Pflexit-Angst
Krankenpflegerin: „Die Coronavirus-Pandemie wird zum 24/7-Thema.“
In ganz Deutschland fehlen etwa 220.000 Pflegekräfte. Für diejenigen, die in dem Beruf arbeiten, bedeutet das eine enorme Zusatzbelastung. Einblicke in ihren Alltag.
Berlin – „Guten Morgen, wie geht es Ihnen heute?“ Wenn Sandra Figoluschka ihre Morgenrunde dreht, dann sagt sie diesen Satz durchschnittlich zehnmal. Und jedes Mal, wenn die Antwort nicht „ganz gut“ lautet, wenn ein Patient Medikamente oder Unterstützung beim Aufstehen braucht, verliert sie wertvolle Zeit. Denn Zeit ist in ihrem Beruf Mangelware. „Wir müssen ständig zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Patienten abwägen und priorisieren“, sagt die 45-Jährige. Sie arbeitet als stellvertretende Stationsleitung der Kardiologie am KRH Klinikum in Neustadt am Rübenberge.
| Name: | Sandra Figoluschka |
| Alter: | 45 Jahre |
| Beruf: | Stellv. Stationsleitung Kardiologie im KRH Klinikum Neustadt am Rübenberge |
Als examinierte Pflegekraft bekommt Figoluschka tagtäglich mit, was der massive Fachkräftemangel in ihrer Branche wirklich bedeutet. Schätzungen zufolge fehlen in Deutschland aktuell rund 220.000 Pflegekräfte – Tendenz steigend. Seit Beginn der Coronavirus-Krise haben immer mehr Pfleger ihren Job aufgegeben. Dabei gab es zu Beginn der Pandemie noch Balkon-Beifall und große Versprechen für die Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Mit einem Corona-Bonus hat die Bundesregierung zuletzt den Pflegekräften für ihre aufopfernden Bemühungen gedankt.
Schutzkleidung und FFP2-Maske: Coronavirus-Pandemie verändert Arbeitsalltag von Pflegekräften nachhaltig
Mittlerweile, so Krankenpflegerin Figoluschka, sei die Arbeitsbelastung allerdings für viele Kollegen schlichtweg zu hoch. „Ich beobachte aber bei manchen meiner Kollegen und Mitarbeiter eine gewisse Unzufriedenheit und körperliche wie mentale Belastung – obwohl wir grundsätzlich dafür gut ausgebildet und vorbereitet sind“, sagt die Pflegerin. Durch die Pandemie habe sich der Arbeitsalltag im Krankenhaus ziemlich verändert.
Neben der schweren Schutzausrüstung und dem Dauertragen von FFP2-Masken sei auch die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus zum ständigen Begleiter geworden. „Man darf das ja nicht unterschätzen: Wir haben an der Arbeit tagtäglich mit der Pandemie und anderen Krankheiten zu tun, kommen dann nach Hause und werden dann von den Medien weiter mit Infos über Corona versorgt. Die Pandemie wird damit zum 24/7-Thema.“
Corona in Niedersachsen: Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) über Fachkräftemangel in der Pflegebranche
Aber nicht nur die Pandemie macht Pflegekräften zu schaffen, wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Gespräch mit kreiszeitung.de erklärt: „Das Problem in der Krankenpflege ist in erster Linie zu viel Druck, ständige Überforderung und zu wenig Personal. Zu geringe Bezahlung ist sicherlich auch ein Thema.“ Der Ausweg für viele Beschäftigte im Gesundheitswesen ist dann oft der Jobwechsel.
Irene Maier, Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerats, geht davon aus, dass wir den Höhepunkt des Fachkräftemangels in der Pflege noch gar nicht erreicht haben. Sie erwarte, dass bis zum Jahr 2030 etwa 500.000 zusätzliche Pflegekräfte in Rente gehen. Zum Focus sagt sie dazu: „Der Mangel an Pflegekräften kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr durch Ausbildung neuer Kräfte ausgeglichen werden. Neben neuen Anwärtern fehlt es uns auch an Lehrpersonal.“
Impfpflicht in der Pflege: Sorgt Regel für Alten-, Kranken- und Intensivpfleger für Kündigungswelle?
Angesichts der beschlossenen Impfpflicht im Pflegesektor könnte die erste große Kündigungswelle in der Branche bereits kurz bevorstehen. Am 15. März sind Pflegende verpflichtet, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Ansonsten droht ihnen ein Berufsverbot. Branchenexperten rechnen damit, dass der geringe Anteil von Mitarbeitenden im Gesundheitssektor, der sich bisher gegen eine Impfung ausgesprochen hat, das auch dann weiterhin tun wird. Die Folge könnten Massenkündigungen sein. Soweit zumindest die Theorie.
Stationsleiterin Figoluschka jedenfalls hält die Impfpflicht in der Pflege für sehr sinnvoll. „Alleine schon, weil wir den Mindestabstand in der direkten Patientenversorgung oft nicht einhalten können und wir eine große Verantwortung für unsere Patienten tragen. Wir dürfen nicht riskieren, geschwächte Patienten mit dem Virus zu infizieren.“ Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist überzeugt von der Maßnahme – und hat eine klare Meinung über Impfgegner im Gesundheitswesen: „Dass medizinisches Personal wissenschaftliche Erkenntnisse leugnet und sogar bereit ist, Patienten zu gefährden, kann nicht sein“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Imppflicht, hohe Arbeitsbelastung und schlechte Bezahlung: Pflegekräfte leiden unter Fachkräftemangel
Schlechte Bezahlung, hohes Arbeitsaufkommen und Impfpflicht: Die Gründe, den Pflegeberuf zu verlassen, sind vielfältig. Die Pflegekräfte, die sich zum Bleiben entscheiden, arbeiten oft unter hohem Zeitdruck. Auf der Station von Frau Figoluschka gibt es insgesamt 30 Betten, der aktuelle Pflegeschlüssel liegt bei eins zu zehn. Das bedeutet: Eine ausgebildete Pflegekraft ist pro Schicht für zehn Patienten zuständig.
„In der Kardiologie haben wir es oft mit älteren Patientinnen und Patienten zu tun, die auch Alltagsbetreuung benötigen“, erzählt die überzeugte Krankenpflegerin. Im Ernstfall heißt das dann: Zehnmal waschen, anziehen, Essen zubereiten und füttern sowie die Grundversorgung von krankheitsbedingten Patientenbedürfnissen wie Medikamentengabe oder der Vorbereitung von der täglichen Visite. Notfälle oder unvorhersehbare Situationen sind hier noch nicht berücksichtigt.
Ökonomin Annina Hering über Pflegenotstand: „Konkurrenz um Pflegekräfte wird steigen“
Kein Wunder also, dass ausgebildete Pflegekräfte in Deutschland aktuell hoch im Kurs stehen – und sich ziemlich rarmachen auf dem Jobmarkt. Indeed-Ökonomin Annina Hering sagte zur Wirtschaftswoche dazu: „Die Konkurrenz um die vorhandenen Pflegefachkräfte wird steigen und Arbeitgeber müssen umdenken.“ Auch für Niedersachsens Ministerpräsident Weil liegt die Lösung des Problems auf der Hand: „Wir müssen von Anfang an für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Dafür braucht es mehr Ausbildung, mehr Pflegekräfte und die Sicherheit, dass diese nicht in einem Wettrennen von Krankenbett zu Krankenbett aufgerieben werden.“
Nicht umsonst hat die Ampel-Regierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) dem Pflegenotstand in Deutschland ein ganzes Kapitel im Koalitionsvertrag gewidmet. Geplant ist unter anderem, dass der Pflegeschlüssel herabgesetzt wird, sodass eine Pflegekraft mehr Zeit für jeden Patienten hat. Am 1. April 2022 steigt zudem der Mindestlohn in der Pflege von 15 Euro auf 15,40 Euro. Laut Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) soll der Betrag bald nochmal erhöht werden. Die Bundesregierung will zudem das Einwanderungsrecht anpassen, um mehr qualifizierte Pflegekräfte aus dem Ausland in Deutschlands Gesundheitswesen zu holen.
„Bester Lohn der Welt“: Krankenpflegerin Figoluschka lenkt Fokus auf Vorteile ihres Berufszweiges
Für Frau Figoluschka ist das ein guter Anfang. Aber es darf nicht das Ende der Bemühungen für die Pflegebranche bleiben, es brauche mehr, um die Pflege attraktiver zu machen: „Ich finde, es ist wirklich an der Zeit für eine umfassende Gesundheitsreform. Wir brauchen mehr Wertschätzung, mehr Fachkräfte, modernere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen.“ Der Pflegeberuf sei sehr erfüllend und sinnstiftend, was leider in der öffentlichen Debatte oft untergehe.
Der 45-jährigen Krankenpflegerin ist es enorm wichtig, dass ihr Beruf mit all seinen Nachteilen aber eben auch den Vorteilen wahrgenommen wird. Der Pflegeberuf sei vielfältig, verantwortungsvoll, emphatisch und abwechslungsreich. Es werde einem nie langweilig, weil man immer in Bewegung ist. „Und man bekommt den besten Lohn der Welt: Die Dankbarkeit und Wertschätzung der Patienten – und die Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben.“ *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.