„Es wird vorbeigehen“

Türkei: Erdogans Popstar-Dilemma – Wirbel um Tarkan-Lied „Geççek“

Der türkische Präsident Erdogan ist politisch angeschlagen, sein Land steckt in einer tiefen Krise. Zum Problem werden ihm zunehmend auch Popstars wie Tarkan.

Istanbul – Recep Tayyip Erdogan schwimmen die Fälle davon: Der türkische Präsident, der lange Zeit besonders den Rückhalt der konservativen Bevölkerung genoss, verliert immer mehr an Zustimmung. Das Land befindet sich in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, in der der Regierungschef einen Kurs verfolgt, den viele Wirtschaftsexperten nicht nachvollziehen können. Das Land versinkt in Armut, doch große Protestbewegungen bleiben bisher aus – das dürfte auch an der Angst vor Erdogans Umgang mit der Opposition liegen – den lernte Popsängerin Sezen Aksu zuletzt leidvoll selbst kennen. Jetzt gibt es Wirbel um ein Lied des Sängers Tarkan mit dem Titel „Geççek“. Der Präsident der Türkei steht unter Druck.

Türkei: Tarkan-Lied „Geççek“ sorgt unter Erdogan-Anhängern und Gegnern für Wirbel

Fünf Jahre lang hatte er keine Musik veröffentlicht, sein jetziges Comeback ist ein Paukenschlag. Ein Lied des deutsch-türkischen Sängers Tarkan sorgt für Furore. Das hat vor allem einen Grund: In der Türkei sieht man in dem neuen Stück einen Abgesang auf Präsident Erdogan. Der Sänger selbst erklärt, es ginge unter anderem um die Corona-Pandemie. Das Lied trägt den Titel „Geççek“, was frei übersetzt etwa soviel heißt wie „Es wird vorbeigehen“. Auch die Türkei hatte stark mit der Corona-Pandemie zu kämpfen – dass es in dem Lied deshalb vor allem darum geht, ist unwahrscheinlich. Er wäre nicht der erste Popstar, der sich kritisch über den Autokraten Erdogan äußert.

In der Türkei gibt es Wirbel um ein Lied des türkischen Sängers Tarkan: Es soll ein Abgesang auf Präsident Erdogan sein. (Symbolbild)

Das Lied erhielt innerhalb kürzester Zeit Millionen von Aufrufen und wurde auf den sozialen Medien heiß diskutiert. Auch Politiker verschiedener Oppositionsparteien bezogen sich auf den sozialen Medien positiv auf das Lied, wie die türkische Nachrichtenagentur Bianet berichtet. Regierungsnahe Zeitungen hingegen bekundeten die Vermutung, das Lied sei „auf Anweisung“ der Opposition entstanden – auch Politiker von Erdogans AKP und der nationalistischen MHP zeigten sich verärgert. Tatsächlich gibt es einige Hinweise, dass es in dem Lied um den türkischen Präsidenten gehen könnte.

Tarkan äußert sich schwammig – in der Türkei nehmen dennoch viele Menschen Bezug zu Erdogan an

Der türkische Sänger Tarkan konkretisiert nicht, ob Gegenstand seines Liedes auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist. Die türkische Zeitung Hürriyet zitiert den Sänger mit den Worten: „Vor etwa einem Jahr hatte ich eine Phase, in der ich nicht besonders gut gelaunt war. Viele Dinge wie die Pandemie, traurige Ereignisse in der Welt, der besorgniserregende Kurs der Menschheit, die Zerstörung der Natur hatten einen sehr negativen Einfluss auf mich, und ich war kurz davor, die Hoffnung zu verlieren.“ Die Situation in der Türkei ist nicht nur was die Meinungsfreiheit und Wirtschaft angeht derzeit schwer, 2021 war für viele Türkinnen und Türken ein hartes Jahr.

Die Zuversicht scheint Tarkan wiedergefunden zu haben, wenn er nun singt „Es wird vorbeigehen, natürlich wird auch das vorbeigehen.“ Vermutungen, es könnte in dem Lied um den türkischen Präsidenten gehen, sind nicht unbegründet. Zeilen aus dem Lied des Popstars lauten etwa „Du hast den Bogen überspannt, wir haben’s wirklich satt“ und „Los, es reicht jetzt, wir sind ziemlich ausgelaugt. Hau ab, Alter, runter jetzt von unserem Rücken.“

Türkei: Erdogan im Clinch mit Popstars wie Tarkan und Sezen Aksu – 200 Kunstschaffende erklären Solidarität mit Sängerin

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der sich jüngst auch mit der Omikron-Variante infizierte, befindet sich im Clinch mit der Pop-Welt. Nur kurz vor der Veröffentlichung des Tarkan-Lieds „Geççek“ hatte der Regierungschef die Sängerin Sezen Aksu ins Visier genommen. Erdogan zeigte sich verärgert über ein Lied, in dem Aksu Adam und Eva als „Unwissende“ bezeichnet. Das ursprüngliche Lied ist bereits fünf Jahre alt. Ein Affront war es für Erdogan trotzdem, denn Adam gilt bei vielen Muslimen als Prophet. Der Präsident der Türkei hatte in diesem Zuge die Aussage getroffen: „Niemand kann und darf Beleidigungen gegen den heiligen Adam in den Mund nehmen. Tut es jemand doch, dann ist es gegebenenfalls unsere Pflicht, ihm dafür die Zunge aus dem Mund zu reißen.“ – ein Eigentor.

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Nach Angaben des ORF hatte es noch den Versuch gegeben, Journalisten an der Verbreitung der Aussage zu hindern, vergeblich. Über 200 Künstlerinnen und Künstler hatten anschließend eine Solidaritätserklärung für Aksu unterzeichnet. Tatsächlich musste der Präsident zurückrudern: Er erklärte später, die Sängerin gar nicht gemeint zu haben. Mit dem neuen Tarkan-Lied geht Erdogans Konflikt mit der Pop-Welt in eine nächste Runde. Der Regierungschef steht schlecht dar, auch er dürfte hoffen „Es wird vorbeigehen“ – Tarkan meint das vermutlich allerdings deutlich anders.* kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Alberto Pizzoli/AFP

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