„Rentenniveau muss auf 40 Prozent fallen“
Gesetzliche Vorsorge reicht selten: Renten-Experte warnt vor Altersarmut – und zeigt Alternativen auf
Die deutsche Gesellschaft überaltert. Das Rentensystem ächzt unter der Belastung. Ein Ökonom schlägt nun radikale Maßnahmen vor, um die Rente hierzulande zukunftssicher zu machen.
München – Die Altersvorsorge erscheint den meisten Menschen in Deutschland nicht besonders aufregend. Dabei wird das Thema immer wichtiger, denn die Altersarmut hierzulande nimmt zu. Fast die Hälfte aller deutschen Rentner (42 Prozent) hat pro Monat ein Netto-Einkommen von nur 1250 Euro, wie eine aktuelle Studie des Statistischen Bundesamtes zeigt. Ein Rentenexperte erklärt, welche Änderungen es in Deutschland geben müsste, um das Rentensystem zukunftssicher zu machen.
Altersarmut in Deutschland: Jeder vierte Rentner mit Nettoeinkommen unter 1000 Euro
Besonders Geringverdiener und Menschen mit Karrierelücken sind in Deutschland von Altersarmut betroffen. Laut Statistischem Bundesamt (StBA) bekamen Frauen über 65 Jahre im Jahr 2021 durchschnittlich 17.814 Euro brutto an Alterseinkünften. Männer derselben Altersgruppe hingegen kamen im Schnitt auf 25.407 Euro, eine Einkommenskluft von fast 30 Prozent. Von der Bruttorente muss sowohl die Kranken- als auch die Pflegeversicherung noch abgezogen werden. Jeder vierte Rentner (26,4 Prozent) hierzulande kommt dann nur auf ein Nettoeinkommen von unter 1000 Euro.
Diese Daten zeigen: Die gesetzliche Rente reicht für viele nicht aus. Experten empfehlen daher, auch private Altersvorsorgen zu nutzen. Je früher man damit beginnt, desto besser, wie ein Rechenbeispiel zeigt. Wer monatlich 150 Euro zurücklegt, hat innerhalb von 30 Jahren 54.000 Euro eingezahlt. Je nach Verzinsung lässt sich damit ein gutes finanzielles Polster erwirtschaften. Beträgt die Rendite beispielsweise vier Prozent, kommen Sparer nach 30 Jahren auf 103.140 Euro, bei einer achtprozentigen Rendite im Schnitt sind es bereits 212.746 Euro – die Inflation nicht einberechnet.
Ökonom: So könnte das deutsche Rentensystem zukunftssicher werden
Im internationalen Vergleich rutschte das deutsche Rentensystem zuletzt weiter ab. Im Global Pension Index, einem Vergleich verschiedener Rentensysteme durchgeführt von Mercer CFA, lag die Bundesrepublik auf Platz 19 von 47 verglichenen Ländern. Angesichts einer überalternden Gesellschaft ist das Umlageverfahren nicht nachhaltig. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen glaubt, dass das deutsche Rentensystem mit wenigen Maßnahmen zukunftssicher gemacht werden kann. „Die erste Forderung wäre, die Wiedereinführung des Nachhaltigkeitsfaktors – ohne Wenn und ohne Aber“, sagte der Experte im am Montag (22. Januar) veröffentlichten Interview mit Focus. Damit bezieht er sich auf den Teil der Rentenanpassungsformel, der das Verhältnis aus Beitragszahlenden und Beitragsempfängern berücksichtigt – und die Rente entsprechend kürzt.
Das müsste man straffen, sodass das Rentenniveau auf 40 oder 41 Prozent fallen müsse, erklärte der Wissenschaftler weiter. Aktuell liegt dieser Wert nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung bei 50,4 Prozent netto vor Steuern. Die Prognose der Bundesregierung liegt bei 45,8 Prozent im Jahr 2035, Raffelhüschens Vorschlag fällt demnach deutlich radikaler aus. Den Rentnern an der Armutsgrenze müsse man Hilfestellungen geben, räumt der Ökonom eine. Eine Lösung sieht Raffelhüschen darin, dass die Menschen länger arbeiten, „denn Hilfe zur Selbsthilfe ist immer das beste Instrument, das wir haben.“ Im Anschluss sollte die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nach 2030 auf etwa 68 oder 69 Jahre angesteuert werden – angepasst an die Lebenserwartung, so der Vorschlag des Ökonomen.
Diese privaten Altersvorsorge-Methoden gibt es
Wer sich nicht auf die gesetzliche Rente verlassen will, sollte frühzeitig privat vorsorgen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die bekannteste Form der privaten Altersvorsorge sind die Riester- und Rürup-Rente, die der Staat mit Förderungen unterstützt. Rürup eignet sich vor allem für Selbstständige oder Personen, die ein höheres steuerpflichtiges Einkommen haben. Die Riester-Rente hingegen bietet zwei Optionen: Eine feste Rente mit geringer Rendite oder eine fondsgebundene und damit riskantere Alternative mit höherer Rendite. Experten empfehlen eine Beratung, um das passende Modell für sich zu wählen. Besonders lohnt sich diese Altersvorsorge, wenn die staatlichen Zulagen voll ausgenutzt werden können. Dafür müssen Erwerbstätige mindestens vier Prozent ihres rentenversicherungspflichtigen Einkommens einzahlen.
Allerdings gibt es auch Kritik an den Vorsorgesystemen Rürup und Riester. Anlagen in ETFs, Aktien oder Immobilien können, je nach Risikoschichtung und persönlicher finanzieller Situation, als private Altersvorsorge ebenfalls sinnvoll sein. Eine betriebliche Altersvorsorge kann sich für viele Menschen lohnen, denn hier können Angestellte steuer- und sozialabgabenbegünstigt für die Rente sparen. Selbst kurz vorm Ruhestand lässt sich noch an bestimmten Stellschrauben drehen, um das Maximum an Rente herauszuholen, raten Experten. Laut einer YouGov-Studie im Auftrag von Clark kann es sich jeder fünfte Mensch in Deutschland allerdings nicht leisten, für das Alter vorzusorgen.