Aufwärtsspirale

2,44 Euro pro Liter: Reiches Tank-Regel treibt eigene Partei auf die Barrikaden

Seit dem 1. April dürfen Tankstellen Preise nur noch einmal täglich erhöhen. Das Ergebnis: Diesel und Benzin werden noch teurer. Die Bundesregierung hat den Ölkonzernen eine Steilvorlage geliefert.

Die Bundesregierung wollte Autofahrer entlasten – und erreichte das Gegenteil. Seit Anfang April gilt eine neue Regel: Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich um 12 Uhr erhöhen. Das Vorbild kam aus Österreich, die Umsetzung entpuppte sich als Desaster.

Die Spritpreise steigen weiter – Superbenzin der Sorte E10 ist nur noch eine Winzigkeit vom Allzeithoch entfernt. (Archivbild)

Statt kleiner, häufiger Anpassungen knallen die Ölkonzerne jetzt täglich massive Aufschläge durch. Diesel erreichte am Ostersonntag ein Allzeithoch von 2,440 Euro pro Liter im Tagesdurchschnitt. Super E10 kostete 2,191 Euro – nur noch 1,9 Cent vom Rekord 2022 entfernt. Die Mineralölkonzerne haben verstanden: Eine Chance pro Tag bedeutet maximale Ausnutzung dieser Chance.

Österreich-Modell wird zum Bumerang

Der ADAC zieht ein vernichtendes Fazit. Die Befürchtung, dass Konzerne die einmalige Erhöhungsmöglichkeit für einen Risikozuschlag nutzen, bestätige sich zusehends. Christian Laberer, Kraftstoffmarkt-Experte beim Automobilclub, bringt es gegenüber dem Spiegel auf den Punkt: Früher ärgerten sich Autofahrer über einen Cent mehr nach dem App-Vergleich.

Heute sorge die einmalige Erhöhung dafür, dass das Preisniveau insgesamt höher liege. Die Rechnung ist simpel: Vor Einführung der Regel kostete Super E10 im Tagesdurchschnitt 2,087 Euro, Diesel 2,295 Euro. Jetzt liegen beide Sorten deutlich darüber – trotz oder gerade wegen der Regulierung.

Iran-Krieg treibt Rohölpreis auf 111 Dollar

Die geopolitische Lage verschärft die Situation. Der Iran-Krieg blockiert die Straße von Hormus am Persischen Golf – kaum noch ein Schiff passiert diesen Engpass. Öl und Gas aus der Region bleiben hängen, die Weltmarktpreise explodieren. Rohöl der Nordseesorte Brent kletterte auf über 111 Dollar je Barrel.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Partner Business Punk

Das sind fast 40 Dollar mehr als vor Kriegsbeginn. Die Mineralölkonzerne nutzen diese Verknappung schamlos aus: Am Ostersonntag erhöhten sie Super E10 um 7,1 Cent auf 2,239 Euro, Diesel um 7,3 Cent auf 2,488 Euro. Am Ostermontag folgten weitere 6,6 Cent Aufschlag bei beiden Sorten.

Wirtschaftsministerin Reiche unter Beschuss

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gerät zunehmend unter Druck – auch aus der eigenen Partei. Ihre Antwort auf die Preisexplosion: eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels, kontert scharf.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gerät zunehmend unter Druck.

Diese Maßnahme gehe an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei, helfe nicht unmittelbar und benachteilige Geringverdiener. Seine Forderung: Mehrwertsteuer auf Lebensmittel auf null Prozent, ein Mobilitätsgeld von 500 Euro jährlich für Arbeitnehmer unterhalb von 60 Prozent des Medianeinkommens sowie ein Kinderzuschlag von 100 Euro.

Polen zeigt, wie es funktioniert

Der ostsächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Florian Oest legt nach. Eine Anhebung der Pendlerpauschale komme erst im nächsten Jahr im Portemonnaie an – das sei zu wenig. Sein Drei-Säulen-Modell orientiert sich an Polen: temporäre Steuersenkungen auf Kraftstoff bis zum EU-Minimum, Aussetzung der CO₂-Bepreisung und eine staatlich festgelegte Preisobergrenze.

Letztere verhindert, dass Mineralölkonzerne Steuersenkungen einfach einstecken. In Polen zeigen die Maßnahmen bereits konkrete Wirkung – Deutschland diskutiert derweil weiter.

Taskforce prüft Übergewinnsteuer

Die Koalitionsfraktionen haben eine Taskforce eingesetzt, die bis kommenden Freitag Ergebnisse liefern soll. Auf dem Tisch liegen eine Übergewinnsteuer auf kriegsbedingte Profite, ein an den Ölpreis gekoppelter Spritpreisdeckel sowie Senkungen bei Energie- und Stromsteuer.

Vizekanzler Lars Klingbeil macht mit Kollegen aus Österreich, Italien, Portugal und Spanien Druck in Brüssel: Wer vom Krieg profitiere, solle einen Beitrag leisten. Das Bundeskartellamt erhielt erweiterte Befugnisse – Unternehmen müssen Preissteigerungen künftig sachlich rechtfertigen. Unmittelbar am 1. April forderte die Behörde von der Mineralölwirtschaft konkrete Antworten.

Business Punk Check

Die Bundesregierung hat Wirtschaftspolitik auf Anfängerniveau abgeliefert. Eine Regel aus Österreich kopieren, ohne die Marktmechanismen zu durchdenken – das rächt sich jetzt brutal. Die Mineralölkonzerne haben die Lücke sofort erkannt und nutzen sie gnadenlos aus. Statt vieler kleiner Preisanpassungen gibt es jetzt täglich einen Preishammer um 12 Uhr.

Das Ergebnis: Diesel auf Allzeithoch, Super E10 kurz davor. Der ADAC fordert zu Recht das Eingreifen von Bundeskartellamt und Länderbehörden. Die eigentliche Frage lautet: Warum orientiert sich Deutschland nicht an funktionierenden Modellen? Polen zeigt seit einer Woche, wie es geht – temporäre Steuersenkungen kombiniert mit staatlicher Preisobergrenze.

Spritschleudern der Autogeschichte: 43,5 Liter auf 100 Kilometer

Ein Chevrolet Camaro.
Mit dem Camaro reagierte Chevrolet Ende 1966 auf den beleibten Ford Mustang. Das Muscle Car aus Detroit erwies sich mit dem V8-Motor und 7 Litern Hubraum jedoch als sehr durstig: Bis zu 43,5 Liter auf 100 Kilometern waren keine Seltenheit. © Chevrolet
Ein roter Lamborghini Countach.
Im Heck des ersten Lamborghini Countach verrichtete ein V12-Motor mit 5 Litern Hubraum seinen Dienst. Mit bis zu 33,5 Litern auf 100 Kilometern war der Sportwagen jedoch alles andere als sparsam. Die Neuauflage dürfte dank Hybrid-Antrieb deutlich weniger verbrauchen. © Thomas Zimmermann/Imago
Rolls Royce Corniche Cabrio Baujahr 1984
Der Rolls-Royce Corniche ist mit rund drei Tonnen wahrlich kein Leichtgewicht. Kein Wunder also, dass sich auch der V8-Motor mit 7 Litern Hubraum als Schluckspecht erwies. Bis zu 29 Liter gönnte sich der edle Brite auf 100 Kilometer. © Sebastian Geisler/Imago
Ein Dodge Charger.
Auch der Dodge Charger ist ein Klassiker der amerikanischen Automobil-Geschichte. Getreu dem Motto „Höher, schneller, weiter“ fällt auch sein Spritverbrauch üppig aus. Bei frühen Modellen waren bis zu 27 Liter auf 100 Kilometer möglich. © Panthermedia/Imago
Aston Martin Lagonda
Optisch kann man vom Aston Martin Lagonda halten, was man möchte. In Sachen Spritverbrauch zählt der Brite, mit bis zu 26,1 Liter auf 100 Kilometern, aber zu den durstigsten Autos, die jemals gebaut wurden.  © Tim Graham/Imago
Hummer H1
Der Hummer H1 wurde ursprünglich vom US-amerikanischen Militär-Herstellers AM General gebaut. Dieser verkaufte die Markenrechte schließlich an General Motors. So wuchtig wie der Geländewagen aussieht, war auch sein Verbrauch, der bei bis zu 24,5 Liter auf 100 Kilometer lag. Die Neuauflage des Klassikers ist im übrigen rein elektrisch unterwegs. © Sebastian Geisler/Imago
Bentley Arnage
Bis 2010 baute Bentley den 2,6 Tonnen schweren Arnage, auf dem auch die State Limousine der verstorbenen Königin Elisabeth II basierte. Mit dem größten Motor war ein Verbrauch von 24,2 Liter auf 100 Kilometer möglich.  © Sebastian Geisler/Imago
Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport L Edition Type 35
Der Bugatti Veyron war eines der ersten Autos mit Straßenzulassung, das mehr als 1000 PS unter der Haube hatte. Der Motor des „Super Sport“ leistete sogar 1.200 PS. Die Folge: ein Verbrauch von durchschnittlich 24,1 Litern auf 100 Kilometer. Innerorts sind sogar bis zu 37,2 Liter möglich. © Sebastian Geisler/Imago
Dodge Challenger RT
Neben dem Charger eroberte Dodge auch mit dem Challenger den US-Muscle-Car-Markt. Letztere zeigte sich mit einem Verbrauch von 23,5 Litern auf 100 Kilometer etwas „sparsamer“. © Andre Poling/Imago
Dodge Viper RT10
Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Das gilt auch für Dodge, denn auch die Viper erweist sich als besonders durstig: bis zu 21,1 Liter auf 100 Kilometer waren möglich. Gebaut wurde der Sportwagen von 1992 bis 2017. © Eibner/Imago

So fließen Entlastungen direkt zu den Verbrauchern statt in die Kassen der Ölkonzerne. Luxemburg und Belgien haben ähnliche Mechanismen etabliert. Deutschland diskutiert derweil über Pendlerpauschalen, die erst 2027 wirken. Wirtschaftsministerin Reiche verliert die Unterstützung der eigenen Partei – zu Recht. Die Taskforce muss bis Freitag liefern. Übergewinnsteuer, Spritpreisdeckel und Aussetzung der CO₂-Bepreisung sind die richtigen Hebel. Alles andere ist Symbolpolitik.

Rubriklistenbild: © IMAGO

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Die 15 schönsten Badeseen in Niedersachsen – Urlaubsfeeling garantiert!

Die 15 schönsten Badeseen in Niedersachsen – Urlaubsfeeling garantiert!

13 Kräuter für Sonne und (Halb-)Schatten

13 Kräuter für Sonne und (Halb-)Schatten

Himmelsspektakel mit Vanillekipferl

Himmelsspektakel mit Vanillekipferl

Das sind die 12 größten Unternehmen aus Bayern

Das sind die 12 größten Unternehmen aus Bayern

Kommentare