„Langsam beginnende Katastrophen“
„Nie stand mehr auf dem Spiel“ - Weltklimarat startet wegweisende Verhandlungen
Der nächste Klimareport erscheint am 28. Februar: Wissenschaftler sehen einen „echten Moment der Abrechnung“ und eine nie dagewesene Dringlichkeit.
Berlin - Zwei Wochen will sich der Weltklimarat beraten - in Berlin und virtuell. Erörtert werden soll der zweite Teil des Berichts zu den Folgen der Erderwärmung. Der werde dringlich erwartet, sagte der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC, Hoesung Lee, „weil noch nie mehr auf dem Spiel stand“ als jetzt. Im ersten Teil hatte der Weltklimarat vergangenen August vor einer deutlich rascheren globalen Erwärmung als zuvor angenommen gewarnt.
Klimawandel „eindeutig“ menschengemacht
Bereits gegen 2030 werde die Erde sich um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmen - und damit zehn Jahre früher als noch 2018 prognostiziert. Die Erderwärmung ist demnach außerdem „eindeutig“ durch den Menschen verursacht.
Auch die Chefin des UN-Umweltprogramms (Unep), Inger Andersen, schickt zum Konferenzauftakt einen Appell zum Handeln. Die Auswirkungen des Klimawandels seien weit größer „als unsere Bemühungen, uns ihm anzupassen“, warnte sie. Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) rief zu internationaler Zusammenarbeit auf. „Nur global können wir den Klimawandel bekämpfen“, sagte sie.
Der Klimawandel war auch Thema der Rede des wiedergewählten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.
Klimawandel: Wissenschaft dreht sich nicht mehr nur um Vorhersagen für die Zukunft
Rachel Cleetus, die für Klima und Energiepolitik zuständige Direktorin der Wissenschaftlervereinigung Union of Concerned Scientists, nannte den neuen IPCC-Bericht einen „echten Moment der Abrechnung“. Es gehe inzwischen um „extreme Ereignisse und langsam beginnende Katastrophen, die die Menschen jetzt gerade erleben“ und nicht mehr um wissenschaftliche Vorhersagen für die Zukunft. Unter anderem gibt es auch Aufrufe, Klimawandel und Artenschutz besser zusammenzudenken: Der Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut und Teil einer IPCC-Arbeitsgruppe sagte: „Klima und Naturräume beeinflussen sich gegenseitig.“
„Wenn wir uns unserer eigenen Lebensgrundladen nicht weiter berauben wollen, muss der Klimaschutz ab sofort höchste Priorität haben“, forderte Viviane Raddatz von der Umweltorganisation WWF Deutschland. Für das „Wohl von Mensch und Natur“ sei die Energiewende „unabdingbar“. Deutschland müsse seine derzeitige Präsidentschaft in der G7-Gruppe führender Industrieländer nutzen, um den Abschied von fossilen Energieträgern voranzutreiben.
IPCC-Plenarsitzung: Regierungen erkennen die wissenschaftlichen Erkenntnisse offiziell an
Bei der zweiwöchigen Plenarsitzung beraten Vertreter der 195 IPCC-Mitgliedstaaten abschließend über den zweiten Teil des Sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats. Der IPCC betreibt keine eigene Forschung zum Klimawandel, sondern wertet tausende Studien aus und fasst die zentralen Erkenntnisse daraus zusammen. Zum Kernteam der 270 Wissenschafler gehören auch 15 Forscher und Forscherinnen aus Deutschland.
Rund 30 bis 40 Seiten Kurzfassung des Berichts diskutieren beteiligte Regierungsvertreter. Zeile für Zeile wird anschließend ein Text verabschiedet. Damit erkennen die Regierungen die wissenschaftlichen Erkenntnisse offiziell an. Der komplette Bericht soll am 28. Februar veröffentlicht werden. (dpa/kat) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.