Kommentar

Millionen fürchten sozialen Abstieg – geschürt durch Kommunikationsversagen der Merz-Regierung

Die Deutschen glauben nicht mehr ans Aufstiegsversprechen, sie befürchten den Abstieg. Schuld daran sind nicht zuletzt Kanzler Merz und seine Regierung. Ein Kommentar.

Es sind bittere Zahlen, die die neue Civey-Umfrage im Auftrag des Sozialverbands Deutschland (SoVD) hervorbrachte. Fast 40 Prozent aller Deutschen machen sich für 2026 Sorgen um sozialen Abstieg. Besonders pessimistisch blicken in die Zukunft: junge Menschen, Frauen, Arbeiter und Menschen im Osten. Marginalisierte Gruppen fürchten den sozialen und ökonomischen Rückschritt, statt vorfreudig in die Zukunft zu blicken. Man erntet damit, was durch die politischen Debatten im Land seit Jahren gesät wird.

Millionen Deutsche haben Angst vor sozialem Abstieg im Jahr 2026. Wer besonders betroffen ist.

Die Zahlen zu Abstiegsängsten kommen aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey, für die vom 29. bis zum 31. Januar 5000 Menschen befragt wurden. Die Ergebnisse lagen der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media exklusiv vor. SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier sprach von „alarmierenden“ Zahlen und beklagte fehlende Gerechtigkeit in Deutschland. Inmitten der wirtschaftlichen Krise, unsicherer Jobs und Sorgen über die immer schneller werdende technologische Transformation des gewohnten Lebens, sind Ängste zunächst nicht ungewöhnlich. In solchen Zeiten müssen verantwortliche Politikerinnen und Politiker vor allem eines: ruhig bleiben, zusammen Lösungen präsentieren und den Menschen versichern, dass das alles nicht so schlimm wird.

Merz-Regierung muss ruhig regieren, um Sorgen zu schmälern

Ein Positivbeispiel liefert ausgerechnet die unbeliebte Ampel-Koalition. Zum Start der russischen Großoffensive im Ukraine-Krieg 2022 drohten Deutschland leere Gasspeicher. Olaf Scholz (SPD), Robert Habeck (Grüne) und Christian Lindner (FDP) lieferten ohne Streit Lösungen – die zwar nicht bequem, aber notwendig und richtig waren. Von effektivem Regieren ist heute nur noch selten etwas zu sehen.

Die Merz-Regierung hangelt sich von einem Streit zum nächsten – tatsächliche politische Fortschritte gehen meist unter. Stattdessen überbietet man sich angesichts der bestehenden Probleme mit noch härteren Forderungen. Rente ab 70, mehr Arbeiten, weniger Hilfe für sozialökonomisch Schwache und stärkeres Vorgehen gegen Migranten. Ob die Vorschläge sinnvoll sind oder nicht, was vor allem hängen bleibt, sind die sich zunehmend verschärfende Wortwahl und der diskursive Statuskampf.

Dass sich in der seit Jahren zunehmenden sprachlichen Verrohung und dem Treten nach unten auch die Sorgen verschärfen, ist eine logische Konsequenz. Auch Verdruss, wegfallendes Vertrauen in den Staat als Problemlöser sowie die Orientierung zu den politischen Rändern sind die Folge.

Preissteigerungen und unsichere Jobs bereiten Ängste. Das tut aber auch das Sprechen über Probleme und Ursachen. Zumindest daran sollte die Politik schleunigst arbeiten. Statt ständig die nächste Sau zu suchen, die durchs Dorf getrieben werden kann, sollte man sich gemeinsam hinsetzen und Lösungen optimistisch präsentieren. Denn ob inhaltlicher Fan von Merz oder nicht: Inzwischen dürften sich fast alle freuen, wenn Schwarz-Rot endlich ruhig regiert. Das würde auch die Sorgen schmälern.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Picture Alliance/ Sven Simon (Montage)

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