Teure Elektroauto-Produktion
Konzernchef warnt: E-Autos zu teuer – viele können sich „Neuwagen nicht mehr leisten“
Der Stellantis-Chef Carlos Tavares wettert gegen E-Autos: Die Mittelschicht könne sie sich kaum noch leisten – wirklich klimafreundlich seien sie auch nicht.
Amsterdam – Gemeinhin gilt, Elektroautos sind klimafreundlich. Oder doch nicht? Der ökologische Fußabdruck steht dabei im Zentrum der Debatte für Befürworter von E-Autos. Doch es gibt Zweifel, nicht nur an der Infrastruktur bei Ladesäulen von Elektroautos, sondern nun auch an der Umweltverträglichkeit in der Produktion von E-Auto-Batterien. Diesen Aspekt griff auch der Chef des Automobilkonzern Stellantis jüngst im Interview mit dem Handelsblatt auf.
Carlos Tavares ist die Herstellung von E-Auto-Batterien ebenso ein Dorn im Auge, wie die Förderung von Elektroautos durch die Europäische Union (EU). Dabei setzt Stellantis, zu dem unter anderem Opel, Fiat und Peugeot gehören, ebenfalls die Segel in Richtung E-Mobilität und stellt die Weichen zunehmend auf E-Auto. Wie Volkswagen mit seinem Finanzplan und dem Fokus auf das VW-Elektroauto richtet sich auch Stellantis für die Zukunft aus und plant Rieseninvestitionen in die E-Mobilität. Doch es gibt Vorbehalte: Stellantis-Chef Carlos Tavares hält Elektroautos für zu teuer und den CO₂-Fußabdruck der Batterien der E-Autos für unterirdisch. Er zweifelt am Mehrwert für den Schutz der Umwelt.
Elektroauto Preis: „Teile der Mittelschicht können sich vielleicht Neuwagen nicht mehr leisten“
Insbesondere im Preis von Elektroautos sieht Tavares ein Problem bei der Elektromobilität. Er sorgt sich aufgrund des Preisanstiegs bei E-Autos um die sozialen Folgen. „Höhere Preise bedeuten aber auch, dass sich Teile der Mittelschicht vielleicht keine Neuwagen mehr leisten können“, warnt der Konzernchef gegenüber dem Handelsblatt und erklärt weiter, „dieses Risiko besteht, wenn wir unsere Kosten nicht senken. Es sind aber auch die neuen Technologien, die die Preise in die Höhe treiben. Vor allem die Elektroantriebe, die 50 Prozent teurer sind als Verbrenner“.
Während neue, oftmals teure Batteriewagen sich großer Nachfrage erfreuen, stehen sich auch hierzulande gebrauchte E-Autos die Reifen platt*. In Niedersachsen gibt es trotz der schlechten Ladesäulen Infrastruktur immer mehr Elektroautos. Auch bei Volkswagen setzt man auf VW-Elektroautos, die in Krisenzeiten ein Lichtblick für den Automobilriesen sind. Um sich perspektivisch in der breiten Bevölkerung weiter durchsetzen zu können, müssen E-Autos langfristig bezahlbar sein.
Elektroauto: Stellantis-Chef sieht ökologischen Fußabdruck in der Herstellung von Batterien für E-Autos kritisch
Die Elektromobilität und damit das Elektroauto sollen einen entscheidenden Einfluss auf den Klimaschutz nehmen, da ist sich die Politik einig. Auch der Autokonzern Stellantis richtet sich auf E-Autos aus, dabei warnt Konzernchef Tavares allerdings vor einer einseitigen Sicht der Dinge. Während ein Forscherteam aus Deutschland mit neuen Erkenntnissen in der Batterietechnologie zuletzt auf sich aufmerksam gemacht hat, sieht Tavares vor allem den ökologischen Fußabdruck in der Herstellung von E-Auto-Batterien kritisch.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt fordert Tavares eine umfangreichere Diskussion über umweltschädliche Prozesse in der Herstellung von Batterien. Für ihn sind E-Autos aktuell nicht zwingend auch umweltfreundlich. Der Stellantis-Chef sieht in Hybridautos eine Alternative, die schneller einen CO₂-Vorteil bringen kann. Diese Variante hält Tavares zudem für günstiger.
Hybridautos umweltfreundlicher als Elektroautos? Stellantis-Chef sind E-Autos zu teurer und befürchtet staatliche Verschuldung
Dem Stellantis-Chef fehlt eine breite Diskussion. Dem Handelsblatt sagt er zur Frage nach Hybrid oder Elektrik: „Das ist eine gesellschaftliche Debatte, von der ich träumen würde: Wäre es besser, sehr leistungsfähige Hybridautos fahren zu lassen, die erschwinglich bleiben und einen sofortigen CO₂-Vorteil bringen? Oder brauchen wir zu 100 Prozent Elektrofahrzeuge, die sich die Mittelschicht auf lange Sicht nicht leisten kann, während die Staaten ihre Haushaltsdefizite immer weiter ausweiten, um sie zu subventionieren?“
Tavares Worte zeugen von seiner Unzufriedenheit in der Elektroautodebatte. Vor allem die Herstellung von E-Auto-Batterien sieht er mit einem böswilligen Auge.
E-Autos: Erst ab 70.000 Kilometern ist der ökologische Fußabdruck aus der Batterieherstellung von Elektroautos ausgeglichen
Der Konzernchef nennt gegenüber dem Handelsblatt drastische Zahlen: „Beim europäischen Energiemix muss ein E-Auto 70.000 Kilometer fahren, um die schlechte CO₂-Bilanz der Batterieherstellung auszugleichen und die Lücke mit einem Hybridauto zu vergrößern“. Umweltfreundlich klingt anders. Wenn man entlang des Äquators misst, entspricht das einer Strecke von fast zweimal um die Welt – ein weiter Weg, um den ökologischen Fußabdruck aufzubessern.
Elektroautos: EU mit Realitätsverzerrung in der Causa E-Mobilität
In Sachen E-Mobilität und Elektroautos rechnet sich die EU die Bilanz ein wenig schön. Unter anderem wegen hoher Fördersummen sind reine Elektroautos und Plug-In-Hybride beliebt. Sie machen nahezu 50 Prozent bei den Verkäufen aller Neuwagen aus. Die E-Mobilität wird in der EU nicht realitätsnah eingerechnet: Bei der Flotten-Anrechnung wird sie pauschal mit null Gramm CO₂ veranschlagt. Tatsächlich werden bei Elektroautos, abhängig vom Strommix, bisweilen mehr Emissionen fällig, als bei Verbrennern.
Elektroautos: E-Auto-Förderung der Europäischen Union (EU) beraubt Automobilhersteller der Innovationsmöglichkeiten
Derweil sieht Tavares die Fokussierung auf Elektroautos kritisch. Politische Vorgaben hätten Automobilherstellern keinen Freiraum für Kreativität und alternative Innovationen gelassen, so der Konzernchef im weiteren Verlauf des Interviews beim Handelsblatt. Wie groß der Benefit von E-Autos für das Klima überhaupt sein wird, stellt er infrage. In dem Gespräch sagt er „Wir werden erst in 10 oder 15 Jahren wissen, welche Ergebnisse die Elektrifizierung tatsächlich für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen bringen wird.“
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Umweltfreundlich hin oder her – auch Stellantis hat mit der Umrüstung seiner Fabriken und Produktion begonnen. Tavares fordert gegenüber dem Handelsblatt einen „allmählichen Übergang“, um größere soziale Folgen zu vermeiden. In diesem Rahmen hält er Elektro-Subventionen bis wenigstens 2025 für unerlässlich. Die Elektromobilität ist umkämpft, viele Automobilhersteller rüsten um. Die Sicht auf Möglichkeiten, Risiken und Potenziale der neuen Antriebsform fällt dabei trotzdem oft sehr unterschiedlich aus – bei Stellantis zumindest zweifelt man trotz Umrüstung an der Klimafreundlichkeit.* kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
Rubriklistenbild: © Carlos Osorio/AP/dpa
