„Dirk am Deich“: Gieselmann über Schaafs Rückkehr
Papa lässt sein Gesicht knirschen
Von Dirk Gieselmann. Zwei Dinge kann man sich nicht aussuchen, so hieß es früher, seine Familie und seinen Verein.
Nun mögen die Zeiten unsteter geworden sein, Familien sind nurmehr fluktuierende Gebilde, und viele suchen sich ihren Verein eben doch aus, je nach Erfolgs- und Vergnügungsaussichten. Doch ich bin da konservativ beziehungsweise immer noch der Überzeugung, dass ich es mir nicht aussuchen kann. Also einmal Gieselmann, immer Gieselmann, einmal Werder, immer Werder.
Mit meiner Familie habe ich großes Glück gehabt, es kam trotz sportlicher Krisen bislang zu keinen einvernehmlichen Trennungen, mir sind auch keine Ausstiegsklauseln bekannt. Was aber den SV Werder anbelangt, den bloß „Verein“ zu nennen weit untertrieben wäre, hat er doch selbst vieles mit einer Familie gemein, in die ich und viele andere hineingeboren worden sind, was Werder also anbelangt, meine zweite Familie, bin ich leider ein Scheidungskind. Wir schrieben das traurige Jahr 2013, als Papa von zu Hause auszog.
Ailton, das lustigste Kind von uns allen
Ich erinnere mich an den ersten Sommer ohne ihn und wie ich hoffte, dass er zurückkommen und alles wieder gut werden würde. Ich erinnerte mich an einen gemeinsamen Urlaub auf Norderney vor vielen Jahren, in dem Ailton, das dickste und lustigste Kind von uns allen, mal wieder Unsinn getrieben hatte. „Was machen Sie jetzt mit ihm?“, wurde Papa gefragt. „Och“, sagte Papa, „wir integrieren ihn wieder in die Gruppe.“ - „Und wie soll das gehen?“ - „Indem wir ihn bestrafen!“ In diesem Moment sprintete der dicke, lustige Ailton hinter ihm schwitzend und keuchend durch den Sand. Was haben wir da gelacht, selbst Papa. Doch Papa blieb fort.
Stattdessen zog ein Neuer ein, ein Anzugtyp aus dem süddeutschen Raum, den ich nicht recht mochte, auch wenn er sich sichtlich Mühe gab, vielleicht zu viel Mühe. Dann kam noch einer, Viktor hieß er, ein guter Kerl, aber etwas wortkarg. Das war Papa zwar auch, aber er konnte sehr viel sagen, indem er schwieg. Ja, über die Jahre hatten wir es geschafft, auf nonverbale Weise zu kommunizieren, wie es in glücklichen Familien manchmal gelingt. Oft reichte es, wenn er sein Gesicht knirschen ließ, und alle wussten Bescheid.
Thomas Schaaf: Seine Karriere in Bildern




Der Viktor war in Ordnung, das schon, wir konnten auch mit ihm lachen und unternahmen ein paar schöne Ausflüge, aber ich vermisste Papa heimlich immer mehr. Unter meinem Kopfkissen bewahrte ich ein Foto von ihm auf, wie ein Heiligenbild, ein Reliquie. Es wurde nicht gerade besser, als ich ihn mit anderen Familien sehen musste, in Frankfurt und Hannover. Als ich sah, wie er ihnen beibringen wollte, was er uns beigebracht hatte. Papa, fand ich, sah selbst nicht besonders glücklich aus dabei. Wir trafen uns jetzt nur noch zwei Mal im Jahr am Wochenende und taten so, als würden wir einander nicht kennen. Ich glaube, Papa weinte, wie es so seine Art ist, nach innen.
Nachdem auch Viktor schließlich ausgezogen war, versuchten wir, den Haushalt allein zu schmeißen, erst mit Alexander, der fast noch ein Kind war wie wir, als Erziehungsberechtigtem, und jetzt mit Florian. Es klappt immer besser. Wir haben gelernt, unsere Hausaufgaben selbstständig zu machen, den Einkauf zu erledigen und die Bude sauber zu halten. Wir haben gelernt, dass sich das ganz große Glück wohl nicht wieder einstellen wird. Und auch, mit dem kleinen Glück zufrieden zu sein. Wir sind erwachsen geworden. Oder sagen wir so: Wir sind noch nicht ganz groß, aber auch nicht mehr so klein.
Papa ist nicht mehr das Familienoberhaupt
Doch jetzt, nach fast fünf Jahren, kehrt Papa doch zurück. Aus der irrationalen Sehnsucht ist ein vernünftiger Plan geworden, es doch noch mal miteinander zu versuchen, in neuer Konstellation, ein bisschen offener vielleicht als früher. „Lasst uns Freunde bleiben“, hat er damals gesagt, vielleicht hat er es auch nicht gesagt, sondern nur mit dem Gesicht geknirscht, aber wir hatten ihn ja trotzdem verstanden. Er kehrt jetzt als ein solcher Freund zurück in ein Haus, in dem es inzwischen auch ohne ihn läuft.
Was nicht heißt, dass ihn niemand mehr vermisst hätte. Er ist bloß nicht mehr das Familienoberhaupt, das er einst war. Der Chef ist und bleibt der Florian, als Erster unter Gleichen. Das muss Papa akzeptieren und seinen Platz finden, vielleicht auch mal im Ohrensessel, wo er von früher erzählt. Von den Fehlern, die man macht, wenn man jung ist. Von den unheilvollen Wegen, auf die eine Familie geraten kann, selbst wenn alle darin in Liebe verbunden sind. Als Rat und Warnung. Und wir müssen weitermachen wie zuletzt, gerade und stolz durchs Leben gehen. Dann hat Papa allen Grund, stolz auf uns zu sein. Und wir sind wieder eine Familie.
Das ist Dirk Gieselmann: Geboren 1978, aufgewachsen in Sankt Hülfe-Heede nahe Diepholz, groß geworden beim Magazin „11 Freunde“, ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen- und dem Deutschen Reporterpreis, mittlerweile in Berlin lebend, als Freier Autor für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel online“ arbeitend und jetzt auch Mitbewohner in der DeichStube. Regelmäßig wird Dirk Gieselmann in seiner Kolumne „Dirk am Deich“ über sein Leben als Werder-Fan berichten.
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