Nils Petersen schreibt in seiner Kolumne für die DeichStube

„Ich bin wohl eher Discount-Ware“

Nils Petersen

Von Nils Petersen. Das Transferfenster ist endlich zu, und die europäischen Banken haben die letzten Überweisungsträger bearbeitet. Hauptsache die Mitarbeiter checken nicht die Marktwerte, da sonst Zweifel über die Richtigkeit der Kommastellen aufkommen könnten.

Wahnsinn, welche Preise für Neymar, Dembele und Co. bezahlt wurden. Ich dachte immer, dass ich vielen Clubs viel Geld gekostet habe, aber wenn man die aktuellen Kurse betrachtet, würde ich mich eher als Discount-Ware betrachten, die für den einen oder anderen Verein abgelaufen schien und dann doch ein neues Verfallsdatum bekommen hat. Nach dem Motto: „Den kann man noch gebrauchen.“ Beim SC Freiburg habe ich nun das Gefühl, etwas langfristiger angestellt sein zu dürfen. Sozusagen ein tiefgefrorenes Produkt, das jeden Tag versucht, eiskalt zu bleiben. Am besten vor dem gegnerischen Tor.

Die Integration ist für neue Spieler nicht immer einfach

Freiburg ist eine tolle Wahl-Heimat. Vielleicht findet eine solche jetzt auch der neue Werder-Stürmer Ishak Belfodil. Acht Stationen in fünf Jahren – die Miles&More-Card dürfte glühen. Aber Hauptsache, er schießt sofort die nötigen Tore. Aus Erfahrung weiß ich: Es gibt wenig Schöneres, als am Osterdeich zu knipsen. Ich hatte das Glück, bei meinem Heimdebüt getroffen zu haben. Sogar im Nordderby. Das erleichtert natürlich die Integration, die nicht immer einfach ist.

Ich persönlich habe es nie gemocht, in neue Kapitel zu starten. Ich kann Abschiede nicht leiden, und ich finde es unangenehm, in fremde Kabinen und Mannschaften zu kommen. Grundsätzlich bist du zwar willkommen, aber erst mal bist du außen vor und hast keine Ahnung, wo du dich in den Bus setzen oder mit wem du eine Zwei-Mann-Übung machen sollst. Du wirst von 25 anderen Spielern beobachtet. Bist du cool und ziehst dein Ding gnadenlos durch? Oder willst du, dass dich alle für deine Demut mögen, du aber von Beginn an der Weichling bist?

Die Mannschaft muss schnell erkennen, dass du kein Blinder bist

Was einem Stürmer bei der Integration hilft, ist Erfolg. Die sportliche Leistung ist am Ende sowieso das Wichtigste. Die Mannschaft muss schnell erkennen, dass du kein Blinder bist und weiterhilfst. Vorherige Qualitätsnachweise sind da natürlich von Vorteil und bei dem medialen Hotspot Bundesliga heutzutage auch unumgänglich. Jeder Fußball-Fan liest Sportnachrichten und weiß ganz genau, was du in deiner Karriere schon gerissen hast und was nicht. Ich kam damals mit nur zehn Bundesliga-Spielen in meiner Vita nach Bremen und war trotzdem der Stürmer Nummer eins. Vergangenheit sei Dank. Das macht es einfacher. 

In München war ich dagegen der 2.Liga-Bubi. So unterschiedlich können die Starts und das Ansehen sein. Aber Stürmer können es schnell beeinflussen, am besten mit Toren. So wie es zwei Jahre bei Werder ordentlich geklappt hat. Dann kamen halt andere Stürmer – und es hieß: Koffer packen für die nächste Station. Wieder in der Hoffnung, dass es eine der letzten ist. So ist das Fußballerleben: Heute hier, morgen da. Dafür sorgen Tore und vergebene Chancen. Wieder rauf oder wieder runter. Dennoch ist es das Schönste, diesen Job machen zu dürfen, und ich bin sehr stolz darauf, mich über Jahre in der Bundesliga gehalten zu haben, zumal die Konkurrenz immer größer und für immer mehr Geld neues Personal eingekauft wird. Ich finde es sympathisch, dass Clubs wie Freiburg oder Werder nicht völlig verrückte Summen bezahlen und trotzdem konkurrenzfähig sind. Wir haben in Freiburg eine tolle Qualität im Kader und auch bei Werder sehe ich viel Potenzial, gerade in der Offensive.

Bin kein Fan von übereifriger Wechselhektik

Ich bin gespannt, an welcher Schraube des Kruse-Bartels-Sturms Coach Nouri drehen wird, um Belfodil berücksichtigen zu können – oder eben auch nicht. Bremen hatte immer Strafraumstürmer, aber die Volle-Attacke-Zeit wie unter Thomas Schaaf ist Geschichte. Fünferkette und spielende Stürmer sind Trend. Aber wie lange noch? Der Fußball ist brutal schnelllebig: taktisch, spielerisch und leider auch in jedem Transferfenster. Ich bin kein Fan der mitunter übereifrigen Wechselhektik. Hoch lebe Identifikation und Treue a la Neu-Papa Clemens Fritz. Und hoch lebe der Strafraumstürmer, damit Belfodil und ich nicht schon bald wieder über das Einkaufsband rollen.

Nils Petersen

Zur Person: Der 28-jährige Stürmer kam 2012 vom FC Bayern München zum SV Werder Bremen. Für die Grün-Weißen erzielte er in 72 Pflichtspielen 18 Tore und bereitete neun weitere vor, ehe er im Januar 2015 zum Bundesliga-Konkurrenten SC Freiburg transferiert wurde. Im Breisgau ist Petersen – wie auch schon im Bremen – Publikumsliebling. Seine Bilanz: 85 Pflichtspiele, 47 Treffer, 11 Assists. Bemerkenswert: Mit 19 Toren als Einwechselspieler ist Petersen der erfolgreichste Joker der Bundesliga-Geschichte.

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