IW-Studie mahnt vor Veränderungen
Rente: Bye Bye Babyboomer – Milliardenverluste drohen
Bald gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Laut einer Studie drohen milliardenschwere Verluste, wenn die Regierung nicht jetzt entschieden gegensteuert.
Köln – Deutschlands Wirtschaft steht vor einem fundamentalen Wandel: Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre wird nicht die Bewältigung der gegenwärtigen Corona-Pandemie sein, sondern der Wegfall von Millionen Arbeitskräften. Denn in den nächsten Jahren gehen die Baby-Boomer in Rente. Wie nun eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) herausfand, droht Deutschland ein gravierender Wohlstandsverlust. Konkret geht es um 326 Milliarden Euro, erklärte Michael Hüther, Direktor des Instituts, gegenüber der „Bild“. Eine Möglichkeit wäre, dass Arbeitnehmer mehr arbeiten.*
| Regelmäßiges Einkommen: | Rente |
| Eintrittsalter in Deutschland: | 67. Lebensjahr |
| Durchschnittsrente Mann: | 1178 Euro |
| Durchschnittsrente Frau: | 768 Euro |
Wenn bis 2035 die geburtenstarken Jahrgänge in die Rente gehen, könnten bis fünf Millionen Erwerbstätige auf dem Arbeitsmarkt fehlen. Gemeinsam mit StepStone, New Work SE und Kienbaum Consultants International entwickelte das IW-Institut drei Szenarien, wie sich die Situation konkret auf die deutsche Wirtschaft auswirken. „Besonders das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt wird hauptsächlich zwischen 2025 und 2035 die Entwicklung von Wachstum und Lebensstandard in Deutschland erheblich bremsen, wenn es nicht gelingt, die Arbeitsproduktivität sehr deutlich zu erhöhen“, heißt es in der Studie.
Rente: Baby-Boomer könnten für großes Ungleichgewicht bei der Rentenfinanzierung sorgen
Die Vielzahl neuer Rentner könnte das deutsche Rentensystem vor größere Probleme stellen, als bisher bekannt. Denn weniger Erwerbstätige und mehr Ruheständler sorgen für ein gefährliches Ungleichgewicht bei der Finanzierung der Rentenbezüge. Die Rente 2022 soll aber zunächst so stark steigen, wie seit 40 Jahren* nicht mehr. Aber nicht nur die Rente ist bedroht, sondern auch der Wohlstand in der gesamten Republik.
„Die künftige Bundesregierung ist gefordert, auf die Schrumpfung der Bevölkerung zu reagieren, erst dann können auch die Unternehmen ihre Hausaufgaben erledigen“, erläutert IW-Direktor Michael Hüther. „Ein Weiter-So kostet uns alle Wohlstand und kann nicht im Interesse der Politik sein.“ In ihrem Sondierungspapier hatten sich SPD, Grüne und FDP dafür ausgesprochen, die „Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland“ zu erhöhen und einen Fünf-Punkte-Plan für die zukünftige Rente entwickelt*.
Um die Wirtschaft künftig zu entlasten und somit auch das Fortbestehen der deutschen Rente zu sichern, schlägt das IW-Institut als eine Möglichkeit den Ausbau von Kitas und Schulen vor, damit viele Eltern weiter in Vollzeit statt Teilzeit arbeiten können. „Auch Zuwanderer können helfen, die Fachkräftelücke etwas zu schließen“, so Hüther gegenüber der Bildzeitung.
Aber auch älteren Beschäftigten müsse eine längere Arbeitszeit ermöglicht werden, um die Lücke zu schließen. Hierfür seien lebenslanges Lernen und gezielte Weiterbildungen unverzichtbar. Es braucht aber auch optimale Bedingungen für private Investitionen, eine bessere öffentliche Infrastruktur und gute Marktzugangschancen für Unternehmen, die Innovationen anbieten.
Wohlstand in Deutschland: IW-Institut entwickelt Zukunftsszenarien
In einem Basisszenario, bei dem die Regierung auf ein Weiter-So sieht, steigt das reale Einkommen pro Kopf bis 2035 nur noch um durchschnittlich rund ein Prozent pro Jahr. Unter der Annahme, dass der Kapitaleinsatz – also Produktionsfaktoren wie Maschinen und Werkzeuge – bis 2035 langsam steigt, könnte der Lebensstandard im Jahr 2035 um etwa 1600 Euro je Einwohner steigen. In einem positiveren Szenario gibt es deutlich mehr Fachkräfte, mehr Kapital und stärkeren technischen Fortschritt als im Basisszenario. Damit könnte der Lebensstandard im Jahr 2035 um etwa 3000 Euro höher liegen.
Sollte die Wirtschaftspolitik aber bei der Entwicklung nicht entgegensteuern, könnte es auch zu einem deutlichen Negativszenario kommen, mit einem schlechten Innovationsklima und investitionshemmende Weichenstellungen. Dann würden spürbare Wohlstandsverluste drohen. Pro Kopf könnte das reale Einkommen dann bis zu 4000 Euro geringer ausfallen, als im Basisszenario. Für die Rente 2022 warnte zuletzt Verdi vor Veränderungen* bei Minijobs.
Rente in Deutschland: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sieht Möglichkeit für höheres Rentenalter
Wenn die etwa 20 Millionen Menschen, die in den 50er und 60er Jahren geboren worden, in Rente gehen, hat dies also weitgreifende Auswirkungen für die gesamte Bevölkerung. Wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung bereits 2020 mitteilte, würden Anstiege bei der Lebenserwartung auch die Zeit der Rente verlängern. Eine mögliche Entlastung wäre es nach Einschätzung der Experten, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Gegen diese Maßnahme hatten sich zuletzt die Parteien der möglichen Ampel-Koalition ausgesprochen. Auch viele Arbeitnehmer wollen eigentlich früher in Rente gehen*.
„Bei Maßnahmen, die auf einen späteren Renteneintritt zielen, muss aber berücksichtigt werden, dass die Lebenserwartung von sozial besser gestellten Personen deutlich schneller ansteigt als von anderen Gruppen“, heißt es in einer Mitteilung des Bundesinstituts. Aus diesem Grund dürfe es nicht zu sozial unfairen Maßnahmen kommen. Entgegen der aktuellen IW-Prognose sahen die Experten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung die Auswirkungen für den Arbeitsmarkt durch den Rentenantritt der Baby-Boomer gelassen und erwarteten keine drastischen Veränderungen. *kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.
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