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Bremen – Den Fußballer und Torjäger Claudio Pizarro kennt nahezu jeder. Aber kennt auch jemand den Familienvater Claudio Pizarro? Im Interview mit der DeichStube erklärt der 40-Jährige, was ihm bei der Erziehung seiner drei Kinder wichtig war und ist.
Zudem verspricht der Stürmer vor dem Start der Rückrunde (von der er immer noch nicht sagen mag, dass es seine letzte als aktiver Fußballer sein wird) einen Werder-Lauf, der den Club nach Europa führen wird. Ob das nur der übliche Optimismus ist? Claudio Pizarro lacht und sagt: „Ihr werdet alle überrascht sein.“
Herr Pizarro, sind Sie eigentlich ein autoritärer Mensch?
Wenn ich etwas an ihm oder auch an anderen jungen Spielern erkenne, was mir früher auch so passiert ist, dann versuche ich zu helfen, dann gebe ich Tipps. Am Anfang meiner eigenen Karriere war es wichtig, dass es da auch jemanden gab, der mir gesagt hat: „Hey, das machst du falsch.“
Wenn Sie Ihre Tipps geben, geht das immer im freundlichen Ton oder wird es auch schon mal lauter?
Es wird auch mal lauter. Manchmal muss das so sein. Da sind die Spieler heute auch nicht anders als früher. Die einen halten ein deutliches Wort gut aus, die anderen schrecken zurück. Die Charaktere sind eben unterschiedlich.
Was ich ihm nicht sagen musste, war: „Junge, heb’ jetzt nicht ab!“ Denn Josh ist ein ganz ruhiger Typ, dem passiert das nicht. Bei Johannes Eggestein ist es genauso. Ich habe Josh erklärt, dass er so weitermachen muss wie bisher. Wenn du Tore machst, bekommst du Selbstvertrauen – und wenn du dazu auch noch Qualität besitzt, werden immer mehr Tore kommen. Deshalb muss Josh einfach nur weitermachen. Bisher ist ihm das gut gelungen.
Sargent und „Jojo“ Eggestein schauen einerseits zu Ihnen auf, sind andererseits aber auch Ihre Konkurrenten und könnten Sie sogar aus dem Kader verdrängen. Hat sich die Rolle des Fußball-Vaters deshalb bald erledigt?
Nein, nein. Ich freue mich sehr, wenn die Jungs es schaffen. Sie sind die Zukunft des Vereins. Wer aber jeweils spielt, entscheidet der Trainer. Und ich werde auch in der Rückrunde um meinen Platz kämpfen. Ich will immer spielen. Dass ich nicht im Kader bin, kann passieren, wird aber nicht passieren. Wenn ich fit bin, wird der Trainer mich auch nominieren.
Mit 40 Jahren stehen Sie am Ende Ihrer Karriere. Wären Sie gerne nochmal 18 wie Sargent?
Nein. Ich hatte meine Zeit. Und ich kann sagen: Ich habe alles richtig gemacht – naja, fast alles (lacht).
Sie sind mit 19 Jahren aus Peru nach Bremen gekommen. Welchen Tipp würde der 40-Jahre-Pizarro heute dem 19-Jahre-Pizarro geben?
Als ich damals zu Werder wechselte, habe ich mir gesagt: Der Fußball ist meine Sprache. Da habe ich mich im ersten Jahr zu wenig auf die Kultur und die Leute eingelassen, habe die Sprache nicht gelernt. Rückblickend war das wohl ein Fehler. Andererseits: Vielleicht wäre es dann im Fußball nicht so gut gelaufen.
Sie selbst haben drei Kinder, zwei Jungs, 19 und 13 Jahre alt, ein Mädchen, 17 Jahre alt. Sind Sie als „echter“ Papa strenger oder nachsichtiger?
Meine Kinder sagen, dass ich sehr streng bin. Aber das bin ich nicht (lacht). Ich weiß noch genau, wie ich erzogen wurde. Mein Vater war Marine-Soldat und hat viel Disziplin mit in die Familie gebracht. Meine Kinder würden das, was für mich normal war, wohl fast schon als eine Art Gefängnis empfinden.
Was haben Sie von Ihrem Vater übernommen?
Ich bin mittlerweile sehr organisiert. Ich weiß nicht, ob ich das von meinem Vater habe, oder ob es daran liegt, dass ich schon sehr lange in Deutschland bin. Manchmal bin ich auch spontan, aber eigentlich muss ich alles planen.
Sie sind als Fußball-Star eine privilegierte Person. Ist es für Ihre Kinder schwierig, einen so prominenten Vater zu haben?
Was das betrifft, haben meine Frau Karla und ich immer sehr aufgepasst. Ich wollte nicht, dass sich meine Kinder in meinem Erfolg verlieren. Wir haben viel mit ihnen darüber gesprochen, denn wir wollten, dass sie auf dem Boden bleiben. Ich glaube, das haben wir ganz gut gemacht. Dazu kann ich Ihnen noch eine kleine Geschichte erzählen.
Bitte, nur zu!
Wenn wir in Peru sind, dann will mein Ältester, Claudio junior, nicht meinen Nachnamen tragen, er will nicht Pizarro heißen. Er trägt seinen zweiten Nachnamen Salcedo, das ist der Familienname meiner Frau. Claudio will nicht, dass ihn die Leute anders angucken, wenn sie den Namen Pizarro hören. Das mag er nicht.
Wie begleiten Sie Ihre Kinder in deren eigenes Leben?
Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, das haben sie verstanden und machen es auch. Sie bekommen, was sie benötigen. Aber was sie zusätzlich wollen, müssen sie sich verdienen. Claudio studiert in England, in Leicester. Physik übrigens. Das hat er von mir (lacht). Nein, ernsthaft, ich hatte mit Physik nur Probleme. Meine Tochter geht noch zur Schule, möchte später in der Filmproduktion arbeiten, vielleicht Regisseurin werden. Und der Kleine ist ein bisschen mehr wie ich und wird vielleicht Fußballer. Er spielt in München, wo die Familie lebt, beim TSV Grünwald. Aber er ist kein Stürmer, sondern Torwart.
Schauen Sie oft bei seinen Spielen zu, und sind Sie dann ein anstrengender Spieler-Vater?
Ich schaue so oft wie möglich zu. Aber ich bin am Spielfeldrand ein bisschen schüchtern (lacht).
Wie gefällt es Ihnen eigentlich, dass Sie überall, wo Sie auftauchen, als Fußball-Legende verehrt werden?
Ehrlich: Darüber denke ich nicht nach.
Auf dem Flug ins Trainingslager nach Johannesburg lief im Programm des Bord-TV ein Film mit den besten Pizarro-Toren...
... ja, das war schön. Ich habe es aber erst gar nicht gemerkt, man musste es mir erst zeigen.
Für Sie muss es geschätzt das 50. Trainingslager Ihrer Karriere gewesen sein. Hat es noch Spaß gemacht?
Ja, ich mag diese Vorbereitungszeit, weil sie schon immer wichtig für mich war. Natürlich möchte man an manchen Tagen lieber im Bett bleiben. Trotzdem werde ich es vermissen, wenn die Karriere vorbei ist. Ich glaube, ich werde dann weiter mindestens einmal im Jahr mein eigenes Trainingslager absolvieren, damit mein Körper in Form bleibt. Ich brauche das. Ich kann jetzt schon nicht lange zu Hause sitzen. Meine Frau schickt mich manchmal sogar weg, weil ich zu unruhig werde. Ich muss dann laufen oder Rad fahren.
Über die Qualität der Vorbereitung in Südafrika wurde viel geschrieben. Wie war es aus Ihrer Sicht?
Es war eine gute Vorbereitung.
Aus den Testspielen vor Ort war nicht abzulesen, dass die Mannschaft gut drauf ist.
Das ist ganz normal. Es war sehr heiß dort, wir waren mit der Platzqualität nicht vertraut und hatten vom Training schwere Beine. Ich gebe nicht viel auf diese Testspiele.
Am Samstag wird es wieder ernst, dann startet Werder beim Vorletzten Hannover 96 in die Rückrunde. Nach dem ergebnistechnisch enttäuschenden Hinrundenabschluss wäre alles andere als ein Bremer Sieg gleich ein Stimmungskiller, oder?
Ich kann keinen Sieg versprechen, aber ich kann sagen, dass wir ein gutes Spiel abliefern werden.
Sie scheinen sehr überzeugt zu sein. Wie viel Verbesserung erwarten Sie in der zweiten Saisonhälfte?
Ich bin sehr gespannt auf die Rückrunde. Ich glaube, am Ende werdet ihr alle überrascht sein über das, was wir gezeigt haben.
Das klingt noch überzeugter – so, als würden Sie nach wie vor an die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb glauben.
Wir wollen nach Europa, und ich bin mir sicher, dass wir bekommen werden, was wir wollen.
Dafür muss Werder als Halbzeit-Zehnter aber noch mindestens vier Teams überholen.
Stimmt, aber wir spielen auch noch gegen jeden. Ich mache mir da keine Sorgen.
Sorry, aber das wirkt ein bisschen wie Zweckoptimismus – so, als ob es schlicht zu langweilig wäre, nur von Platz zehn als Saisonziel zu reden.
Mit langweilig hat das nichts zu tun. Über Platz zehn zu reden, wäre die sichere Variante, aber das europäische Geschäft ist ein Ziel, das uns fordert. Und nur wenn wir gefordert sind, werden wir auch besser.
Die Hinrunde verlief zweigeteilt. Erst 17 Punkte in acht Spielen, dann nur noch fünf in neun Partien.
Wir waren Dritter und haben dann drei Spiele in Folge verloren. Das hat uns die europäischen Plätze gekostet. Da waren wir wirklich nicht gut genug, das wissen wir. Aber dass wir am Anfang viel gepunktet haben, war auch kein Zufall.
Jetzt geht es mit den gleichen Gegnern wieder los. Ist das die Chance zum erneuten Vorstoß?
Wir müssen jetzt punkten, und das können wir auch. Weil wir richtig guten Fußball spielen.
Fußball nach Ihrem Geschmack?
Ja, deshalb bin ich auch nochmal zurückgekommen. Ich wusste, was der Trainer vorhat, wie er spielen lassen will. Und Florian Kohfeldt hat gezeigt, dass er sich auskennt in seinem Job. Er ist einer, der Fußball auch als eine Art Kunst versteht, das mag ich.
Mögen Sie überhaupt an ein Karriereende im Sommer denken, wenn bei Werder alles in die richtige Richtung läuft?
Ich muss diese Entscheidung wirklich mit Geduld angehen. Zum Glück habe ich das verstanden. Ich muss abwarten, was mein Körper sagt, was der Trainer sagt, was die Mannschaft denkt und ob wir international spielen. Im Moment gilt noch die Idee, dass im Mai Schluss ist für mich. Und bevor es keine anderen Gespräche gibt, kann ich nichts anderes sagen.