Sozialstaat im Stresstest

Experten warnen: Warum die Bürgergeld-Reform von Merz nicht funktionieren wird

Härtere Strafen, weniger Karenz, mehr Druck: Die schwarz-rote Koalition will das Bürgergeld abschaffen. Fachleute und Gewerkschaften zweifeln.

Berlin – Union und SPD haben sich nach wochenlangen Verhandlungen auf eine grundlegende Reform des Bürgergelds geeinigt. Künftig soll die Leistung „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ heißen. Die Regierung spricht von einem Neustart der Sozialpolitik und einem gerechteren System. Doch Fachleute bezweifeln, dass der Plan wirklich funktioniert. Viele warnen vor einem Rückfall in alte Muster – und vor einem verfassungsrechtlich riskanten Kurs.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bei der Pressekonferenz nach dem Koalitionsausschuss im Bundeskanzleramt in Berlin: Die Regierung will das Bürgergeld abschaffen und durch eine „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ ersetzen. Kritiker warnen vor sozialen Härten und verfassungsrechtlichen Risiken.

Die Reform sieht weitreichende Änderungen vor: härtere Sanktionen, weniger Schonvermögen, schnellere Vermittlungen. Die Regierung verspricht sich dadurch Milliardenersparnisse und mehr Druck auf Arbeitssuchende. Doch Expertinnen und Experten, Gewerkschaften und Teile der SPD sehen darin vor allem Symbolpolitik – mit ungewissem Nutzen und hohem Risiko für die Betroffenen.

Warum die Bürgergeld-Reform von Merz nicht funktionieren wird

„Wer nicht mitmacht, wird es schwer haben“, sagte Arbeitsministerin Bärbel Bas laut der WirtschaftsWoche. „Wir verschärfen die Sanktionen bis an die Grenze dessen, was verfassungsrechtlich zulässig ist.“ Die geplante Reform erlaubt künftig drastische Kürzungen bis hin zur Totalsanktion, wenn Termine im Jobcenter versäumt oder zumutbare Jobs abgelehnt werden.

Nach Informationen der BILD droht bei drei verpassten Terminen vollständig der Leistungsstopp. Außerdem: Sollte sich der Arbeitslose nach der 100-Prozent-Streichung auch im darauffolgenden Monat nicht beim Jobcenter melden, soll auch seine Miete nicht länger überwiesen werden. Die Bundesregierung will damit sogenannten „Totalverweigerern“ schneller die Leistungen kürzen. Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft lobt gegenüber der BILD zwar den Ansatz, sieht aber Grenzen: „Die Reform ist ein Schritt nach vorn. Der große Wurf ist das aber nicht.“

Merz-Kabinett: Neue Namen, alte Bekannte – die komplette Liste in Bildern

Friedrich Merz
Das Kabinett Merz ist die seit dem 6. Mai 2025 amtierende Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Friedrich Merz. Es handelt sich um die fünfte schwarz-rote Koalitionsregierung und die 17. Regierung unter Führung der Unionsparteien auf Bundesebene. © Michael Kappeler/dpa
Nina Warken
Nina Warken hat bereits Geschichte geschrieben: Als erste Frau wurde sie im Juli 2026 Chefin des Bundeskanzleramtes. Die bisherige Bundesgesundheitsministerin übernahm das Amt von Thorsten Frei – und damit die zentrale Koordinationsstelle der Regierungsarbeit.  © Christoph Soeder/dpa
Linnemann
Im Zuge des Personalumbaus hat der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Juli 2026 das Gesundheitsressort übernommen. Allerdings hat er vorab selbst Zweifel gesät, dass er wirklich der richtige Mann für den Job ist. Er wäre nach der Regierungsübernahme durch Merz gerne Arbeitsminister geworden, musste das Ressort aber der SPD überlassen. Dem Sender Phoenix hatte er im Mai 2025 zum Interesse an anderen Kabinettsposten gesagt, es sei nicht „sein Ding“, nur Minister zu sein, damit das irgendwo in Wikipedia stehe. „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.“  © Christoph Soeder/dpa
Steffen Bilger
Ebenfalls neu im Kabinett ist der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Er gilt als fachlich geeignet, ist sehr gut vernetzt, arbeitete in der schwarz-roten Koalition bislang aber vor allem im Hintergrund. Der gelernte Rechtsanwalt stammt aus Baden-Württemberg und ist ausgewiesener Verkehrsexperte: Er saß schon als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2013 im Verkehrsausschuss. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wiederwahl von Angela Merkel (CDU) 2017 war er als Vertreter der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur beteiligt. 2018 wurde er dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium. © Marijan Murat/dpa
Sommerfest der SPD im Landkreis Verden
Und sonst? Lars Klingbeil ist als Vizekanzler weiter der zweite starke Mann in der Regierung Merz. Eigentlich brennt er für die Außenpolitik und geprägt durch den familiären Hintergrund als Soldatensohn am Heeresstandort Munster für Verteidigung. Jetzt steht er dem Finanzressort vor. Für Klingbeil, der im konservativen SPD-Flügel zuhause ist, könnte es das Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur 2029 sein - auch wenn manchen in der Partei aufstößt, mit welcher Skrupellosigkeit er sich zuletzt seine Macht sicherte. © Focke Strangmann/dpa
Alexander Dobrindt
Innenminister ist Alexander Dobrindt. Der bisherige Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag galt schon seit Wochen als gesetzt für den Posten, auf dem er die von der Union verlangte „Migrationswende“ umsetzen soll. Dobrindt war von 2009 bis 2013 CSU-Generalsekretär, danach vier Jahre Bundesverkehrsminister. Als CSU-Landesgruppenchef galt er als wesentlicher Faktor für die relativ geräuschlose Zusammenarbeit von CSU-Chef Markus Söder und Merz. © Sebastian Gollnow/dpa
Außenminister Wadephul bei der UN
Auswärtiges Amt: Johann Wadephul. Erstmals seit fast 60 Jahren führt die CDU wieder das Außenamt. Den Posten hat Merz, der im Kanzleramt maßgeblich auch die Außenpolitik mitgestalten will, nun an einen Fachpolitiker aus dem Bundestag vergeben. Wadephul kommt aus Schleswig-Holstein und ist bisher als stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Er gilt als international gut vernetzt und war in den vergangenen Wochen bereits in Paris, London und Warschau, um sich mit den dortigen Außenministern zu treffen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsminister Pistorius besucht Objektschutzregiment
Verteidigungsminister Boris Pistorius war für die SPD gesetzt – schließlich ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Als er im November 2023 „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ für die Bundeswehr ausrief, legte der Niedersachse die Latte hoch. Seit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse kann er sich über mangelnde Finanzierung nicht mehr beschweren. Der Jurist wurde in Osnabrück geboren, er arbeitete in mehreren niedersächsischen Regierungsstellen und war von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt („das schönste Amt der Welt“). In den zehn folgenden Jahren war er Innenminister von Niedersachsen. 2023 übernahm er das Verteidigungsministerium von Christine Lambrecht und gewann in kurzer Zeit die Anerkennung der Truppe und der Verbündeten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu Energiekosten
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie ist Katherina Reiche. Lange galt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als wahrscheinlicher Minister – doch der sagte ab und blieb auf seinem Posten an der Spitze der Parteizentrale. Merz entschied sich dann für die frühere Umwelt- und Verkehrsstaatssekretärin Reiche aus Brandenburg. Sie ist seit vielen Jahren in der Wirtschaft und war von 2015 bis 2019 zunächst Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär. Die stellvertretende CSU-Vorsitzende war schon von 2018 bis 2021 als Staatsministerin für Digitales im Kabinett von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Bär kam 2002 zusammen mit vielen anderen jungen Christsozialen während der Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber erstmals in den Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen das deutschlandweit höchste Ergebnis. © Heiko Becker/Imago
Aktionsplan Steuer- und Finanzkriminalität
Justiz: Stefanie Hubig. Die SPD-Politikerin begann 2000 im Bundesjustizministerium und stieg zur Referatsleiterin auf. 2008 ging sie nach Mainz: Erst in die Staatskanzlei, 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung Strafrecht im Justizministerium. Hubig wurde 2014 Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Justizminister war damals ihr Parteikollege Heiko Maas. Beide gerieten mit dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range aneinander: Dabei ging es um später eingestellte Ermittlungen gegen zwei Blogger von Netzpolitik.org wegen Landesverrats. © Michael Kappeler/dpa
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Karin Prien – Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Die in Amsterdam geborene Prien arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsanwältin im Bereich Wirtschafts- und Insolvenzrecht, engagierte sich aber auch früh in der Hamburger Lokalpolitik. 2011 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt, bevor sie nach Schleswig-Holstein wechselte. Im „Zukunftsteam“ des gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet war sie 2021 gleichfalls für den Bereich Bildung zuständig. © Jens Schicke/Imago
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bodenständig, geradlinig, klar: Als Bundestagspräsidentin hat sich Bärbel Bas einen guten Ruf erworben. Zuvor war die Duisburgerin einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie sitzt seit 2009 im Bundestag und kümmerte sich unter anderem um Gesundheitspolitik. Ihre unkomplizierte Art mag mit der Herkunft zu tun haben: Die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales wuchs als zweitälteste von sechs Geschwistern in materiell einfachen Verhältnissen auf. Spielen, so erzählte Bas später, musste sie als Kind draußen, weil im Kinderzimmer zu wenig Platz war. © Imago
Pressekonferenz Wildberger und Warken
Digitalisierung und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger. Merz hat ganz früh angekündigt, dass er einen Experten aus der Wirtschaft mit dem neu geschaffenen Ressort betrauen will. Nun soll der Chef der Holding der Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn den Posten übernehmen. Der promovierte Physiker Wildberger war von 2016 bis 2021 Vorstand der Holding des Energiekonzerns Eon und davor unter anderem in Managementpositionen bei den Telekom-Konzernen Vodafone und Deutsche Telekom. © Soeren Stache/dpa
Fortsetzung der Sommerreise von Bundesumweltminister
Umwelt und Klimaschutz: Carsten Schneider war in der Ampel-Regierung von Olaf Scholz Staatsminister und Beauftragter für Ostdeutschland. Damit war er eine der profiliertesten Stimmen dieser Region und sollte vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern sorgen. Schneider stammt aus Erfurt und sitzt bereits seit 1998 im Bundestag. Dort war er unter anderem Haushaltspolitiker, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Der 49 Jahre alte Bankkaufmann gilt als pragmatisch, erfahren und vielseitig einsetzbar.  © Stefan Sauer/dpa
90. Grüne Woche Berlin - Eröffnungstag
Ernährung, Landwirtschaft und Heimat: Alois Rainer. Nach dem Rückzug des zunächst vorgesehenen bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner ist der Niederbayer zum Zug kommen. Der 60 Jahre alte Metzgermeister sitzt seit 2013 im Bundestag. Schon sein gleichnamiger Vater saß 18 Jahre im Bundestag, seine Schwester ist die ehemalige Bundesbau- und Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt. © Sebastian Gollnow/dpa
Reem Alabali-Radovan
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Reem Alabali-Radovan hat eine steile politische Laufbahn hingelegt. Zuletzt war sie Integrationsbeauftragte der Ampel-Regierung. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter der Schwerinerin. Geboren wurde Alabali-Radovan 1990 in Moskau. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie, die vor den politischen Verhältnissen im Irak floh, nach Mecklenburg-Vorpommern. Als Integrationsbeauftragte setzte sie sich unter anderem gegen Racial Profiling ein, also die verdachtsunabhängige polizeiliche Kontrolle von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe und anderen ethnischen oder religiösen Merkmalen. Alabali-Radovan ist verheiratet mit dem Profiboxer Denis Radovan und bekam 2023 eine Tochter.  © Katharina Kausche/dpa
Verena Hubertz
Die neue Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist eine politische Senkrechtstarterin: Verena Hubertz ist seit 2021 Bundestagsabgeordnete und wurde direkt stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, zuständig unter anderem für Wirtschaft, Klimaschutz und Energie, Bauen und Wohnen. Oft führte sie in der Ampel-Koalition Verhandlungen mit Politikern von Grünen und FDP, wenn es um strittige Fragen ging. Laute Töne sind nicht ihr Fall. Die Triererin und Betriebswirtin hat eine für Politiker eher ungewöhnliche Biografie. 2013 gründete sie mit einer Studienkollegin das Küchen-Start-up Kitchen Stories. Die Idee: in Videos und Schritt für Schritt zu zeigen, wie einfach Kochen sein kann.  © Kay Nietfeld/dpa
Patrick Schnieder
Bis Juli 2026 war Patrick Schnieder Bundesminister für Verkehr. Verkehr. Merz hat ihn entlassen, weil er mit seiner Amtsführung unzufrieden war – besonders bei den Dauerkrisenherden Schienennetz und Infrastruktur. Die Entlassung Schnieders nach nur gut einem Jahr im Amt stieß in der CDU teilweise auf heftige Kritik. © Sven Kaeuler/dpa
Jens Spahn
Auslöser für den Kabinettsumbau im Juli 2026 war der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef. Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz nahm den Wechsel an der Fraktionsspitze zum Anlass, die CDU in Regierung und Partei neu aufzustellen. © Michael Kappeler/dpa
Thorsten Frei
Umbau auch in der Union: Thorsten Frei übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag. Er war bisher Kanzleramtsminister. Frei steht für eine unverwüstlich wirkende Freundlichkeit, gepaart mit geduldiger Erklärlust. Trotz seiner nach außen getragenen Sanftmütigkeit steht wr inhaltlich für Härte. Die innere Sicherheit und die Begrenzung der Migration zählen zu den Kernthemen des Innenexperten, der als Sohn eines Polizisten in Südbaden aufgewachsen ist. © Michael Kappeler/dpa
Franziska Hoppermann
Für Linnemann wurde Franziska Hoppermann als CDU-Generalsekretärin ins Amt gewählt. Die bisherige Bundesschatzmeisterin gilt als arbeitnehmernah und hat ein starkes Profil in der Frauen Union.  © Christoph Soeder/dpa
Philipp Amthor
Philipp Amthor bekam eine Schlüsselrolle bei der föderalen Zusammenarbeit. Er wurde von Merz zum neuen Staatsminister im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen ernannt, der bisherige Amtsinhaber Michael Meister musste gehen. Amthor war bisher parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium. © Christoph Soeder/dpa
Christiane Schenderlein
Christiane Schenderlein wird Nachfolgerin von Tino Sorge als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Sie war bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt.  © Kay Nietfeld/dpa
Wolfram Weimer
Er bleibt Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer. Er will aber nur für eine Legislaturperiode im Amt bleiben. 2003 war er Gründer des Berliner Magazins „Cicero“, das er bis 2010 leitete. Zuvor arbeitete er als Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie bei den Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Nach „Cicero“ war er bis 2012 Chefredakteur des Magazins „Focus“. Anschließend gründete Weimer gemeinsam mit seiner Frau, der früheren „FAZ“-Journalistin Christiane Götz-Weimer, die Weimer Media Group. © Georg Wendt/dpa

Reform des Bürgergelds: Experten zweifeln an den Einsparzielen

Auch Arbeitsministerin Bas selbst bremst die Erwartungen: „Der Betrag wird sehr klein sein.“ Zwar hatte Kanzler Friedrich Merz das Ziel ausgegeben, die Bürgergeldkosten um zehn Prozent – rund fünf Milliarden Euro – zu senken, doch selbst das Arbeitsministerium rechnet nur mit minimalen Einsparungen.

Ökonomin Regina Riphahn vom Wissenschaftlichen Beirat im Bundeswirtschaftsministerium hält Sanktionen grundsätzlich für sinnvoll, verweist aber gegenüber n-tv.de auf praktische Hürden: „Sanktionen fördern die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“, sagt sie, das ihre Androhung schon im Vorfeld zur Mitarbeit motivieren würde. Zugleich mahnt sie, dass es zügige Sanktionen nur geben würde, wenn Sachbearbeiter und Jobcenter zukünftig entsprechend gesetzlich ausreichend ermächtigt werden würden.

Das plant die Regierung bei der Bürgergeld-Reform

Neuer Name: Das Bürgergeld soll künftig „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ heißen.

Sanktionen: Bei Pflichtverstößen drohen sofortige Kürzungen von 30 Prozent. Nach drei verpassten Terminen kann die Leistung komplett gestrichen werden. Auch Mietzahlungen können entfallen

Karenzzeiten: Schonvermögen und Wohnkosten sollen früher geprüft werden – die bisherige Karenzzeit fällt weg.

Vermittlungsvorrang: Jobcenter sollen Arbeitslose wieder schneller in Jobs vermitteln, statt sie länger zu qualifizieren. Für Jüngere unter 30 Jahren kann Weiterbildung Vorrang haben.

Einsparziele: Die Regierung will rund 5 Milliarden Euro pro Jahr sparen. Fachleute erwarten allerdings deutlich geringere Effekte.

Kritik: Wissenschaftler, Gewerkschaften und Sozialverbände halten Teile der Reform für verfassungsrechtlich riskant und empfinden sie als eine Rückkehr in die Hartz-Ära.

Vermittlungsvorrang oder Qualifizierung von Arbeitslosen – Streit um den richtigen Weg

Im Einigungspapier der Koalition heißt es: „Grundsätzlich gilt der Vermittlungsvorrang in Arbeit.“ Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium widerspricht jedoch ausdrücklich: Er wendet sich gemäß n-tv.de gegen die Wiedereinführung des bedingungslosen Vermittlungsvorrangs aus und setzt sich für eine stärkere Nutzung des Ermessensspielraums von Fallmanagern ein.

Innerhalb der SPD sorgt der Kurs für offenen Widerstand. Juso-Chef Philipp Türmer erklärt laut Tagesspiegel: „Dass jetzt unter der Beteiligung der SPD wieder eine Rolle rückwärts gemacht wird, tut extrem weh und ist falsch.“ Und weiter: „Mit den angekündigten massiven Ausweitungen der Leistungskürzungen steuert die Koalition sehenden Auges auf eine Klatsche vor dem Verfassungsgericht zu.“

Bürgergeld-Reform: Verfassungsrisiken und Kritik von Gewerkschaften

Auch Gewerkschaften und Sozialverbände sehen die Grenzen des Rechtsstaats erreicht. DGB-Chefin Yasmin Fahimi sagt im Gespräch mit dem RND: „Statt darüber zu diskutieren, wie wir Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren können, sollen nun drakonische Sanktionen verhängt werden.“

Aus der Opposition kommen ähnliche Töne. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann warnt gemäß dpa: „CDU und SPD wollen den Menschen alles streichen, was sie zum Leben brauchen.“ Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek nennt die Pläne „menschenunwürdig und rechtlich höchst fragwürdig“.

Manche Kritiker werten den schwarz-roten Kompromiss als Rückkehr zu den Prinzipien der alten Hartz-Reformen. Der nächtliche Verhandlungsmarathon habe zwar ein politisches Signal gesetzt, lasse aber viele Fragen offen – etwa, wie streng die Jobcenter künftig tatsächlich vorgehen sollen, resümiert die linke Tageszeitung taz.

Weniger Karenz, mehr Kontrolle bei der neuen Grundsicherung

Neben den Sanktionen greift die Reform auch beim Schonvermögen und den Unterkunftskosten ein. Das Schonvermögen soll hierbei an die jeweilige Lebensleistung geknüpft werden. Damit sollen Hilfsempfänger künftig früher eigenes Vermögen einsetzen müssen.

Riphahn warnt jedoch gegenüber n-tv.de, dass sich die Verwaltung dadurch eher verkompliziere. Bereits heute könnten Jobcenter Sanktionen verhängen, jedoch in der Regel lediglich auf dem Papier. Der Grund: Die dahinter stehende Bürokratie würde den Aufwand kaum rechtfertigen oder lohnend machen.

Wirtschaft lobt Merz-Reform, Forscher bleiben skeptisch

Der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, Rainer Dulger, begrüßt den Schritt: Er spricht, schreibt die WirtschaftsWoche, von einem „Startschuss für eine echte Erneuerung unseres Sozialstaates“. Arbeitgeber hoffen, dass mehr Druck auf Leistungsbeziehende zu höheren Vermittlungsquoten führt.

Fachleute mahnen hingegen, entscheidend sei nicht der Druck, sondern die Perspektive. „Ich denke, da ist einiges zu holen“, sagt Regina Riphahn – allerdings nur, wenn auch Weiterbildung und digitale Verfahren verbessert werden. Bas betonte derweil, dass der Staat allein 1 Milliarde Euro an Sozialausgaben sparen würde, wenn er 100.000 Leistungsbezieher weniger zu tragen hätte.

Vom Bürgergeld zur Grundsicherung: Symbolik statt Systemwandel

Die Reform der großen Koalition unter Merz zeigt Härte, aber kaum Lösungen. Sie verschärft Regeln, statt sie zu vereinfachen, und verschiebt Konflikte in Jobcenter und Gerichte. Viele Expertinnen und Experten sehen darin mehr Symbolpolitik als Sozialpolitik.

Was als „echte Erneuerung des Sozialstaates“ gedacht ist, könnte in der Praxis zu mehr Bürokratie, Klagen und Unsicherheit führen. Damit droht der schwarz-roten Reform ausgerechnet das, was sie verhindern wollte: ein neues Hartz IV – nur unter anderem Namen. (Quellen: n-tv.de, BILD, Der Tagesspiegel, tagesschau.de, taz, Der Spiegel, WirtschaftsWoche, dpa, AFP, RND) (chnnn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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