Das plant Konzernchef
VW-Kehrtwende: Warum der Verbrenner beim Elektroauto plötzlich doch sinnvoll ist
Ab 2035 verbietet die EU alle neuen Benzin-, Diesel- und Hybridautos. Dennoch sehen Hersteller eine Zukunft für Verbrenner. So auch VW bei seinen Elektroautos.
Wolfsburg – Alles neu – oder zumindest anders – macht Oliver Blume bei Volkswagen (VW). Seit September 2022 hat der 54-Jährige die Führung über Europa größten Autohersteller inne. Viele Projekte seines Vorgängers Herbert Diess hat Blume geändert oder vorerst auf Eis gelegt. Beispielsweise wurde die Elektroauto-Plattform Trinity komplett umgemodelt. „Die bisherigen Designentwürfe eines flachen Tesla-Jägers wurden jetzt sang- und klanglos eingestampft: zu brav, zu wenig innovativ, zu verwechselbar“, berichtete die Automobilwoche.
Die signifikant größte Änderung könnte aber sein, dass VW nicht mehr allein auf Batteriebetrieb setzt. Sondern, „dass wir die Verbrenner vorerst im Markt lassen“, so Blume im Gespräch mit Auto Motor & Sport. Doch warum?
VW vollzieht Kehrtwende: Trotz EU-Verbot ab 2035 will Volkswagen auf Verbrenner beim E-Auto setzen
Laut Blume wolle man die Verbrenner im Markt lassen, „weil sie in vielen Weltregionen sehr beliebt sind“. Und gleichzeitig sei es das Vorhaben, „Interesse und Absatz der vollelektrischen Modelle“, also von VW-Elektroautos, zu steigern. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger Herbert Diess war Blume schon immer ein Fan von E-Fuels. Damit sind neuartige Klima-Kraftstoffe gemeint, mit denen die CO₂-Bilanz von Verbrennern verbessert wird.
Es seien vor allem die Millionen Autos, die längst auf den Straßen fahren, die von den E-Fuels profitieren würden. „Ottomotoren können mit ihnen nahezu CO₂-neutral betrieben werden. So können alle Fahrzeuge ihren Teil dazu beitragen, CO₂ zu reduzieren – unabhängig von der Antriebsart“, so der Chef vom in Wolfsburg (Niedersachsen) ansässigen Automobilhersteller gegenüber Auto Motor & Sport. Darüber hinaus würden sich E-Fuels „als Wasserstoff-Derivat hervorragend mit fossilen Kraftstoffen mischen“ lassen. Und jedes Prozent Beimischung sei ein Beitrag zum Klimaschutz.
Was VW-Chef Oliver Blume für die Zukunft seiner E-Autos plant – und was gegen dieses Vorhaben spricht
Konkret hat VW-Chef Blume, der auch Vorstandsvorsitzender der Porsche AG (seit 2009 Teil von VW) ist, weniger Volumenmodelle im Blick als vielmehr die Sportwagen von Porsche. Zudem dürfte sich am europäischen Modell-Portfolio wegen des Verbrenner-Verbots der Europäischen Union (EU) ab 2035 nichts ändern. Doch hätte Blume die weltweiten Märkte fest im Blick.
Damit ist der VW-Chef aber nicht allein. Das wiederum führt zu Zweifeln an der Machbarkeit einer reinen Elektro-Strategie. Schon Carlos Tavares, Chef des europäisch-US-amerikanischen Automobilherstellers Stellantis mit Marken wie Peugeot, Fiat, Opel und Jeep, hatte Folgendes betont: Die E-Mobilität werde vor allem politisch forciert und die in sie gesetzten Hoffnungen könnten einer realen Emissionsminderung nicht nachkommen.
Klima-Kommissar will Verbrenner im Optimalfall schon 2026 beerdigen
Bei Toyota verhält es sich ähnlich, wo man derzeit nicht plant, auf seine erfolgreichen Hybridantriebe auf allen Weltmärkten zu verzichten. Und sogar innerhalb der EU gibt es zunehmend Zweifel daran, ob das angepeilte, radikale Aus vom Verbrenner tatsächlich realistisch ist. EU-Kommissions-Vizepräsident und Klima-Kommissar Frans Timmermans gilt hierbei als der größte Verteidiger vom „Elektro-Only“-Kurs.
Wie Focus Online berichtet, hätte Timmermanns in Gesprächen mit Managern großer Autohersteller bereits bekräftigt, den Verbrenner so früh wie möglich ad acta legen zu wollen. Optimalerweise solle das schon 2026 durch entsprechende Abgasvorschriften, welche die Zulassung von neuen Benzinern quasi unmöglich machen, geschehen.
„Enormer Rohstoffverbrauch“: EU-Binnenmarktkommissar schlägt wegen „Elektro Only“-Kurs Alarm
Zu mehr Vorsicht rät indes EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton. Er hatte bereits davor gewarnt, dass der Wechsel zur reinen Elektromobilität mehr als 600.000 Arbeitsplätze zerstören werde. Zudem würde sich Europa zu sehr von Rohstoffen aus Asien – vor allem China – abhängig machen. Man werde schon 2030, also fünf Jahre vor dem geplanten Verbrenner-Verbot in der EU, die 15-fache Menge an Lithium, die vierfache Menge an Kobalt und Graphit sowie die dreifache Menge an Nickel benötigen.
„Ein enormer Rohstoffverbrauch“, wie der Franzose anmerkte. Hinzu komme, dass man 20 bis 25 Prozent mehr Strom benötige. Dessen Produktion mit Gas oder Kohle würde unter Klimagesichtspunkten jedoch keinerlei Sinn ergeben. Denn selbst, wenn dieser Strom sauber erzeugt wird, seien Elektroautos an Emissionen beteiligt. Und zwar durch die erhöhten Partikelemissionen durch Reifen und Bremsen, so Breton.
Absatz von E-Autos in Deutschland klettert 2022 um fast 23 Prozent
Für Deutschland, einem der aktivsten Treiber hinter dem Verbrenner-Verbot, ist festzuhalten: Auch hier wird sich die CO₂-Bilanz des E-Autos zumindest vorläufig verschlechtern. Schließlich schaltet die Politik in Form der Bundesregierung im Frühjahr 2023 alle Kernkraftwerke ab, die CO₂-armen grünen Strom liefern. Wegen der reduzierten Gas-Lieferungen aus Russland, muss daher wieder verstärkt auf Kohle-Verstromung gesetzt werden.
Derweil ist der Absatz von E-Autos in der Bundesrepublik 2022 um fast 23 Prozent gestiegen. Laut Daten des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) von Januar bis November 2022 waren 28 Prozent aller in Deutschland neu zugelassenen Autos entweder Elektro-PKW oder Plug-in-Hybride. Nur mit Batterie wären knapp 15,7 Prozent aller Neuwagen gefahren. Das ergibt konkret einen Zuwachs von 22,7 Prozent im Vergleich zu 2021.