Rollenbilder
Hausfrau-Revival der Gen Z: Was den Tradwife-Trend zunehmend beängstigend macht
Die Tradwife-Bewegung wirkt wie ein nostalgischer Lebensstil, der Frauen glücklich macht und das Bild einer Hausfrauenidylle zelebriert. Doch was passiert, wenn daraus ein vermeintlich moralisch überlegener Lebensentwurf wird?
Wieder ein Trend, der sich über TikTok und Instagram verbreitet. Wieder diese perfekt inszenierten Bilder, die uns ein Gefühl von Harmonie und Einfachheit verkaufen wollen. Doch hinter der Tradwife-Bewegung steckt mehr als schicke Küchen, selbstgebackenes Brot und pastellfarbene Kleider. Hinter den romantisierten Bildern von Frauen, die ihr Leben als glückliche, traditionelle Hausfrauen führen, steckt mehr als ein kurzlebiger Social-Media-Trend, der in sechs Monaten wieder vergessen sein wird.
Doch was genau ist eine Tradwife? Ist es nur ein nostalgischer Lebensstil oder ein bewusstes politisches Statement? Und warum finden gerade junge Frauen in Zeiten von Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung Gefallen an einem Rollenbild, das aus heutiger Sicht veraltet und überholt wirkt?
Was ist eine Tradwife?
Die Tradwife-Bewegung, ein Begriff, der sich von „traditional wife“ (traditionelle Ehefrau) ableitet, beschreibt Frauen, die ein traditionelles Rollenbild leben und zelebrieren: Sie begeben sich bewusst in die Rolle der Hausfrau und Mutter, verzichten auf Karriereambitionen und überlassen Entscheidungen meist ihrem Mann. In den sozialen Medien, vor allem auf Tiktok, setzen sie ihr Lebensmodell ästhetisch und harmonisch in Szene.
Typische Inhalte sind Backrezepte, Tipps zum Verwöhnen des Ehemannes oder Schminkanleitungen, damit der Partner als schöne Frau nach Hause kommt. Der Fokus liegt dabei häufig auf dem Schönen und Angenehmen im Alltag, was das Bild der perfekten Hausfrau und Mutter verstärkt, während die damit oft verbundenen sozialen und politischen Implikationen nur selten thematisiert werden.
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Woher kommt der Tradwife-Trend?
In einer von Krisen und Unsicherheit geprägten Welt bietet die Tradwife-Bewegung vielen Frauen eine scheinbare Stabilität und Klarheit. „Wir leben in Zeiten multipler Krisen und mitten in der Digitalisierung“, sagt Lea Lochau von der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus der Amadeu-Antonio-Stiftung. „Trends wie diese gehen viral, werden überregional und global geteilt. Jugendliche greifen diese Phänomene auf und wollen Teil davon sein.“
Die Tradwife-Bewegung ist mehr als Nostalgie. Sie ist Ausdruck eines Rückzugs in vermeintlich klare und stabile Geschlechterrollen – ein Rückzug, der gerade in unsicheren Zeiten attraktiv erscheint.
Lea Lochau beschreibt das Phänomen als „eine Art Comeback der amerikanischen, weißen Hausfrau der 50er Jahre“. Warum gerade die 50er Jahre so romantisiert werden, ist leicht nachzuvollziehen. Im Rückblick wird diese Epoche oft als „einfache“ Zeit verklärt, in der die Geschlechterrollen vermeintlich klar waren und Bilder einer perfekten Kleinfamilie medial und kulturell propagiert wurden. Dieses Lebensmodell sollte Stabilität in die zerrütteten Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg bringen.
Vor allem in Amerika war das Hausfrauenideal präsent, und von dort kommt auch seine Renaissance in den sozialen Medien. Lea Lochau sieht den Ursprung des Phänomens in der amerikanischen Alt-Right, also in christlich-fundamentalistisch geprägten rechtsextremen Aktivist*innen. Auch wenn sich das Phänomen mittlerweile über nationale Grenzen hinweg ausgebreitet hat und in verschiedenen ideologischen Kontexten zu finden ist, bleibt die enge Verbindung zu konservativen Werten und oft auch zum Rechtspopulismus bestehen. Dies ist der erste Störfaktor im sonst so harmlosen und idyllischen Bild der Tradwives“.
Konservatismus und Feminismus?
Konservative Werte und ihre Darstellung in den sozialen Medien sind an sich nicht problematisch – sie können sogar inspirierend wirken, wenn sie zeigen, dass Frauen in ihrem selbst gewählten Lebensmodell glücklich sind. Sie spielen mit ihren Kindern, freuen sich, wenn sie ihren Mann glücklich machen können, und gehen ihren Hobbys nach. Wenn diese Frauen sich in ihrer Rolle wohlfühlen und glücklich sind, könnte man meinen, dass darin kein Problem liegt, oder? Schließlich hat der Feminismus lange dafür gekämpft, dass jede Frau frei entscheiden kann, wie sie ihr Leben gestalten möchte, ohne dafür verurteilt zu werden.
Einige der Tradwives bezeichnen sich selbst als Feministinnen, wie zum Beispiel Carolina Tolstik, die unter dem Namen Malischka postet. Sie spricht sich klar für Frauenrechte aus und erklärt gegenüber der Tagesschau: „Ich bekomme unheimlich viel Zuspruch von Hausfrauen, die sagen: Endlich werden wir mal gesehen. Wir werden wahrgenommen.“ Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die Frauen nur friedlich Einblicke in ihr Leben geben und Tipps teilen. Dahinter verbirgt sich jedoch eine tiefere Ebene, die bei näherer Betrachtung problematisch wird.
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Die Idealisierung traditioneller Rollenbilder
Diese Idealisierung birgt Risiken: Sie kann Frauen in wirtschaftliche und emotionale Abhängigkeit treiben, indem sie ein Bild propagiert, in dem sich die Frau dem Partner unterordnet und kein eigenes Geld verdient. Dies führt nicht nur zu einer ungleichen Verteilung von Ressourcen und Macht innerhalb der Familie, sondern auch zu einem Verlust an Selbstbestimmung und Perspektiven außerhalb des familiären Rahmens.
Gefährlich wird die Tradwife-Bewegung aber genau dann, wenn das traditionelle Geschlechtermodell nicht mehr als Option, sondern als einzig wahre und moralische Lebensweise dargestellt wird. „Hier wird ein religiös motiviertes Verständnis von Reinheit in Bezug auf die Pflichten und Tugenden einer (Haus-)Frau propagiert“, erklärt Lea Lochau. Auf Plattformen wie TikTok präsentieren Influencer*innen mit christlichem Hintergrund das Tradwife-Modell oft als gottgegeben und anderen Lebensstilen überlegen.
Gefahren der rechtsextremen Instrumentalisierung
Diese Überhöhung eines bestimmten Rollenbildes geht jedoch mit der Abwertung alternativer Lebensentwürfe einher und dient letztlich als Einfallstor für rechtsextreme und völkische Narrative. So wird das Phänomen zu einer Brücke für Ideologien, die nicht nur konservative Werte, sondern auch Ausgrenzung und Intoleranz fördern, insbesondere gegenüber Lebensmodellen, die feministisch oder nicht heteronormativ sind.
„Das Tradwife-Phänomen wird beispielsweise von rechten bis rechtsextremen AkteurInnen instrumentalisiert und genutzt, um die eigene Ideologie niedrigschwelliger zu transportieren und zu vermarkten“, so Lochau. Diese Ideologien stellen einen klaren Rückschritt dar, da sie die Errungenschaften jahrhundertelanger Kämpfe um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung in Frage stellen. „Es scheint, als müsse jede Generation neu über bereits erkämpfte und errungene Rechte verhandeln“, warnt Lochau. „Das ist zumindest beängstigend, wenn man bedenkt, wie viel erreicht wurde, um Frauen heute ein selbstbestimmtes und glückliches Leben zu ermöglichen“.
Wie umgehen mit dem Tradwife-Trend?
Die Tradwife-Bewegung ist mehr als nur ein Trend. Sie ist ein Symptom gesellschaftlicher Unsicherheit und ein Instrument politischer Ideologien. Es handelt sich nicht unbedingt um ein Massenphänomen, aber es wirft wichtige Fragen auf: „Was suchen junge Frauen und Mädchen dort und was finden sie, was ihnen anderswo fehlt?
Um dem Phänomen zu begegnen, braucht es laut Lea Lochau Sensibilisierung und eine klare Benennung von Antifeminismus und Queerfeindlichkeit. Es muss aufgezeigt werden, wer von solchen Bewegungen profitiert: zum Beispiel Parteien wie die AfD, die mit weniger als 12 Prozent Frauen im Bundestag eine stark antifeministische Ausrichtung hat. Auch die Förderung von Abhängigkeitsstrukturen und die Beeinflussung von Minderjährigen, die die Folgen noch nicht abschätzen können, müssen kritisch hinterfragt werden.
Den Medien und Bildungseinrichtungen komme dabei eine zentrale Rolle zu. Lochau plädiert für eine verstärkte Förderung von Medienkompetenz. Zudem sei es wichtig, Angebote zu schaffen, die die Selbstwirksamkeit von Frauen fördern. „Die aktuelle Shell-Studie zeigt, dass junge Frauen resilienter sind. Es gibt also Hoffnung.“ (Patricia Nägele)
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