Frankfurter-Rundschau-Gespräch

Wegen Trump und Putin: EU-Abgeordnete fordert europäische Verteidigungsunion

Die EU und deren Mitglieder sollten den Aufbau einer europäischen Verteidigungsunion intensivieren, meint eine deutsche EU-Parlamentarierin.

Straßburg – Die EU-Abgeordnete Terry Reintke fordert einen intensiveren Aufbau einer europäischen Verteidigungsunion. „Das ist eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste Thema, mit dem wir uns in den kommenden Jahren in Europa beschäftigen müssen“, sagte die Grünen-Politikerin im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.

In den vergangenen Jahren seien die Fortschritte nicht groß genug gewesen, nun dränge die Zeit, die EU müsse dringend eigene Verteidigungsstrukturen aufbauen. Dafür müssten die Mitglieder nicht zwingend mehr Geld ausgeben, sondern dieses effizienter einsetzen. Die Union benötige eine engere Zusammenarbeit in diesem Bereich.

„Wir müssen die Verteidigungsunion substantiell mit Kompetenzen, Aufgaben und Mitteln ausstatten, und das muss jetzt schnell passieren. Die gemeinsame europäische Verteidigung darf am Ende keine leere Hülle für schöne Sonntagsreden sein. Wir müssen in der Lage sein, unsere demokratischen und freiheitlichen Demokratien zu verteidigen“, sagte Reintke. Dafür wäre auch ein starker EU-Haushalt wichtig.

Trump und Putin gefährden EU: Reintke kritisiert Debatte

Ein verstärkter Aufbau solcher Strukturen sei in der Vergangenheit vor allem an den Mitgliedsstaaten gescheitert. Diese hätten die vom Parlament und der Kommission vorgeschlagenen Pläne nicht umgesetzt. „Leider ist unsere Möglichkeit im Europäischen Parlament sehr begrenzt, wenn es darum geht, beispielsweise über Verträge hart durchzugreifen und Dinge durchzusetzen“, meint Reintke, die für ihre Fraktion als stellvertretendes Mitglied im EU-Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung sitzt. Auch die EU-Kommission besitze an dieser Stelle zu wenig Kompetenzen.

Bei dem Manöver „Fast Griffin“ üben deutsche Soldaten mit litauischen Truppen auf dem Truppenübungsplatz Gaiziunai nahe dem Militärstützpunkt Rukla den Einsatz.

Es sei ein großes Problem, dass die verschiedenen Regierungen bei der Ausrüstung ihrer Armeen so wenig zusammenarbeiteten, um effektive Kooperation und Synergien zu schaffen. „Nationale Rüstungskäufe sind noch immer die Regel und gemeinsame europäische Beschaffung die Ausnahme“, sagte Reintke. Für Letztere seien etwa gemeinsame Waffenstandards entscheidend.

Dafür habe es in den vergangenen Jahren zwar Initiativen gegeben, aber ohne verbindliche Ziele seien sie häufig gescheitert, auch „weil in den Hauptstädten sehr starke Lobbygruppen der Rüstungsindustrien sitzen“, so die gebürtige Gelsenkirchenerin. Sie hält eine rein auf Zahlen fixierte Debatte über Verteidigungsausgaben daher „nicht für zielführend. Wir müssen über Fähigkeiten sprechen.“ Hohe Ausgaben führten nicht zwingend zu einer höheren Sicherheit in Europa. 

Unzuverlässiger Trump als EU-Sicherheitsrisiko: So könnte sich Europa unabhängiger machen

Neben der Rüstungsindustrie sieht Reintke die EU auch beim Thema „Military Mobility“ in der Pflicht. Dabei handelt es sich um eine EU-Initiative zur Gewährleistung einer raschen und nahtlosen Verlegung von militärischem Personal, Material und Gütern – auch kurzfristig und in großem Umfang, innerhalb und außerhalb der EU. Die Initiative zielt darauf ab, Verfahren zu vereinfachen, die Infrastruktur der Mitgliedstaaten zu modernisieren und bürokratische Hürden abzubauen. Damit sollen die Handlungsfähigkeit und Reaktionszeit der einzelnen europäischen Armeen im Ernstfall verbessert werden.

Die EU-Abgeordnete Terry Reintke (Grüne) spricht sich für eine europäische Verteidigungsunion aus.

Mit Blick auf gemeinsame Streitkräfte spricht sich Reintke für eine zunehmende Zusammenarbeit der nationalen Armeen und eine Verbesserung der Kommandostrukturen aus. „Es wäre unrealistisch zu sagen, dass wir in den kommenden fünf Jahren eine EU-Armee haben. Das ist eine attraktive, aber langfristige Idee“, sagte die 38-Jährige. Nun gehe es darum, schnell und praktisch die Verteidigungsfähigkeit der Europäischen Union zu erhöhen. Dazu gehöre auch eine verbesserte Koordination mit dem Nato-Verteidigungsbündnis.

Trump und Putin machen verstärkte EU-Zusammenarbeit notwendig

Die Gründe für eine Notwendigkeit verstärkter europäischer Zusammenarbeit sind für Reintke klar: der von Russlands Präsident Wladimir Putin geführte Angriffskrieg auf die Ukraine und der „unzuverlässige“ US-Präsident im Weißen Haus: Donald Trump. Um nicht nur in der Finanzierung effektiver zu handeln – sondern auch in der politischen Entscheidung effektiver zu sein –, sollte die EU in der Verteidigungspolitik eine qualifizierte Mehrheitsentscheidung anstreben.

Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in Bildern

Wandbild Putin Trump Litauen
Einen besseren US-Präsidenten als Donald Trump kann sich Kremlchef Wladimir Putin gar nicht wünschen: So könnte dieses Wandbild in der litauischen Hauptstadt Vilnius interpretiert werden. Bemerkenswert: Es ist eine Aufnahme aus dem Mai 2016, als Trump nicht gar nicht im Amt war. Offenbar schwante den Menschen in Litauen schon damals Böses. © Petras Malukas/AFP
Trump telefoniert mit Putin
Trump hat seit Jahren einen guten Draht zu Putin. Am 28. Januar 2017 telefonierte er im Oval Office des Weißen Hauses zum ersten Mal mit dem russischen Präsidenten. © Mandel Ngan/AFP
Wachsfiguren von Trump und Putin
Schon damals standen sie sich auch in Wachsfigurenkabinetten nahe, so auch in Sofia (Bulgarien). © Valentina Petrova/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
Das erste persönliche und extrem heikle Treffen mit Putin wickelte Trump beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 unfallfrei ab. Im Kreml wie im Weißen Haus herrschten anschließend Optimismus und Zufriedenheit.  © Evan Vucci/dpa
G20 Summit - Demonstration
Aktivisten von Oxfam standen dem G20-Gipfel kritisch gegenüber. Mit ihrer Aktion wollten sie auf den Abzweig zwischen mehr sozialer Ungleichheit und weniger Armut hinzuweisen. Sie trugen Masken von Theresa May, Donald Trump, Shinzō Abe, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Justin Trudeau, Wladimir Putin, und Jacob Zuma. © Michael Kappeler/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
„Der Fernseh-Trump unterscheidet sich sehr vom realen Menschen,“ sagte Putin nach dem G20-Gipfel in Hamburg vor der Presse über seinen US-Kollegen Donald Trump. © Steffen Kugler/dpa
Apec-Gipfel in Vietnam
Ein zweites Mal trafen sich Trump und Putin am Rande des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) im vietnamesischen Da Nang. © dpa
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam
Beide Präsidenten stimmten damals überein, dass das Verhältnis ihrer Länder nicht gut sei. Putin sah weiter eine tiefe Krise. Russland sei aber bereit, „eine neue Seite aufzuschlagen, vorwärtszugehen, in die Zukunft zu schauen“. © Mikhail Klimentyev
Trump Putin Da Nang
„Wenn wir ein Verhältnis zu Russland hätten, das wäre eine gute Sache“, sagte Trump. Sein persönliches Verhältnis zu Putin sei gleichwohl in sehr gutem Zustand, obwohl man sich nicht gut kenne. © Jorge Silva/AFP
Helsinki-Gipfel
Im Juli 2018 kamen Trump und Putin in Helsinki zu ihrem ersten offiziellen Gipfel zusammen.  © Heikki Saukkomaa/dpa
USA Ausstieg aus INF-Abrüstungsvertrag
Sie begrüßten sich mit einem kurzen, doch kräftigen Händedruck. „Es ist an der Zeit, detailliert über unsere bilateralen Beziehungen zu sprechen und über die schmerzhaften Punkte auf der Welt. Davon gibt es sehr viele“, sagte Putin. Trump betonte: „Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen.“ © Alexander Zemlianichenko/dpa
Helsinki
Während des Gipfeltreffens gingen in Helsinki mehrere Hundert Menschen aus Protest auf die Straßen. Dabei machten sie auf eine Reihe von Missständen aufmerksam.  © Joonas SaloIlta-Sanomat/Imago
Melania Trump
Auch First Lady Melania Trump war in Helsinki mit von der Partie. © Alexei Nikolsky/AFP
Trump und Putin
Trump äußerte sich hinterher zufrieden über sein Treffen mit Putin: „Der Dialog ist sehr gut verlaufen“, sagte er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Putin. „Ein produktiver Dialog ist nicht nur gut für die Vereinigten Staaten und Russland, sondern für die Welt.“ © Brendan Smialowski/AFP
Proteste gegen Treffen von Trump und Putin
Derweil protestierten die Menschen auch im fernen Washington, D.C., gegen das Treffen. Unter anderem hielt eine Frau vor dem Weißen Haus ein Schild in die Höhe, auf dem die beiden Präsidenten karikiert waren.  © Andrew Harnik/dpa
100. Jahrestag Waffenstillstand Erster Weltkrieg
Im November 2018 nahmen Trump und Putin an einer Gedenkfeier anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs in Paris teil. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lud damals zum Spitzentreffen ein. © Ludovic Marin/AFP
Erster Weltkrieg - Waffenstillstand 1918
Auch vor Ort waren First Lady Melania Trump (links), die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und Brigitte Macron, die Ehefrau des französischen Präsidenten. © Francois Mori/dpa
Beginn des G20-Gipfels
Kurz danach trafen Trump und Putin beim G20-Gipfel in Buenos Aires erneut aufeinander. © Ralf Hirschberger/dpa
G20-Gipfel in Argentinien
Die Gespräche wurden von der Eskalation zwischen Russland und der Ukraine um einen Seezwischenfall vor der Krim überschattet. Deshalb sagte Trump ein direktes Treffen mit Putin am Rande des Gipfels kurzfristig ab.  © dpa
Japan, Osaka
Im Juni 2019 trafen Trump und Putin beim G20-Treffen im japanischen Osaka zusammen. © Imago
Osaka 2019
Trump wurde dabei von einem Reporter angesprochen, ob er Putin bei ihrem gemeinsamen Treffen auch sagen werde, dass sich der Kremlchef nicht in die US-Wahlen einzumischen habe. Trump beugte sich zu Putin und sagte: „Mische Dich nicht in unsere Wahlen ein“ – ein Lächeln glitt dabei über Trumps Gesicht. Die Aktion war allerdings nicht ganz ernst gemeint. © Brendan Smialowski/AFP
Osaka 2019
Trump nannte das Verhältnis zu Putin „sehr, sehr gut“.  © Brendan Smialowski/AFP
Trump Putin
Am Ende seiner ersten Amtszeit musste sich Trump wegen Machtmissbrauchs und Behinderung der Ermittlungen im Senat verantworten. Hintergrund war die sogenannte Ukraine-Affäre. Viele Menschen in den USA sahen Trump als Verräter – und Putin als Feind. © Olivier Douliery/AFP
Ukrainekrieg - Anti-Kriegsprotest in New York
Im Januar 2025 kam Trump zum zweiten Mal an die Macht. Im Ukraine-Krieg stellte er sich auf die Seite von Putin. Das rief Proteste hervor. Auch am Times Square in New York galt: Trump ist ein Verräter. © Adam Gray/dpa
Trump Putin
Trump sucht dennoch weiter die Nähe zu Putin. Nach offiziellen Angaben haben beide im Februar 2025 ein erstes Mal miteinander telefoniert, seit der US-Präsident wieder im Amt ist. Vor dem zweiten Gespräch am 18. März verkündete Trump: „Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Präsident Putin.“ Auch danach telefonierte er noch mehrmals mit seinem russischen Amtskollegen. © Alexander Nemenow/AFP
Trump und Putin
Am 15. Augsut 2025 kam es zum Gipfel zwischen Trump und Putin in Alaska. Es handelte sich um das erste persönliche Treffen der beiden Staatschefs seit Putins Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022. Das Treffen fand in der Stadt Anchorage statt. Am Ende gab es von beiden Staatschefs nichts Konkretes. © Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Dann wäre die Union in diesem Bereich nicht mehr auf das Einstimmigkeitsprinzip angewiesen – und somit weniger politisch erpressbar durch kremlnahe Putin-Freunde wie Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und den slowakischen Regierungschef Robert Fico.

Auch die militärische Kooperation mit der Atommacht Großbritannien müsse intensiviert werden. „Dabei geht es nicht nur um mögliche nukleare Abschreckung, sondern auch um den Austausch von Geheimdienstinformationen. Der wird in den kommenden Konflikten eine zentrale Rolle einnehmen. Sollten die US-Behörden ihre Informationsweitergabe an uns einschränken, wären die britischen Nachrichtendienste umso wichtiger für uns Europäer“, sagte Reintke. Auch in der Cyberabwehr sei die internationale Zusammenarbeit sehr bedeutend. (Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © Alexander Welscher/dpa

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