der Lage ist, Öl ins Feuer zu gießen, als es zu löschen“. Vom CDU-Parteitag erwartet der Politikwissenschaftler dennoch keinen großen Knall. Vielmehr werde es wohl eine „Darstellung der eigenen Vielfalt und der eigenen Kraft“ – ob diese Kraft in eine gemeinsame Richtung wirkt, bleibe jedoch offen. (Quelle: Eigene Recherche, AFP, dpa) (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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