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Fragen an einen Psychoanalytiker: Wann brauche ich eine Therapie?
Deutschlandweit erkranken immer mehr Menschen an Depressionen. In Niedersachsen sind die Zahlen besonders hoch. Doch wann brauche ich psychische Hilfe?
Die Zahl der Patienten mit Depressionen in Deutschland nimmt seit Jahren zu. Laut einer Statistik der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) sind besonders die Diagnosen von wiederkehrenden Depressionen stark gestiegen – von 2011 auf 2021 bundesweit um rund 71 Prozent. Laut der Statistik ist die Zahl der Diagnosen in Niedersachsen im gleichen Zeitraum um 83 Prozent gestiegen. Damit liegt Niedersachsen deutlich über dem bundesweiten Schnitt. Den deutschlandweit höchsten Wert verzeichnet mit fast 112 Prozent das Bundesland Baden-Württemberg, den niedrigsten mit 39 Prozent Hamburg. Doch nicht alleine Depressionen sind ein Problem, auch andere seelische Erkrankungen nehmen immer mehr zu.
Brauche ich eine Therapie? Immer mehr Menschen leiden an psychischen Problemen
Vielen Menschen geht es so: Gerade in den Wintermonaten fühlen wir uns dauerhaft erschöpft, hinzu kommen Erkältungen, die den Körper lahmlegen. Aber wir können unseren Körper und Geist mit kleinen Tricks wieder aufwecken. Doch bei manchen reicht das nicht. Wie Menschen erkennen, ob sie wegen psychischer Probleme eine Therapie brauchen.
Wann brauche ich psychische Hilfe? Psychoanalytiker: „Es gibt die absolute Gesundheit aus meiner Sicht nicht“
Wenn Sie im Alltag Menschen kennenlernen: Halten Sie die meisten Menschen für seelisch gesund?
Seelisch gesund ist eine weite Beschreibung. Es gibt die absolute Gesundheit aus meiner Sicht nicht, so wie es keine absolute Wahrheit gibt. Wenn die Spannungszustände positiv reguliert werden können, würde ich das als Gesundheit bezeichnen.
Gab es schon Menschen, die sie nach Hause geschickt haben, weil das Problem nicht „schlimm genug“ für eine Therapie war?
Es passiert eher selten, dass ich jemanden nach Hause schicke - direkt ohnehin nicht. Wenn ich mir unsicher bin, ob eine Therapie nötig ist, schauen wir in Vorgesprächen, ob das Leben das Problem heilt. Wenn das nicht der Fall ist, melden sich manche wieder. Ich lasse meinen Patientinnen und Patienten offen, sich wieder bei mir zu melden.
Wartezeit Therapieplatz: Bevor es psychologische Hilfe gibt, müssen sich Betroffene um Plätze kümmern
Wann ist ein Problem schwerwiegend „genug“ für eine Therapie?
Das hängt ab vom Leidensdruck, der Krankheitseinsicht und der Therapiemotivation. Wenn etwa eine Person kommt, die in einem Trennungskonflikt lebt und sich nicht sicher ist, ob sie die Beziehung weiter geht. Das sind alles Faktoren, die therapeutisch anzugehen sind. Besonders interessant ist, was es mit der Vorgeschichte der Person zu tun hat. Bei einer Psychotherapie sollte der oder die Betroffene krank genug, aber auch stark genug sein. Weil eine Therapie auch eine Belastung ist. Das setzt voraus, dass betroffene Personen auch Durchhaltevermögen und Standfestigkeit haben.
Können Beziehungen durch eine Therapie gerettet werden?
Wenn ein Paar dadurch erkennt, dass sie noch Ressourcen haben, dann kann eine Therapie helfen. Ein Angehörigengespräch oder eine Paartherapie kann förderlich sein. Oftmals ist es am sinnvollsten, wenn beide eine Therapie machen. Das heißt aber nicht, dass wir Therapeuten und Therapeutinnen Retter sind. Wir geben nur die Anstöße. Eine Beziehung aber um jeden Preis zu retten, halte ich dennoch nicht für richtig. Neutralität und Kompetenz sind die wichtigsten Komponenten in meiner Arbeit.
Brauche ich psychologische Hilfe? Wann der Gang zum Therapeuten sinnvoll ist
Was unterscheidet jemanden, der zum Therapeuten geht, von einer Person, die keinen so großen Leidensdruck empfindet?
Es gibt auch Menschen, die gut mit ihrem Leben und dessen Herausforderungen umgehen können. Nicht jede Person muss eine Therapie machen. Es hängt sehr von der Lebensgeschichte und dem persönlichen Schicksal ab, ob jemand eine Therapie braucht oder nicht. Menschen, die in ihren frühen Jahren Gewalt erleben, haben eine andere Vorgeschichte als solche, die mit viel Wärme aufgewachsen sind. Es gibt aber auch Menschen, die selbst nicht leiden, aber deren Umfeld. Hier kann eine Therapie auch ratsam sein.
Würde jeder Person eine Therapie guttun?
Die Selbsterfahrung kommt durch das Leben. Psychologie kann eine Lebenshilfe sein, ist aber nicht die einzige Lebenshilfe. Menschen können sich in verschiedenen Bereichen erfahren. Sie heilen sich durch ihr soziales Netz, Aktivitäten, Selbstverantwortung oder durch ihren Beruf. Eine reflektierte Haltung ist wichtig. Die Eigenschaft von außen auf uns zu schauen und von innen auf die anderen.
Indikator für psychische Not: Wenn die Neugierde am Leben verloren geht
Bin ich psychisch gesund, nur weil ich mich so wahrnehme?
Das ist nicht immer der Fall. Am sozialen Netz lässt es sich gut prüfen. Habe ich eine positive Wirkung auf andere und haben andere umgekehrt eine positive Wirkung auf mich? Manchmal leidet das Umfeld unter einer Person, die es nicht wahrhaben will. Selbstschutz zulasten der Umgebung sozusagen.
Wie kann ich selbst einschätzen, ob ich psychisch gesund bin oder nicht?
Absolute Gesundheit gibt es nicht. Wir leben alle mit Spannungszuständen. Wenn sich jemand lebendig fühlt, dem Leben spielend begegnen kann, eine Beziehung zu Körper und Geist hat und genussfähig ist – dann ist das gesund. Dazu gehört auch, fähig zu sein, intime Beziehungen einzugehen und alleine Zeit zu verbringen. Seelisch gesund sind Personen, die mit Konflikten umgehen können und Lösungen finden. Auch der geistige Anspruch spielt eine wichtige Rolle, weil wir Wesen sind, die geistige Nahrung brauchen. Wenn die Neugierde am Leben verloren geht, ist das ein Indikator, dass etwas nicht stimmt.
Körperliche Krankheiten stehen deutlich mehr im Vordergrund. Seelische Erkrankungen kämpfen nach wie vor um ihre Gleichberechtigung, auch wenn in den letzten Jahren schon Fortschritte erkämpft wurden.
Auch wenn die Frage möglicherweise etwas spitzfindig ist: Wen finden Sie privat in der Regel spannender – psychisch erkrankte Menschen oder gesunde?
Das würde ich nicht davon anhängig machen. Ich finde Menschen spannender, die sich selbst hinterfragen können. Die eine Fähigkeit zur Selbstironie und eine reflektierte Haltung besitzen.
Wer einen psychischen Leidensdruck empfindet, muss in der Regel viel länger auf den Beginn einer Psychotherapie warten als auf jeden anderen Arzttermin. Was denken Sie: Nimmt die Politik mentale Erkrankungen genauso ernst wie körperliche?
Körperliche Krankheiten stehen deutlich mehr im Vordergrund. Seelische Erkrankungen kämpfen nach wie vor um ihre Gleichberechtigung, auch wenn in den letzten Jahren schon Fortschritte erkämpft wurden. Eine Psychotherapie ist sehr aufwendig und eher mit einer geplanten Operation zu vergleichen, als mit einem Termin beim Arzt. Auch in der Chirurgie sind Eingriffe mit längeren Wartezeiten verbunden. Die Situation ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht schlecht, die Krankenkassen übernehmen die Kosten oft. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch besser ginge.
Die Suche nach einem Therapieplatz kann in Deutschland sehr langwierig sein. Im Durchschnitt warten Hilfe suchende Menschen fünf Monate darauf. Woran es liegt und was sich verändern muss. Berin Siner (23) aus Leipzig hat schon mehrere Therapien hinter sich, mit 14 Jahren war sie das erste Mal bei einer Psychotherapeutin. Sie weiß, wie schwierig die Suche nach Hilfe ist.
Zur Person: Karl-Heinz Bomberg ist deutscher Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Anästhesie und Intensivmedizin. Seinen Schwerpunkt legt er unter anderem auf analytische Psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Wie er auf seiner eigenen Webseite bekannt gibt, beschäftigt er sich auch intensiv mit Haftopfern aus der Zeit der DDR.