Schmidts Werder-Angebot nach Frankfurt-Spiel
„Und plötzlich hat alles geklappt“
Bremen - Ex-Profi Bernd Schmidt wechselte im Sommer 1967 zum SV Werder Bremen – dank eines legendären Spiels gegen Werders kommenden Gegner Eintracht Frankfurt.
Das Rollo klemmt etwas, die jahrelangen Dienste sind ihm deutlich anzusehen. Erst beim zweiten, dritten Versuch saust es nach oben und gibt das Fenster frei. Licht dringt in den kleinen Kellerraum unter dem Haus von Bernd Schmidt. An den Wänden: Bilder von Fußballern aus einer anderen Zeit. In den Schränken: Wimpel, Aufkleber, Zeitungsartikel, deren Papier inzwischen an Pergament erinnert. „Kommen Sie rein, hier bewahre ich alles auf“, sagt Schmidt, der dabei klingt wie ein Museumsdirektor.
Stolze 150 Spiele hat er für Werder Bremen in der Bundesliga bestritten, zwischen 1967 und 1974. „Die schönsten Jahre meines Lebens“, sagt Schmidt. Von Zeit zu Zeit geht er in den Keller, um sie wieder lebendig werden zu lassen. So wie in diesen Tagen. Am Ostersonntag spielt Werder gegen Eintracht Frankfurt – und für Bernd Schmidt fühlt es sich noch immer an, als wäre das sein Spiel. Denn ohne die beiden Vereine wäre der 74-Jährige heute nicht der, der er ist.
Schmidts Doppelpack gegen die Eintracht
Schwarzes Leder, an einigen Stellen etwas abgegriffen, den Anblick des Koffers hat Bernd Schmidt bis heute nicht vergessen. Er baumelte damals, im Frühjahr 1967, an der Hand von Wilhelm Riethmöller. Für ein Treffen mit Schmidt war Werders dritter Vorsitzender eigens von Bremen nach Kassel gereist.
Nun wollte er nichts dem Zufall überlassen. „Der Koffer war randvoll mit Geld“, erinnert sich Schmidt, dessen Karriere vor 51 Jahren gerade Fahrt aufgenommen hatte. Wenige Wochen vor der Begegnung mit Riethmöller hatte Hessen Kassel einen sensationellen 6:2-Erfolg in der Qualifikationsrunde des DFB-Pokals gefeiert. Schmidt erzielte zwei Tore für den Außenseiter. Der Gegner hieß Eintracht Frankfurt.
Nach dem Frankfurt-Spiel kam das Angebot von Werder
In seinem Kellerraum tigert der Ex-Profi auf und ab, fast so, als wäre es ein Widerspruch, sitzend vom Spiel seines Lebens zu erzählen: „Es war wunderbar, wir lagen zur Pause mit 0:2 zurück, und plötzlich hat alles geklappt.“ Kurz danach kamen die Angebote: Bayern, Karlsruhe, Kaiserslautern und Werder, für das sich Schmidt letztlich entschied. Neben ihm verpflichteten die Bremer noch zwei weitere Spieler aus Kassel: Torhüter Karl Loweg und Stürmer Horst Schaub, die – anders als Schmidt – aber Randfiguren bleiben sollten.
Gleich in seinem ersten Jahr beim SVW wurde Schmidt mit dem Verein Vizemeister. Am letzten Spieltag gegen Gladbach glückte dem Allrounder sein erstes Bundesligator. Es war eine Zeit, in der Berufsfußballer nebenbei noch einer anderen Tätigkeit nachgingen. Gemeinsam mit Mitspieler Josef Piontek sortierte Schmidt in einem Großhandel Lochkarten ein. Das brachte nicht viel Geld, aber es kam verlässlich. Bei Werder war das nicht immer der Fall. Geschäftsführer Hans Wolff bat bei den Profis hin und wieder um Nachsicht. „Er kam zu uns in die Kabine und hat gesagt, dass der Verein erst die Einnahmen aus dem nächsten Heimspiel abwarten muss, ehe es Geld gibt“, sagt Schmidt. Und lacht. „Das war eben so.“
In den folgenden Saisons wurde Werder Neunter und Elfter, mehrfach wechselte der Verein den Trainer. Bei Schmidts Verpflichtung im Sommer ‘67 hieß der noch Günter Brocker. Bis zum Sommer ‘70 folgten Fritz Langner, Fritz Rebell, Hans Tilkowski und schließlich Robert „Zapf“ Gebhardt – mit dem Schmidt im Februar 1971 mächtig Ärger bekam. „So schlimm war das alles gar nicht“, beteuert er. Fest steht: Nach einem Kneipenbesuch am Morgen wurden Schmidt und Mitspieler Bernd Windhusen mit Geldstrafen belegt. „Ich musste 200 DM zahlen, Bernd 400“, sagt Schmidt.
Trainer Gebhardt hatte in dem Vorfall selbst ermittelt und schrieb an den Vorstand des Vereins, dass seine Spieler nach Angaben der Wirtin etwa „15 bis 20 Biere und einige Schnäpse“ getrunken haben sollen. Später sei es zu einer Schlägerei mit dem Freund der Wirtin gekommen. „Ach, wir haben einfach einen netten Frühschoppen gemacht“, sagt Schmidt 47 Jahre später. Spielen durfte der gebürtige Hesse weiterhin, und so kam es für ihn im März ‘71 zur nächsten bedeutsamen Begegnung mit Eintracht Frankfurt.
Bis 1974 hielt Schmidt für Werder die Knochen hin
Nachdem Schmidt Werder am 26. Spieltag in der 90. Minute zum 1:0-Erfolg geschossen hatte, dauerte es nur wenige Tage – dann rief Eintracht-Trainer Erich Ribbeck an. „Er wollte mich haben“, sagt Schmidt, der damals mit seinem Vater an den Main fuhr und absagte. „Werder war mein Verein.“
Bis Sommer ‘74 hielt Schmidt für Grün-Weiß die Knochen hin. Einer ging dabei gleich zweimal zu Bruch, was dem Fußballer schließlich zum Verhängnis wurde. „Mein rechter Mittelfuß ist zweimal gebrochen“, erinnert sich Schmidt, dessen Fraktur zunächst gedrahtet wurde. „Ich habe einfach weitergespielt.“ Als der Draht entfernt war, stieß er im Training mit Uwe Bracht zusammen, danach war die Bundesliga-Karriere so gut wie vorbei. Wieder Hessen Kassel, dann Atlas Delmenhorst lauteten seine letzten Stationen als Fußballer.
„Ich bin zufrieden mit meiner Karriere“, sagt der Rentner. Schmidt stand beim Pfostenbruch vom Bökelberg auf dem Platz, war später Teil von Werders legendärer Millionenelf. Und auch wenn sein Name keiner der ganz großen in der Vereinsgeschichte ist – vergessen ist er nicht. Speziell dann, wenn Werder gegen Frankfurt spielt, wird ihm das wieder bewusst. „Beide Vereine waren nicht ganz unwichtig für mich“, sagt er. Und lacht ein weiteres Mal herzlich.
