„Deutsche Marotte“

In anderen Ländern normal: Daran scheitern Deutsche im Restaurant

Wenn die Deutschen in anderen Ländern Urlaub machen, löst eine Gewohnheit in den Restaurants Stress aus. Eine Expertin erklärt, wieso andere entspannter sind.

Für viele Menschen ist es gesellig, sich beim Essengehen Gerichte zu teilen, bei anderen scheint an diesem Punkt die Freundschaft jedoch aufzuhören. Konzepte wie Mezze oder Tapas sind in anderen Ländern sehr beliebt oder teils sogar der Standard in Restaurants. Viele Deutsche tun sich damit jedoch schwer und bevorzugen oft, dass jeder sein eigenes Gericht bestellt und auch nur dieses zahlt. Auf Social Media wird über diese deutsche Eigenheit diskutiert.

In einem TikTok-Video parodiert eine Creatorin, wie unwohl sich einige Deutsche fühlen, wenn sie ihr Essen teilen. In den Kommentaren bestätigen viele dieses Gefühl: „Ich versuche immer, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich hasse es, Essen zu teilen“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer kommentiert: „Ich will nur das essen, was ich mir aussuche. Und davon auch alles.“ Und ein weiterer User findet die Abneigung gegen das Teilen „schrecklich traurig, aber so unglaublich deutsch.“ Für einige kommt es auf die Gerichte an: „Pizza und Pommes sind okay, aber alles andere absolut nicht“.

Fünf Gerichte, die Sie Küchenchefs zufolge nie im Restaurant bestellen sollten

Meeresfrüchte Garnelen Spießchen Teller.
Sie essen gerne Meeresfrüchte, wie beispielsweise Garnelen oder Shrimps? Oder darf es gerne auch einmal ein lecker zubereiteter Fisch sein? Fein, greifen Sie im Restaurant ruhig zu. Aber seien Sie skeptisch bei Tagesgerichten oder Spezialgerichten – ganz besonders montags. © Oleksandr Latkun/imageBROKER/Imago
Ansicht von oben Meeresfrüchte mit Zitronenaustern.
„Spezialgerichte sind bei Restaurants knifflig. Es könnte das frischeste und leckerste Essen sein, aber in manchen Restaurants sind diese Tagesgerichte eine Notlösung, um die Kühlschränke zu leeren.“, sagt Silvia Barban, Chefköchin bei Aita und LaRina gegenüber Business Insider. © Oleksandr Latkun/imageBROKER/Imagp
Beef Strip Steak medium rare auf einem Teller.
Auch auf gut durchgebratenes Fleisch sollten Sie im Restaurant nach Möglichkeit besser verzichten. Denn bei „medium rare“ (siehe Foto), also nicht vollständig durchgebraten, gebe man sich mehr Mühe. Außerdem ist nicht gänzlich durchgebratenes Fleisch häufig frischer als durchgebratenes. © Aleksei Isachenko/imageBROKER/Imago
Scheiben eines gegrillten Steaks auf einem Teller.
Meint zumindest James Briscione, Director of Culinary Research am Institute of Culinary Education, im Gespräch mit Business Insider: „Meistens heben sie die schlechteren Stücke (dünne, härtere Stücke) auf, um sie gut durchzubraten. Allgemein wird sich bei gut durchgebratenem Fleisch weniger Mühe gegeben.“ © Bernd Juergens/Imago
Weißer Trüffel.
Haben Sie im Restaurant schon einmal ein Gericht mit Trüffelöl bestellt? Dem Bericht des Business Insiders zufolge besteht dieses nur in seltenen Fällen aus echten Trüffeln. Vielmehr sei es ein Gemisch aus Chemikalien, die nach Trüffeln schmecken sollen. © Fotografie Lisa + Wilfried Bahnmüller/imageBROKER/Imago
Trüffel und Trüffelöl.
James Briscione rät von Trüffelöl-Speisen ab: „Die Chancen stehen gut, dass der nachgemachte Trüffel-Geschmack auffallend stark sein wird, und die Tropfen Trüffelöl für 20 Cent, die auf euren Teller getröpfelt werden, werden das Gericht unglaublich viel teuer machen.“ © Brebca/Imago
Burger mit Pommes.
Auch von aufwändig kreierten Burger-Spezialitäten rät der Profi ab: „Wenn Köche teure Zutaten aufeinanderstapeln, ist das nur, damit sie euer Geld stehlen können.“  © Oleksandr Latkun/imageBROKER/Imago
Burger.
Seiner Ansicht nach bestehen gute Burger aus „ordentlichen Scheiben Fleisch wie Rindernacken, Bruststück oder Rippchen.“ Teures Fleisch zu zermalmen, sei Verschwendung. © Oleksandr Latkun/imageBROKER/Imago
Miesmuscheln in Eis.
„Ich bestelle niemals Miesmuscheln in Restaurants“, sagt Mary Dumont, Köchin und Geschäftsführerin von Cultivar in Boston im Interview mit Business Insider. Sie ergänzt, dass trotz richtiger Lagerung und Zubereitung eine „schlechte Muschel“ dabei sein könne, was eine Lebensmittelvergiftung nach sich ziehen kann. © Harald Biebel/Imago
Miesmuscheln.
Der Koch Anthony Bourdain teilte diese Meinung. In seinem Buch „Kitchen Confidential“ schrieb er einst, dass er nur Miesmuscheln bestelle, wenn er den Koch persönlich kenne.  © Michael Gstettenbauer/Imago

Expertin: Teilen von Essen im Restaurant ist in anderen Ländern kulturell verankert

Insgesamt scheint es mehrere Störfaktoren beim Teilen zu geben: Einige Menschen haben die Sorge, zu wenig Essen zu bekommen und am Ende hungrig nach Hause gehen zu müssen. Andere wiederum können sich nicht entspannen, da sie darauf achten, nicht „zu viel“ zu essen. Auch die Hygiene scheint für einige Menschen ein Nachteil beim Teilen zu sein: „Sobald jemand mit seinem Besteck in mein Essen will, ist’s vorbei“, schreibt jemand bei TikTok. Auch das Aufteilen der Rechnung wird durch das Teilen von Gerichten komplizierter.

Wir haben die Soziologin und Expertin für Ernährung im Lebensverlauf, Alexandra Sept, gefragt, ob es stimmt, dass wir uns in Deutschland mit mehreren Gerichten „in der Mitte“ schwertun. „Das ist auf jeden Fall so“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA, „in Deutschland teilt man nicht so gern Gerichte“. Vergleicht man die deutsche Esskultur zum Beispiel mit der in südeuropäischen Ländern, falle der Unterschied deutlich auf: „In Frankreich, Italien oder Spanien ist das Teilen von Gerichten kulturell stärker verankert“, sagt Sept.

Bei jungen Menschen der Gen Z in Deutschland seien Restaurants, in denen Gerichte geteilt werden, zwar zunehmend beliebt. Dass sich diese Esskultur grundsätzlich stärker etabliert, würde jedoch mehr als eine Generation dauern, erklärt die Expertin.

In Deutschland hat am liebsten jeder sein eigenes Gericht.

Menschen in anderen Kulturen geben mehr Geld für Essen und Restaurantbesuche aus

Teilen sei nicht nur in Südeuropa, sondern auch in anderen Kulturen weltweit üblich: „In asiatischen Ländern bestellen die Menschen oft Essen, das in der Mitte des Tisches steht, sodass sich jeder nehmen kann, was er oder sie mag.“ Sind Deutsche im Urlaub in diesen Ländern, fällt es ihnen teilweise schwer, sich an die Esskultur des Teilens zu gewöhnen. Hierzulande sei es in „vielen Köpfen noch so verankert, dass jeder für sich bestellt, was er oder sie am liebsten mag“, sagt Sept. „Das ist eine typisch deutsche Marotte.“

Dies sei historisch und kulturell so gewachsen, denn vieles finde hier eher im Privaten statt. „Deutschland ist weniger café-orientiert als andere Kulturen. Das merkt man vor allem, wenn man ins Ausland reist“, erklärt Sept. Dort seien die Cafés voller und es gebe mehr gastronomische Betriebe. Zudem würden Menschen in anderen Kulturen generell mehr Geld für Essen ausgeben und häufiger Essen gehen. Die Expertin weist aber auch darauf hin, dass dies in anderen Ländern zwar im Durchschnitt ausgeprägter sei, es jedoch auch über all „regional und sozial unterschiedliche Esskulturen“ gebe.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Depositphotos

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